Die Gelbe Wiesenraute (Thalictrum flavum) ist zur „Blume des Jahres 2027“ gewählt worden. Die Loki Schmidt Stiftung gab die Entscheidung am 22. Oktober 2026 in Hamburg bekannt. Für den Campus der Universität des Saarlandes ist das ein kleiner Anlass, einmal genauer auf eine Pflanze zu schauen, die sonst leicht zwischen hohen Gräsern und Uferstauden verschwindet.

Zu finden ist die ausdauernde Wildpflanze vor allem an natürlichen Flussläufen, Flussufern und in feuchten Auenlandschaften. Regelmäßige Überschwemmungen steckt sie gut weg. Doch Flussbegradigungen, Trockenlegungen und der Rückgang naturnaher Ufer haben ihre Lebensräume schrumpfen lassen. Inzwischen steht die Gelbe Wiesenraute auf der Vorwarnliste der Roten Liste Deutschlands.

Eine Blume für lebendige Flussauen

Mit der Auszeichnung will die Stiftung auf die Gefährdung der Pflanze und auf den Schutz ihres Lebensraums aufmerksam machen. Die Flussauen stehen dabei stellvertretend für ein gefährdetes Ökosystem, sagt André Palm, Projektleiter der Aktion „Blume des Jahres“. In naturnahen Auen leben auf engem Raum etwa ein Drittel aller mitteleuropäischen Pflanzen- und Tierarten.

Zwischen Wasser und Weiden finden unter anderem Federlibellen, Schilfrohrsänger und Biber geeignete Lebensräume. Auen wirken außerdem als natürliche Wasserfilter und tragen zum Hochwasserschutz bei. Die Stiftung fordert deshalb, Flüssen wieder stärker ihren natürlichen Lauf zu ermöglichen.

Wie viel das bringen kann, zeigt eine Deichrückverlegung an der Elbe bei Lenzen: Dort wurden 420 Hektar Aue wieder an den Fluss angeschlossen. Anschließend sank der Hochwasserscheitel um 45 Zentimeter, zugleich entstand neuer Lebensraum für gefährdete Arten. Kein spektakuläres Einzelereignis, eher Landschaftsarbeit mit langem Atem – aber eben mit messbarem Ergebnis.

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Schwefelgelbe Rispen über dem Ufer

Die Gelbe Wiesenraute gehört zur Familie der Hahnenfußgewächse. Normalerweise wird sie 50 bis 110 Zentimeter hoch, unter optimalen Bedingungen kann sie bis zu 150 Zentimeter erreichen. Ihr kräftiger, kahler Stängel trägt fein gelappte, wechselständig angeordnete Blätter. Der Wuchs ist aufrecht, filigran und locker.

Unter der Erde leuchtet ihr Wurzelgeflecht gelb und kann Ausläufer bilden. Von Juni bis August erscheinen an den Stängelspitzen dichte, aufrechte Rispen mit mehreren hundert schwefelgelben Einzelblüten. Blütenblätter gibt es nicht; stattdessen stehen zahlreiche aufrechte Staubfäden mit gelben Pollenbeuteln da. Schwebfliegen, Käfer und Wildbienen besuchen die Blüten. Nach der Blüte entstehen kleine, gerippte Früchte.

Die Samen überstehen den Winter. Hochwasser transportiert sie häufig an neue Ufer, wo sie im folgenden Frühjahr keimen. Das passt ziemlich gut zu einer Pflanze, deren Leben an bewegtes Wasser gebunden ist.

Naturschutz mit langen Listen und praktischen Schritten

Die Loki Schmidt Stiftung besitzt und entwickelt nach eigenen Angaben Auengebiete in Brandenburg, Niedersachsen und Hamburg. Dort hat sie Auwälder gepflanzt, Entwässerungsgräben verschlossen und eine schonende Bewirtschaftung von Auenwiesen eingeführt. Seit mehr als 40 Jahren kauft, gestaltet und pflegt die Stiftung deutschlandweit Naturflächen für bedrohte Pflanzen und Tiere.

Mit jährlich etwa 1.500 Veranstaltungen informiert sie über die Vielfalt der Natur und wirbt für deren Schutz. Wer die Projekte unterstützen möchte, kann gegen Gebühr unter anderem einen Fotokalender, eine Broschüre oder eine Samenpostkarte zur Gelben Wiesenraute erwerben.

Die Aktion „Blume des Jahres“ gründete die Biologin Loki Schmidt (1919–2010), Ehefrau des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt (1918–2015), im Jahr 1980. Ihr Ziel: auf bedrohte Wildpflanzen aufmerksam machen und ihren Schutz fördern. Die Gelbe Wiesenraute ist die 48. ausgezeichnete „Blume des Jahres“. 2026 war der Feldrittersporn an der Reihe.

Und irgendwo an einem natürlichen Ufer beginnt vielleicht gerade der nächste kleine Bestand: ein paar gerippte Samen im feuchten Boden, dann kommt der Frühling, und aus dem gelben Wurzelgeflecht schiebt sich wieder ein kahler Stängel nach oben.