Wasser bewegt Rostock: Klimaforschung und nachhaltige Stadtentwicklung beim 18. Klimaaktionstag
Heute, am 26. September 2026, ist Rostock voller Wasser. Beim 18. Rostocker Klimaaktionstag informieren sich in der Innenstadt mehrere Dutzend Stände über Klima, Forschung, Nachhaltigkeit und die Arbeit lokaler Vereine. Das Motto: „Wasser bewegt Rostock“.
Von 11 bis 17 Uhr läuft die Veranstaltung am Neuen Markt, im Klostergarten und im Rathausanbau. Sie bildet den Abschluss der Rostocker Nachhaltigkeitswoche vom 19. bis 26. September. Veranstalter ist das Amt für Umwelt- und Klimaschutz. Initiativen, Vereine, Unternehmen und Privatpersonen konnten sich mit Infoständen, Mitmachaktionen oder Ausstellungen beteiligen; für die Teilnahme am Klima-Aktionstag war eine Anmeldung erforderlich, die Anmeldefrist wurde mit dem 31. Juli 2025 angegeben.
Modelle, Musik und ein Tauchgang
Im Klostergarten gibt es einen Flowmarkt, elektronische Musik, Workshops und Vorträge. Im Rathausanbau stehen Fachvorträge zu Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit auf dem Programm – unter anderem zu autonomem Fahren auf dem Wasser, der Tram West, der Wasserversorgung der Rostocker Stadtbäume und der Energiewende. Auf der Hauptbühne am Neuen Markt werden Stempelkarten verlost und Fahrräder versteigert. Dazu kommen die Schulband der Nordlicht-Schule, das Duo Lilly Brennt und das Theaterstück „Pippi Langstrumpf“. Für Kinder warten eine Hüpfburg und ein mobiler Wasserspielplatz.
Auch Trinkwasserverkostungen, Informationen zum Anbau von Seegras, Ausstellungen und ein virtueller Tauchgang auf den Grund der Ostsee gehören dazu. Sabine F. aus Schmarl ist mit ihren Kindern gekommen. Sie lobt die Verbindung von Freizeit und Bildungsangeboten, findet aber, dass im Vorjahr mehr Besucher unterwegs gewesen seien.
Am Stand des Instituts für Mathematik der Universität Rostock wird es schnell ziemlich anschaulich. Jens Starke, Jan-Christoph Schlage-Puchta und weitere Kollegen erklären an drei Modellen, wie Klimasimulationen funktionieren. Das Doppelpendel zeigt, wie empfindlich Simulationen auf kleinste Abweichungen bei den Ausgangsdaten reagieren können. Beim Galtonbrett verteilen sich Kugeln nach vielen Einzelereignissen regelmäßig zu einer Glockenkurve – aus zahlreichen Einzelereignissen entstehen Wahrscheinlichkeitsverteilungen und schließlich Prognosen.
Die „Katastrophenmaschine“ macht einen möglichen Kipppunkt sichtbar: Nach einer längeren Phase ohne erkennbare Veränderung kann ein System plötzlich und wahrscheinlich unumkehrbar in einen neuen Zustand springen. Eine Bauanleitung gibt es zum Mitnehmen. Starke nennt Mathematik eine „Schlüsseltechnologie der Zukunft“.
Die Küsten Union Deutschland stellt das Forschungsprojekt SeaStore vor. Seegras soll in der deutschen Ostsee wieder angesiedelt werden, unter anderem, um die Biodiversität zu stärken. Die Gesellschaft für Schiffsarchäologie Rostock zeigt ihre Arbeit zum Schutz des Unterwasserkulturguts. Mit VR-Brillen tauchen Besucher zum Ostseegrund ab; zu sehen ist auch das Modell eines Wracks vor Warnemünde. Der Verein arbeitet beim Schutz von Fundstellen und Wracks mit Behörden und Landesämtern zusammen.
Wasserfrage beim Großrechenzentrum
Am Stand zum geplanten Großrechenzentrum in Dummerstorf wird weniger virtuell diskutiert. Es geht um den Erhalt der Landschaft, Gewerbesteuereinnahmen, Stromverbrauch und Wasserbedarf. Die Dummersdorferinnen Jessica und Annabell Iredi nennen den Wasserbedarf als größte Sorge, weil sie wegen der Landwirtschaft in der Region bereits um das Grundwasser besorgt sind. Zugleich sehen sie das Rechenzentrum als wichtige Zukunftsinvestition. Umwelt-, Finanz- und Versorgungsfragen müssten in den vertraglichen Vorbereitungen berücksichtigt werden.
Der Aktionstag steht im Zusammenhang mit den 17 UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung, den SDGs. Die Vereinten Nationen beschlossen sie 2015 als Kernstück der Agenda 2030. Ihr Ziel ist, wirtschaftlichen Fortschritt mit sozialer Gerechtigkeit und den ökologischen Grenzen der Erde zu verbinden. Weitere Informationen werden unter https://17ziele.de/ genannt.
Zur Nachhaltigkeitswoche gehören außerdem der Rostocker CleanUp Day am 19. September von 10 bis 12 Uhr an verschiedenen Standorten, das Weltkindertagsfest am 19. September von 13 bis 17 Uhr im Klostergarten sowie die Ausstellung „Alles im Fluss – Wasser in der Krise“ vom 21. September bis 2. Oktober im Rathaus. Am 23. September gibt es um 16 und 16:45 Uhr eine Vorlesezeit in der Zentralbibliothek, um 19 Uhr die Vorführung des Films „MELT“ in der FRIEDA 23 und um 21 Uhr eine Gesprächs- und Vernetzungsveranstaltung zum Film. Für den 24. September, 9 bis 18 Uhr, ist eine Tagung für Nachhaltigkeit in Kunst, Kultur und Verwaltung angekündigt; eine Anmeldung ist erforderlich.
Genannt werden außerdem die Ausstellung „Weltweite Wende“, Kaffeeklatsch, der Global World Clean Up Day, das Weltkindertagsfest, ein Kleiderladen, ein Gottesdienst zur Auszeichnung „ÖkoFaire Gemeinde“, „12min.me“ mit Vortrag, Fragerunde und Netzwerk, ein Satellitenstandort der 3. Regenwaldkonferenz für Jugendliche, die Vorlesezeit „Ein wunder wilder schöner Wald“, Netzwerk Zero, die Fachtagung RoBau, die 48. Landes-Pilzausstellung und der Pop-up-Kleidertausch „Schätzchen“. Veranstalter konnten eigene Aktionen für die Nachhaltigkeitswoche mitteilen, damit diese gemeinsam beworben werden.
Was Rostock aus Wasser lernen kann
Der Blick über die Stände hinaus führt zu einer ziemlich handfesten Frage: Wie bleiben Städte lebenswert, wenn Hitze, Dürre und Starkregen gleichzeitig zum Problem werden? Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, kurz BBSR, beschreibt diese Entwicklung als wachsende Herausforderung für Städte, Gemeinden sowie die Bau- und Immobilienwirtschaft. Klimaanpassung soll deshalb fester Bestandteil von Stadtentwicklung und Bauen werden. Risiken müssen gemeinsam betrachtet werden.
Grünflächen kühlen, speichern Wasser und spenden Schatten. Entsiegelte Böden nehmen Niederschläge auf und heizen sich weniger auf, begrünte Dächer halten Regen zurück. Gespeichertes Wasser unterstützt die Vegetation in Trockenperioden, gute Durchlüftung senkt die Hitzebelastung in Gebäuden und Quartieren. Das BBSR bündelt dazu Forschungserkenntnisse und zeigt Ansätze für widerstandsfähigere Städte und Gemeinden.
Entscheidend ist, Klimaanpassung früh einzuplanen: Standort, Bebauungsdichte, Versiegelung, die Gestaltung von Straßen und Plätzen sowie der Erhalt von Grün- und Wasserflächen beeinflussen die Klimaresilienz langfristig. Neben Wohnraum, Mobilität, Energieeffizienz und Wirtschaftlichkeit sollen auch klimatische Auswirkungen berücksichtigt werden. Innenhöfe und Grünflächen sind nicht automatisch Baulandreserven; sie können für Kühlung, Luftaustausch, Wasserrückhalt und Aufenthaltsqualität gebraucht werden. Innenentwicklung soll zusätzlichen Wohnraum schaffen, ohne die Widerstandsfähigkeit von Quartieren zu schwächen.
Städte müssen mit Wassermangel bei Dürre ebenso umgehen wie mit großen Wassermengen bei Starkregen. Regenwasser sollte möglichst vor Ort zurückgehalten, gespeichert, versickert, verdunstet oder genutzt werden, bevor es abgeleitet wird. Entsiegelte Flächen, Grünräume, begrünte Dächer und dezentrale Speicher unterstützen Vegetation und Verdunstung, mindern Hitze und entlasten die Kanalisation. Stadtentwicklung, Freiraum- und Regionalplanung sowie Wasserwirtschaft sollen dafür enger zusammenarbeiten. Auch außerhalb der Städte können „Schwammlandschaften“ Niederschläge aufnehmen, speichern und zeitverzögert abgeben.
Selbst leistungsfähige Kanalisationen können außergewöhnliche Niederschlagsmengen nicht vollständig aufnehmen. Parks, Sportplätze, Schulhöfe, Straßen und andere Freiräume können zeitweise als Rückhalteräume dienen. Wo Versickerung oder Speicherung nicht möglich ist, braucht es sichere, kontrollierte Notwasserwege. Starkregenvorsorge gehört daher in Wasserwirtschaft, Stadt-, Straßen- und Freiraumplanung, Gebäudeplanung und Katastrophenschutz. Flächen sollten möglichst mehrfach genutzt werden – als Rückhalteraum und zusätzlich für Aufenthalt, Spiel oder Erholung.
Bei Umbauten lohnt der Blick auf Höfe, Parkplätze, Wege und andere wenig belastete Flächen: Können sie entsiegelt oder durchlässiger gestaltet werden? Versiegelte Flächen vermindern die Versickerung und die Wasserverfügbarkeit für Pflanzen und heizen sich im Sommer stark auf.
Bäume, Parks, Grünzüge, begrünte Dächer und Fassaden sind dabei keine Dekoration
