Brasiliens Richtungswahl zwischen Lula und Flávio Bolsonaro
In Brasilien sind heute, am 4. Oktober 2026, die Wahllokale nach der Präsidentenwahl geschlossen worden. Die Auszählung hat begonnen. Rund 159 Millionen Menschen waren zur Wahl aufgerufen; erste vorläufige Ergebnisse wurden in der Nacht zum Montag erwartet. Auch an der Universität des Saarlandes dürfte der Blick vieler Studierender heute nach Brasília gehen – auf ein Land, in dem politisch gerade ziemlich viel zusammenkommt.
Der linke Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und der rechte Senator Flávio Bolsonaro lagen in den Umfragen eng beieinander. Für einen Sieg im ersten Wahlgang reichte das voraussichtlich bei keinem von beiden: Eine absolute Mehrheit galt als unwahrscheinlich, eine Stichwahl am 25. Oktober wurde erwartet. Neben Lula und Bolsonaro traten zehn weitere Kandidaten an, die in den Umfragen deutlich zurücklagen.
Präsident, Kongress und Gouverneure
Gewählt wurden nicht nur Präsident und Vizepräsident. Auf den Stimmzetteln standen außerdem die Abgeordnetenkammer, zwei Drittel des Senats, alle 27 Gouverneure sowie die Parlamente der 26 Bundesstaaten und des Bundesdistrikts Brasília. Mehr als 158 Millionen Wahlberechtigte konnten ihre Stimme abgeben. Wahlberechtigt ist in Brasilien, wer mindestens 16 Jahre alt ist; für 18- bis 70-Jährige gilt Wahlpflicht.
Brasilien hat ein präsidentielles Regierungssystem. Präsident und Gouverneure werden direkt für vier Jahre gewählt, eine einmalige unmittelbare Wiederwahl ist möglich. Der Senat zählt 81 Mitglieder – je drei aus jedem Bundesstaat und dem Bundesdistrikt –, ihre Amtszeit beträgt acht Jahre. Die Abgeordnetenkammer hat 513 Sitze und wird für vier Jahre nach Verhältniswahl bestimmt. Erreicht bei einer Präsidentschafts- oder Gouverneurswahl niemand mehr als 50 Prozent, folgt am 25. Oktober die Stichwahl.
Lula, 80 Jahre alt, kandidiert für seine insgesamt vierte Amtszeit. Er war bereits von 2003 bis 2011 Präsident und regiert erneut seit 2023. Der Kandidat der Arbeiterpartei PT wirbt mit Sozialprogrammen, öffentlichen Investitionen und Arbeitsmarktreformen. Unterstützen will er auch eine Verkürzung der gesetzlichen Höchstarbeitszeit von 44 Stunden an sechs Tagen auf 40 Stunden an fünf Tagen pro Woche. Sein Alter ist dabei ein Wahlkampfthema: Zu Beginn einer möglichen neuen Amtszeit im Januar 2027 wäre Lula 81 Jahre alt.
Sein aussichtsreichster Herausforderer ist der 45-jährige Senator Flávio Bolsonaro von der Liberalen Partei PL. Er war 16 Jahre Abgeordneter im Bundesstaat Rio de Janeiro und ist seit 2019 Senator. Flávio gilt als gemäßigter als sein Vater Jair Bolsonaro, setzt im Wahlkampf aber stark auf Sicherheit. Geplant sind 500.000 zusätzliche Haftplätze und Hochsicherheitsgefängnisse nach dem Vorbild El Salvadors. Außerdem verspricht er einen schlankeren Staat, ein härteres Vorgehen gegen Kriminalität und im Fall eines Wahlsiegs eine Amnestie für seinen Vater.
Ein Wahlkampf zwischen Sicherheitsgefühl und Geldsorgen
Jair Bolsonaro steht wegen seiner führenden Rolle beim Putschversuch im Januar 2023 unter Hausarrest. Wegen seiner Beteiligung an dem versuchten Staatsstreich wurde er zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt. Flávio Bolsonaro kündigte mehrfach an, ihn zu begnadigen.
Die wichtigsten Wahlkampfthemen sind öffentliche Sicherheit, Lebenshaltungskosten, Korruption und das Verhältnis Brasiliens zu den USA. Auch das Oberste Gericht sorgt für Streit. Ende September sah eine Datafolha-Umfrage Lula im ersten Wahlgang bei 40 Prozent und Flávio Bolsonaro bei 36 Prozent. In einer möglichen Stichwahl wurden Lula 47 Prozent und Bolsonaro 45 Prozent zugeschrieben. Beide Kandidaten kamen zugleich auf Ablehnungswerte von jeweils 45 Prozent.
Unter Lula sank die Arbeitslosenquote Ende 2025 auf 5,1 Prozent – den niedrigsten Wert seit 2012. Der Mindestlohn wurde jährlich angehoben. Seit 2026 sind Einkommen bis 5.000 Reais monatlich, etwa 845 Euro, im Zuge einer Steuerreform steuerfrei. Im Amazonasgebiet ging die Entwaldung deutlich zurück. Gleichzeitig stiegen Staatsausgaben und öffentliche Verschuldung, Lebensmittelpreise erhöhten sich zeitweise. Ein Betrugsskandal bei der brasilianischen Rentenversicherung INSS führte 2025 zum Rücktritt des zuständigen Sozialministers.
Kriminalität bleibt für viele Brasilianer ein täglicher Sorgenpunkt. Die Mordrate sank 2025 auf 19,1 vorsätzliche Tötungen je 100.000 Einwohner, den niedrigsten Wert seit 2012. Die Zahl der Femizide stieg jedoch auf 1.571 – so hoch wie seit Einführung des Straftatbestands 2015 nicht mehr. Auf jeden vollendeten Femizid kamen 2,7 versuchte Femizide. Die kriminellen Organisationen PCC und Comando Vermelho kontrollieren in Teilen des Landes den Drogenhandel und andere Bereiche des lokalen Lebens. Die USA stuften beide Gruppen im Mai 2026 als Terrororganisationen ein. Lulas Regierung lehnt das mit Verweis auf Brasiliens staatliche Souveränität ab und warnt vor einer möglichen Rechtfertigung US-amerikanischer Militäreinsätze.
Polarisierung bis in den Kongress
Brasilien ist politisch stark polarisiert. Lula wird besonders von Menschen im ärmeren Nordosten, von Frauen, Geringverdienenden und Katholiken unterstützt. Viele verbinden mit ihm sozialen Aufstieg und einen aktiven Sozialstaat. Flávio Bolsonaro erhält vor allem im wohlhabenderen Süden, bei Evangelikalen, Männern und Besserverdienenden Zuspruch. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung gehört evangelikalen Kirchen an; 2018 stimmten rund 70 Prozent der Evangelikalen für Jair Bolsonaro. Zugleich ist die brasilianische Gesellschaft in vielen sozialen Fragen konservativ geprägt.
Neben Flávio Bolsonaro treten mehrere weitere rechte oder rechtskonservative Politiker an: Ronaldo Caiado von der PSD, Romeu Zema von der NOVO und Renan Santos von der MISSÃO. In den Umfragen lagen sie bislang im einstelligen Bereich. Lula wird von einem breiten Bündnis getragen, das von der traditionellen Linken bis in die politische Mitte reicht. Geraldo Alckmin von der PSB soll bei einem Wahlsieg erneut Vizepräsident werden.
Für die Regierungsbildung wird das informelle Parteienbündnis Centrão entscheidend sein. Dazu zählen unter anderem MDB, PSD, União Brasil, Progressistas und Republicanos. Die Parteien sind regional stark verankert und politisch vor allem pragmatisch ausgerichtet. Je nach Zusammensetzung kontrolliert das Centrão mehr als die Hälfte der Abgeordnetenkammer. Unterstützung für Regierungsvorhaben wird dort unter anderem über Ministerposten, politische Ämter und Haushaltsmittel ausgehandelt.
Lulas Regierung verfügt über keine stabile Kongressmehrheit. Das Parlament überstimmte mehrfach Präsidentenvetos. Im April 2026 kippte es ein Veto gegen das sogenannte Dosimetrie-Gesetz, das unter anderem Strafreduzierungen für Verurteilte im Zusammenhang mit dem Putschversuch vom 8. Januar 2023 ermöglicht hätte. Das Gesetz hätte auch Jair Bolsonaro betroffen. Das Oberste Gericht setzte seine Anwendung nach mehreren Verfassungsbeschwerden vorläufig aus. Für die Senatswahl werden starke Ergebnisse rechter und konservativer Parteien erwartet, bei den Gouverneurswahlen zeichnet sich ein gemischteres Bild ab.
Zwischen Einflussgerüchten und einem Todesfall
Der Wahlkampf drehte sich außerdem um Korruption, das Oberste Gericht und Brasiliens Verhältnis zu den USA. Nunes Marques, Präsident des obersten Wahlgerichts TSE, erklärte, Geheimdienstberichte enthielten bislang keine konkreten Hinweise auf ausländische Einflussnahme. Seine Aussage fiel vor dem Hintergrund, dass die USA am Freitag ihre Konsulardienste in Brasilien aus Sicherheitsgründen geschlossen hatten.
Soziale Medien und Religion spielen ebenfalls eine Rolle. Das Oberste Wahlgericht verbot Deepfakes in Wahlwerbung. KI-generierte Inhalte, die Personen imitieren, müssen gekennzeichnet werden; Plattformen müssen Falschinformationen moderieren oder entfernen. Einige evangelikale Kirchen mobilisieren für konservative Positionen in Familien- und Sicherheitsfragen.
Am Wahltag kam es vereinzelt zu Zwischenfällen. In Cupira im Bundesstaat Pernambuco brach Medienberichten zufolge ein etwa 68-jähriger Mann während der Stimmabgabe in einem Wahllokal zusammen und starb. Die Wahl wurde dort vorübergehend unterbrochen. Die Todesursache war zunächst unbekannt.
