Bessere Autismus-Tests durch Forschung mit Betroffenen: Potsdamer Psychologin ausgezeichnet
An der Universität Potsdam geht es in diesen Tagen um eine Frage, die für viele Menschen ziemlich persönlich ist: Wer wird mit Autismus erkannt – und wer fällt durch das Raster? Die Potsdamer Psychologin Friederike Charlotte Hechler erhielt dafür den Better World Award der Universität Potsdam. Die Auszeichnung würdigt ihre Arbeit an besseren Autismus-Tests.
Viele Menschen greifen zu solchen Tests, um zunächst zu klären, ob sie autistisch sein könnten. Nach Hechlers Einschätzung sind die Verfahren jedoch häufig ungenau gestaltet. Die Folgen können gravierend sein: Viele Autistinnen und Autisten bleiben undiagnostiziert, besonders weibliche und nonbinäre Menschen. Ein Grund dafür sei, dass die Tests stark an männlichen Autisten ausgerichtet sind.
Forschung nicht über, sondern mit Betroffenen
Hechler untersuchte defizitorientierte Annahmen über Autismus und die Nutzung von Blicksignalen in der sozialen Kommunikation. Aus ihrer Arbeit mit Studienteilnehmenden entwickelte sich ein partizipatives Forschungsprojekt. Autistische Menschen sollen dabei stärker an der Entwicklung wissenschaftlicher Untersuchungsinstrumente beteiligt werden – nicht bloß als Testpersonen, sondern als gleichberechtigte Forschungspartner.
Gemeinsam mit Betroffenen überarbeitete Hechler den gängigen Test „Comprehensive Autistic Trait Inventory – Revised“, kurz CATI-R. Das Instrument wurde zunächst auf Englisch und anschließend auf Deutsch validiert. Türkische und polnische Versionen sind in Arbeit. Die Forschungsergebnisse werden international über Open Science und Kooperationen zugänglich gemacht.
Auch die Experimente zur Blickkommunikation rütteln an einer pauschalen Vorstellung: Autistische und nicht-autistische Erwachsene nutzten laut den Ergebnissen sehr ähnliche Hinweise, um die Absichten anderer zu erkennen. Die Befunde widersprechen damit der Annahme, autistische Menschen hätten grundsätzlich Schwierigkeiten, kommunikative Signale zu verstehen.
Hechler warnt zugleich vor defizitbasierten Modellen. Sie könnten negative Auswirkungen auf Bildung, Gesundheitswesen und öffentliche Diskurse haben. Eine Forschung, in der autistische Menschen als gleichberechtigte Partner auftreten, soll gesellschaftlich relevanter und wissenschaftlich umfassender werden. Das klingt sperrig auf dem Papier, ist in der Praxis aber eine ziemlich grundlegende Verschiebung.
Auszeichnung für internationale Arbeit
Für ihre international ausgerichtete und anwendungsbezogene Forschung erhielt Hechler den Better World Award UP 2026 der Universitätsgesellschaft Potsdam e.V. und der LAND BRANDENBURG LOTTO GmbH. Der Preis ist mit 3.333 Euro dotiert und wird jährlich an junge Akademikerinnen und Akademiker verliehen, deren Arbeiten zur Weiterentwicklung der Gemeinschaft beitragen.
Anja Bohms, Geschäftsführerin der preis stiftenden LOTTO GmbH, sieht in Hechlers Arbeit mehrere UN-Nachhaltigkeitsziele berücksichtigt: Gesundheit und Wohlergehen, weniger Ungleichheiten, hochwertige Bildung, Geschlechtergleichheit und internationale Zusammenarbeit.
Die Ergebnisse fließen außerdem in das internationale U21 Autism Research Network ein. An der Universität Potsdam nutzt Hechler sie auch für ein von ihr entwickeltes Lehrmodul zu Neurodiversität und partizipativer Forschung.
Hechler wurde 1990 in Olpe geboren. Sie studierte Linguistik und Geschichte im Zweifach-Bachelor an der Humboldt-Universität zu Berlin und Linguistics im Master an der Universität Potsdam. Mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung promovierte sie 2025 zum Thema „Perceptual and Psychological Mechanisms of Gaze-Based Communication across Virtual, Artificial and Neurodiverse Social Interactions“.
Die Promotion erfolgte in Potsdam und Sydney im internationalen Promotionsprogramm IDEALAB der Universitäten Potsdam, Newcastle, Groningen und Macquarie. Inzwischen ist Friederike Charlotte Hechler E-STEEM Postdoctoral Fellow in der Clinical Social Neuroscience Unit der Universität Wien.
Ein Forschungsfeld mit mehreren Blickwinkeln
Die aktuelle Neurodiversitätsforschung verfolgt mehrere, teils stark unterschiedliche Ansätze. Einer davon ist das Double-Empathy-Problem: Damian Milton prägte 2012 in Disability & Society das Konzept einer wechselseitigen Verständigungslücke. Seitdem wurde es in zahlreichen Studien empirisch untersucht. Nicht nur autistische Menschen könnten Schwierigkeiten haben, andere zu verstehen; auch nicht-autistische Menschen könnten autistische Kommunikation missdeuten.
Die Monotropie-Theorie von Murray, Lesser und Lawson aus dem Jahr 2005 beschreibt autistische Aufmerksamkeit als „Tunnel“ statt als „Scheinwerfer“. Sie versucht, verschiedene Symptome in einem zusammenhängenden Modell zu erklären.
Hinzu kommt die Forschung zu Autistic Burnout. Raymaker und Kolleginnen veröffentlichten 2020 in Autism in Adulthood eine erste empirisch-qualitative Definition. Sie bezieht sich auf die Beratung von Erwachsenen mit später Autismusdiagnose.
Warum klassische Diagnostik Mädchen und Frauen häufig nicht erkennt, untersuchten Forschungsarbeiten von Hull, Petrides und Mandy aus den Jahren 2017 und 2020. Genau dort berührt sich die internationale Forschung mit Hechlers Ausgangspunkt in Potsdam: bei Menschen, deren Erfahrungen in standardisierten Tests bislang allzu leicht übersehen werden.
