Galeria meldet zum vierten Mal in sechs Jahren Insolvenz an
Galeria steht wieder vor einer Insolvenz. Am 2. Oktober 2026 stellte die Warenhauskette beim Amtsgericht Düsseldorf den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens – zum vierten Mal innerhalb von sechs Jahren. Rund 12.000 Mitarbeitende bangen um ihre Arbeitsplätze. Der Geschäftsbetrieb in den 83 Filialen soll zunächst weiterlaufen.
Miteigentümer Bernd Beetz hält diesen Schritt für vermeidbar. Der „Bild“-Zeitung sagte er, die Gesellschafter hätten Galeria in einer schwierigen Lage übernommen und viel Zeit, Energie sowie eigenes Kapital investiert. Für eine erfolgreiche Zukunft hätte die notwendige Transformation aber konsequenter und schneller umgesetzt werden müssen. Seine Kritik klingt knapp: Das Unternehmen habe zu lange gebraucht, um sich neu aufzustellen.
Beetz verlangt eine klarere Linie
Beetz fordert ein stringentes Warenmanagement, eine klare Sortimentsstrategie und eine deutlich stärkere Kundenorientierung. Warenhäuser seien weiterhin zukunftsfähig, wenn sie sich klar vom Wettbewerb abheben und operativ sehr gut geführt werden. Das klingt nach weniger Nebel und mehr Ansage im Alltag: Kundinnen und Kunden müssen schneller erkennen, wofür ein Haus steht – und dort auch finden, was sie suchen.
Bei den anstehenden Personalentscheidungen solle nicht die Frage im Mittelpunkt stehen, welche einzelne Person am lautesten genannt wird. Entscheidend sei vielmehr, wer das größte Vertrauen von Gläubigern, Mitarbeitern, Lieferanten und möglichen Investoren genieße. Es gehe nicht um einzelne Personen, sondern um die bestmögliche Führung für die nächste Unternehmensphase.
Der erneute Antrag kommt nach einer langen Reihe von Einschnitten. Infolge der früheren Insolvenzverfahren wurden bereits zahlreiche Filialen geschlossen. Gläubiger verzichteten auf Forderungen in Milliardenhöhe, um Galeria die Sanierung zu ermöglichen. Der bislang letzte Insolvenzantrag war vor gut zweieinhalb Jahren gestellt worden – damals noch unter dem Namen Galeria Karstadt Kaufhof.
Vom Signa-Konzern zu Galeria
Vorausgegangen war die finanzielle Schieflage des damaligen Mutterkonzerns Signa. Seit Sommer 2024 gehört Galeria der US-Investmentgesellschaft NRDC und der Beteiligungsfirma BB Kapital SA von Bernd Beetz. Die Namen Karstadt und Kaufhof wurden aus dem Firmennamen entfernt, der Unternehmenssitz wanderte von Essen nach Düsseldorf.
Der aktuelle Vorgang ist nicht bloß eine weitere Zahl in einer Insolvenztabelle. Am 2. Oktober 2026 meldete Galeria zum vierten Mal innerhalb von sechs Jahren Insolvenz an. Schon im April 2026 hatten erste Vermieter berichtet, Galeria zahle Mieten nicht. Im Juni gewährte Gordon Brothers dem Unternehmen einen Kredit von 160 Millionen Euro. Im Juli kündigte Galeria an, 33 Warenhäuser zu überprüfen. Dann kam der Antrag.
Die Geschichte der Warenhäuser reicht allerdings viel weiter zurück. Die früheren Konzerne Karstadt und Kaufhof prägten über Jahrzehnte den deutschen Einzelhandel. Ab den 1980er-Jahren gerieten Warenhäuser durch Einkaufszentren, Fachmärkte und neue Handelskonzepte zunehmend unter Druck. Später verschärfte der Onlinehandel die Probleme – der Einkaufsbummel bekam Konkurrenz durch wenige Klicks und einen Paketboten vor der Tür.
Eine lange Kette aus Expansion, Schulden und Sanierungen
1879 eröffnete Leonhard Tietz in Stralsund auf 25 Quadratmetern ein Geschäft für Garne, Stoffe und Kurzwaren. Daraus entwickelte sich später der Kaufhof-Konzern. Tietz führte Festpreise, Barzahlung und ein Rückgaberecht ein. 1881 eröffnete Rudolph Karstadt in Wismar ein „Tuch-, Manufactur- und Confektionsgeschäft“. 1906 betrieb Karstadt bereits 24 Kaufhäuser in Norddeutschland.
Während des Wirtschaftsbooms ab den 1950er-Jahren expandierten die Warenhäuser stark. Kaufhof erzielte in seinem 100. Unternehmensjahr 7,4 Milliarden Mark Umsatz. Als Karstadt sein 100-jähriges Bestehen feierte, betrieb das Unternehmen 155 Warenhäuser und beschäftigte rund 75.000 Mitarbeitende.
1980 stieg der Großhandelskonzern Metro bei Kaufhof ein. 1994 übernahm Kaufhof den Konkurrenten Horten, während Karstadt parallel Hertie kaufte. Quelle stieg 1997 bei Karstadt ein. Der daraus entstandene KarstadtQuelle-Konzern geriet dennoch wiederholt in finanzielle Schwierigkeiten.
2005 übernahm der frühere Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff eine Führungsrolle bei KarstadtQuelle. Er plante eine europaweite Expansion, setzte sie aber nicht um. 2006 verkaufte er die Warenhausgebäude für 3,7 Milliarden Euro an einen Fonds von Goldman Sachs. Danach musste Karstadt hohe Mieten für die eigenen Standorte zahlen.
2009 wurde der KarstadtQuelle-Konzern unter dem Namen Arcandor neu organisiert. Im September eröffnete das Insolvenzverfahren für wichtige Arcandor-Gesellschaften, darunter Karstadt. 13 Karstadt-Filialen schlossen, mehr als 1.000 Mitarbeitende verloren ihre Arbeitsplätze.
2010 kaufte der Privatinvestor Nicolas Berggruen Karstadt, das Insolvenzverfahren wurde aufgehoben. Rund 40.000 Gläubiger verzichteten auf insgesamt zwei Milliarden Euro. Der Sanierungsplan sah niedrigere Filialmieten und Lohnkürzungen für Mitarbeitende vor.
Die vier Insolvenzen seit 2020
Im August 2014 übernahm die österreichische Signa-Holding von René Benko Karstadt für einen symbolischen Euro. 2015 kaufte die kanadische Hudson’s Bay Company Kaufhof. Drei Jahre später fusionierten Karstadt und Kaufhof zur Galeria Karstadt Kaufhof. 2019 übernahm Signa alle Kaufhof-Anteile und wurde alleiniger Eigentümer der 174 Filialen. Der Konzern erzielte in diesem Jahr einen Umsatz von 4,5 Milliarden Euro.
Während der Corona-Pandemie mussten alle Filialen schließen. Galeria erwartete einen Umsatzverlust von einer Milliarde Euro und beantragte ein Schutzschirmverfahren. Laut Insolvenzplan sollten 40 Warenhäuser sowie mehrere Karstadt-Sports-Filialen geschlossen werden. Gläubiger verzichteten auf mehr als zwei Milliarden Euro. Ende September 2020 wurde das Insolvenzverfahren aufgehoben; fast 130 Filialen blieben erhalten, rund 16.000 Mitarbeitende behielten ihre Arbeitsplätze.
Gut zwei Jahre später geriet Galeria erneut in finanzielle Schwierigkeiten. Am 1. Februar 2023 eröffnete das Amtsgericht Essen ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Gläubiger verzichteten erneut auf mehr als eine Milliarde Euro. Laut Insolvenzplan sollten 47 der damals 129 Filialen geschlossen werden.
Im Januar 2024 stellte Galeria Karstadt Kaufhof den dritten Insolvenzantrag. Als Grund galt die finanzielle Schieflage der Signa-Gruppe; von Signa zugesagte Sanierungsgelder waren nicht geflossen. Zu diesem Zeitpunkt gab es 92 Filialen und 12.800 Mitarbeitende.
Im April 2024 kündigten NRDC und BB Kapital SA von Bernd Beetz die Übernahme an. Das Insolvenzverfahren wurde eröffnet. Ursprünglich sollten 16 Filialen schließen und 1.400 Mitarbeitende entlassen werden. Ab Juli hieß das Unternehmen nur noch Galeria, im August übernahmen die neuen Eigentümer und verlegten den Firmensitz von Essen nach Düsseldorf. Statt 16 wurden letztlich neun Filialen geschlossen, rund 800 Mitarbeitende verloren ihre Arbeitsplätze.
Nun also der vierte Antrag. In den Galeria-Häusern läuft der Betrieb zunächst weiter, während Gläubiger, Beschäftigte, Lieferanten und mögliche Investoren auf die nächste Entscheidung warten. Und während irgendwo noch Rollgitter hochgezogen werden, bleibt die alte Frage im Raum: Wie viel Warenhaus steckt noch in diesem Konzern – und wie schnell kann daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell werden?
