Kranichzug über dem Saarland: Zwischen Vogelgrippe, Trockenheit und Rastplatzsuche
Über der Uni Saarland beginnt der Herbstzug: Erste Kranichzüge sind aus nördlichen Regionen, darunter Skandinavien, nach Deutschland zurückgekehrt. Von den großen Vögeln ist am Himmel oft zuerst nur das Rufen zu hören, dann schiebt sich die Formation ins Blickfeld. Weitere Zugvögel werden in den kommenden Wochen erwartet.
Bis zur ersten Oktoberhälfte sollen sich die großen Rastplätze im Norden und Osten Deutschlands weiter füllen. Am Ostseebodden in Mecklenburg-Vorpommern wurden zuletzt rund 10.000, nach NABU-Angaben knapp 10.000 Kraniche gezählt. Laut dem Kranich-Experten Günter Nowald erreichen derzeit nahezu im Minutentakt neue Trupps die deutsche Küste. Ungünstige Winde hatten den Überflug aus Südschweden zunächst verzögert.
Nach der Vogelgrippe mit vorsichtigem Blick
Die Erinnerung an den vergangenen Herbst sitzt noch tief: Deutschlandweit starben mindestens 20.000 Kraniche an der Vogelgrippe, insgesamt waren es zehntausende Vögel. Besonders stark betroffen war die Region Linum in Brandenburg, wo Helfer zahlreiche Kadaver einsammeln mussten. Günter Nowald, Geschäftsführer von Kranichschutz Deutschland, erwartet in diesem Jahr keine vergleichbare Katastrophe. Die Kranichsaison hat mit Blick auf die Vogelgrippe bislang unauffällig begonnen.
Das Friedrich-Loeffler-Institut kann das Risiko für diese Saison allerdings nicht zuverlässig vorhersagen. Für September 2026 erwartet es einen leichten Anstieg der Virusnachweise bei Geflügel und Wildvögeln. Hinweise auf einen erneuten Ausbruch der Geflügelpest gibt es derzeit nicht.
In Linum trafen die Kraniche in diesem Herbst verspätet ein. Der Grund ist unklar. Bei einer Synchronzählung am Dienstag, dem 22. September, wurden im Rhin- und Havelluch 3.200 Tiere erfasst. Für diesen Zeitpunkt war das laut Nowald der niedrigste Wert seit mehr als zehn Jahren. Am 23. September des Vorjahres waren in der Region 21.240 Kraniche gezählt worden. Bei solchen Synchronzählungen werden die Vögel an festgelegten Terminen möglichst zeitgleich an ihren Schlafplätzen erfasst – damit Rastbestände vergleichbar bleiben und Doppelzählungen vermieden werden.
Die Linumer Rastvögel stammen überwiegend aus Osteuropa und dem Baltikum. Am Ostseebodden dagegen kommen zahlreiche Kraniche aus Skandinavien an. Bedeutende Rastgebiete liegen außerdem in den Feuchtgebieten und der Niedermoorlandschaft bei Linum, in der Niederlausitz sowie in der Diepholzer Moorniederung in Niedersachsen. Dort suchen die Vögel Nahrung und legen Energiereserven für den Weiterflug in den Süden an.
Familienverbände lassen noch auf sich warten
Derzeit sind vor allem Einzelvögel und Paare ohne Nachwuchs unterwegs. Familienverbände werden später erwartet. Deutschland zeichnet sich zugleich durch ein schwaches Kranich-Brutjahr aus. Als Hauptursache gilt Trockenheit: Fehlt Wasser rund um die Nester, sind Eier und Küken schlechter vor Füchsen, Wildschweinen und Waschbären geschützt. Der Nachwuchs reicht laut Nowald voraussichtlich nicht aus, um den Bestand zu erhalten oder die Verluste durch die Vogelgrippe auszugleichen. Wie sich die Nachwuchsentwicklung europaweit darstellt, sollen Zählungen in den kommenden Wochen zeigen.
Kraniche brüten nicht in Kolonien. Paare brauchen einzelne Brutreviere; ihre Bodennester liegen möglichst versteckt und von Wasser umgeben. Sobald die Küken mobil sind, können Kranicheltern bei der Nahrungssuche beobachtet werden. Zu Beginn der Brutzeit, am 2. April 2026, waren dagegen oft nur noch revierlose, unverpaarte Kraniche zu sehen, während Brutpaare sich in Auwäldern oder Söllen verborgen hielten.
Nach der Brutsaison sammeln sich erste Kraniche bereits im August. Ab Anfang September treffen an den Rastplätzen Vögel aus Skandinavien ein. Im Herbst bleiben sie oft mehrere Wochen an geeigneten Rastplätzen, im Frühjahr ziehen sie dagegen zügig zu ihren Brutrevieren.
Am 10. Januar hatten Frost und Schnee tausende in Deutschland verbliebene Kraniche nach Südwesten in Richtung Frankreich ausweichen lassen. Hauptsächlich nutzten sie die Routen über Hessen sowie von Westniedersachsen über Nordrhein-Westfalen; einzelne Trupps flogen auch dazwischen, sodass ein großflächiger Abzug zu sehen war. Am 11. Januar konzentrierten sich die Beobachtungen auf eine Linie von Bonn über Frankfurt am Main bis Würzburg. Östlich und nördlich davon gab es kaum Meldungen. Viele Vögel hatten vermutlich schon am Vortag einen Teil der Strecke zurückgelegt und setzten ihren Flug nach einer Übernachtung fort.
Während der „Stunde der Wintervögel“ wurden am 16. Januar aus allen Bundesländern fast 50.000 Kraniche gemeldet: 11.000 in Nordrhein-Westfalen, 10.000 in Rheinland-Pfalz, 7.100 in Hessen, 4.100 in Niedersachsen sowie jeweils gut 1.000 in Bayern und Baden-Württemberg. Einzelne Vögel wurden entlang der Zugstrecke wahrscheinlich mehrfach gemeldet. Die meisten flogen nur so weit wie nötig; für einen Weiterflug in die spanischen Winterquartiere war es zu spät. Der mit einem GPS-Sender versehene Jungkranich „Isa“ legte nach Beginn seiner Winterflucht am 9. Januar innerhalb von drei Tagen Etappen von 302, 251 und 208 Kilometern bis nach Luxemburg zurück.
Am 23. Januar wurden trotz Frost und angekündigtem Neuschnee in Ostdeutschland über Nordrhein-Westfalen zahlreiche Kranichketten mit Flugrichtung Nordost beobachtet. Frühe Rückkehrer können sich gute Brutreviere sichern, riskieren aber, von einem erneuten Wintereinbruch überrascht zu werden. Am 30. Januar starteten in Frankreich zunehmend Kraniche in Richtung Nordosten. Der Frühjahrszug fällt weniger auf als der Herbstzug, weil die Vögel meist in kleineren Gruppen einfliegen. Meldungen auf Onlineportalen wie NABU-naturgucker.de helfen bei der Einschätzung des Zugverlaufs.
Dauerfrost in den östlichen Brutgebieten ist für Kraniche unproblematisch, solange er nicht mit starkem Schneefall verbunden ist. Am 1. Februar setzte aus Frankreich ein starker Einflug ein; am Sonntag wurden Formationen mit teils mehreren hundert Vögeln beobachtet. Der Zugkorridor reichte von Luxemburg bis Karlsruhe. Nach Nordosten ging es vor allem über Rheinland-Pfalz und Hessen, später auch über Nordrhein-Westfalen und Westniedersachsen.
In der Champagne und im Südwesten Frankreichs, unter anderem bei Bordeaux, brachen am 4. Februar weitere Kraniche auf. In Deutschland gingen die Beobachtungen zunächst etwas zurück. Am 8. Februar nahm die Rückkehr deutlich zu, alle Hauptrouten wurden genutzt; etwas mehr Meldungen gab es über Rheinland-Pfalz und Hessen als über Nordrhein-Westfalen. Am folgenden Sonntag wurden vor allem Kraniche beobachtet, die in Süd- und Mittelhessen übernachtet hatten und ihren Zug fortsetzten. Bei Beobachtungen sollte möglichst die Flugrichtung angegeben werden.
Der Frühjahrszug war am 27. Februar weiterhin im Gang. Die Rückkehr aus Frankreich begann zum üblichen Zeitpunkt, Kraniche aus Spanien kamen wegen schwerer Stürme auf der Iberischen Halbinsel verspätet zurück. Erste Vögel waren am 18. Februar über den Pyrenäenpässen oder nordöstlich von Barcelona registriert worden. Über Deutschland wechselten Zugstärke und Routen täglich; genutzt wurden unter anderem Hessen, Nordrhein-Westfalen, das Saarland, Rheinland-Pfalz, Luxemburg und Belgien. Nach einer windbedingten Abdrift nach Nordwesten korrigierten manche Kraniche ihren Kurs in östlicher statt nordöstlicher Richtung.
Ein Zug, der schon im August beginnt
Im August ist Deutschland noch eher Übergangsland. Heimische Brutvögel sammeln sich zunächst an regionalen Rastplätzen, während in Skandinavien und im Baltikum die Vorbereitungen auf den Herbstzug 2026 bereits laufen. Kürzere Tage und ein abnehmendes Nahrungsangebot lösen den natürlichen Zugtrieb aus. Kraniche aus Finnland, Norwegen, Schweden, Litauen, Lettland und dem westlichen Estland nutzen überwiegend den westeuropäischen Zugweg nach Mitteleuropa.
In den nordischen Brutgebieten entstehen ab Anfang bis Mitte August erste größere Ansammlungen. Zunächst finden sich nicht brütende Altvögel und jüngere Kraniche ein, später kommen Familien mit flugfähigen Jungvögeln dazu. Diese Sammelplätze dienen der sozialen Orientierung und der Vorbereitung auf den Langstreckenzug. Wichtige Gebiete sind unter
