Kurzsichtigkeit: Warum Tageslicht hilft, Karotten aber keine Wunderkur sind
Wer morgens die Brille sucht, bevor der erste Kaffee überhaupt im Becher ist, kennt das Problem: Ohne Sehhilfe verschwimmt die Welt in der Entfernung. Kurzsichtigkeit, medizinisch Myopie, ist in Deutschland weit verbreitet. Und sie lässt sich nach aktuellem Stand nicht einfach wegtrainieren, wegessen oder wegsonnen.
Im Internet halten sich trotzdem hartnäckige Tipps: weniger Brille tragen, Karottensalat knabbern, regelmäßig in der Sonne sitzen. Eine Senkung der Dioptrienzahl durch solche Maßnahmen ist wissenschaftlich nicht belegt. Einzelne Messwerte können zwar schwanken – wegen der Tagesform oder unterschiedlicher Messbedingungen. Das ist aber keine Heilung.
Warum entfernte Dinge unscharf werden
Meist entsteht Myopie, weil der Augapfel im Verhältnis zu seiner Brechkraft zu lang ist. Das Licht wird dann vor statt auf der Netzhaut gebündelt. Nahe Gegenstände bleiben scharf, Häuser am Horizont oder die Schrift auf einer Tafel ohne Sehhilfe dagegen unscharf. Bei Erwachsenen ist der Augapfel durchschnittlich etwa 24 Millimeter lang; gewachsen ist er vor allem in der Kindheit.
Bei Kindern wirken genetische und Umweltfaktoren zusammen. Haben die Eltern eine Kurzsichtigkeit, steigt das Risiko. Gleichzeitig spielt der Alltag eine Rolle: Langes Arbeiten in der Nähe, etwa an Smartphone, Computer oder anderen Bildschirmen, wird mit einem höheren Risiko für die Entwicklung einer Myopie verbunden. Eine im Juli 2026 veröffentlichte Übersichtsarbeit zu europäischen Kindern und Jugendlichen zeigt allerdings: Bildschirmzeit allein verursacht Kurzsichtigkeit nicht nachweislich. Entscheidend scheinen eher lange Naharbeitsphasen ohne Pausen, ein sehr geringer Abstand zu Buch oder Gerät und zu wenig Zeit im Freien zu sein.
Ein nah gehaltenes Smartphone kann die Augen dabei stärker beanspruchen als ein weiter entferntes Display, weil sie länger auf kurze Distanz fokussieren. In einer Studie war jede zusätzliche Stunde täglicher digitaler Bildschirmzeit mit einem um 21 Prozent höheren Myopierisiko verbunden. Überwiegender Aufenthalt in Innenräumen mit wenig Tageslicht kann das Risiko bis auf das Fünffache erhöhen; wenig Zeit draußen kombiniert mit viel Naharbeit war sogar mit einem bis zu 15,9-fach höheren Risiko verbunden.
Frische Luft statt Wunderkur
Tageslicht kann den Beginn einer Myopie verhindern oder verzögern und ihr Fortschreiten verlangsamen. Das gilt auch bei bewölktem Himmel: Draußen ist die Lichtintensität höher als in Innenräumen. Für Kinder werden möglichst mindestens zwei Stunden täglich im Freien empfohlen. In einer Studie verbrachten Kinder zusätzlich zu den Schulstunden 40 Minuten pro Tag draußen und entwickelten dadurch seltener eine Myopie.
Als praktische Myopie-Präventionstrias werden etwa zwei Stunden Tageslicht im Freien, eine Unterbrechung der Naharbeit mindestens alle 20 Minuten und ein Abstand von 30 bis 40 Zentimetern genannt. Die 20-20-20-Regel ist etwas genauer: Alle 20 Minuten mindestens 20 Sekunden in die Ferne schauen, idealerweise auf rund sechs Meter. Die Empfehlungen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit zur Bildschirmnutzung lauten: Unter drei Jahren möglichst keine Bildschirmmedien, zwischen drei und fünf Jahren höchstens 30 Minuten täglich, ab sechs Jahren maximal 45 bis 60 Minuten. Freizeit mit Bewegung an der frischen Luft sollte deutlich mehr Raum bekommen als die Zeit vor Bildschirmen.
Was Tageslicht nicht kann: eine bereits eingetretene strukturelle Verlängerung des Augapfels rückgängig machen. Das gilt auch für Erwachsene. Augentraining verkürzt den Augapfel nicht relevant. Eine Meta-Analyse im Fachjournal „Eye“ stellte bei Übungen nur eine begrenzte bis gar keine Wirksamkeit zur Vorbeugung oder Begrenzung des Fortschreitens fest. Laut AOK gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Augentraining das Sehvermögen verbessert. Die Augenmuskulatur ist schlicht nicht die Ursache dieser Form der Kurzsichtigkeit.
Auch Karotten sind kein optischer Reparaturdienst. Sie enthalten Beta-Carotin, aus dem der Körper Vitamin A für die Netzhautfunktion bildet. Eine ausgewogene Ernährung unterstützt die allgemeine Augengesundheit, beseitigt aber nicht die strukturelle Ursache der Myopie. Eine 2025 in „Nutrients“ veröffentlichte Auswertung wissenschaftlicher Studien bestätigte, dass Karotten oder bestimmte Nahrungsergänzungsmittel Kurzsichtigkeit nicht rückgängig machen.
Was Ernährung leisten kann – und was nicht
Bei der Prävention geht es darum, individuelle Risikofaktoren zu verringern und Schutzfaktoren zu stärken. Niedrige Serum-Retinolwerte unter 0,7 µmol/l treten häufiger bei ausgeprägter Myopie auf; eine ausreichende Vitamin-A-Versorgung über die Ernährung oder, falls nötig, Supplemente wird empfohlen. Beim Vitamin D wurde ein Blutspiegel unter 20 ng/ml in mehreren Studien mit einem höheren Myopierisiko in Verbindung gebracht. Langfristig wird ein Bereich zwischen 20 und 50 ng/ml genannt.
Auch Omega-3-Fettsäuren kommen ins Spiel: Eine Ernährung mit EPA und DHA, etwa aus fettem Fisch, war mit einem geringeren Myopierisiko verbunden. Genannt werden 250 bis 500 Milligramm EPA plus DHA täglich, ungefähr entsprechend zwei Fischmahlzeiten pro Woche. Für Menschen mit bestehender Myopie werden teilweise 1.000 bis 1.500 Milligramm täglich als möglicher Ansatz zur Verlangsamung der Progression genannt. Laut Artikel können langfristig 250 bis 500 Milligramm EPA plus DHA zur Erhaltung der Sehfähigkeit und Netzhautdurchblutung beitragen.
Heidelbeerextrakte könnten möglicherweise das Fortschreiten einer beginnenden Myopie bremsen. In einer zweijährigen Kinderstudie verlangsamte sich das Längenwachstum des Augapfels; in Studien wurden 50 Milligramm Heidelbeerextrakt zweimal täglich über ein Jahr eingesetzt. Eine wiederkehrende Einnahme kann antioxidative Prozesse unterstützen, der direkte Effekt auf die Myopie bleibt aber unklar.
Lutein kann die Dichte der schützenden Makulapigmente erhöhen, ein direkter Effekt auf die Myopie ist nicht gesichert. Genannt werden 10 bis 20 Milligramm täglich, die laut Artikel die Netzhaut schützen und oxidativen Stress verringern können. Eine dauerhafte Aufnahme soll die Netzhaut stabilisieren und vor oxidativen Schäden schützen. Das klingt weniger spektakulär als ein Karotten-Wunder, ist aber eben auch etwas anderes: Unterstützung der Netzhaut, keine Verkürzung des Augapfels.
Bei einer höheren UVB-Exposition im jüngeren Lebensalter wurde ein geringeres Myopierisiko beobachtet. Für 14- bis 19-Jährige wurde eine Risikoreduktion von 19 Prozent bei einer Odds-Ratio von 0,81 angegeben, für 20- bis 39-Jährige eine Reduktion von 30 Prozent bei einer Odds-Ratio von 0,70. Daraus folgt allerdings nicht, dass langes Sonnenbaden eine Behandlung wäre.
Brille, Tropfen und Kontrollen
Brillen und Kontaktlinsen korrigieren die Brechkraft, damit das Bild wieder scharf auf der Netzhaut ankommt. Eine Laseroperation verändert ebenfalls nur die Brechkraft; der Augapfel wird dadurch nicht kürzer. Wer eine Brille trägt, macht die Myopie also nicht schlimmer – und wer sie absetzt, heilt sie nicht.
Bei Kindern mit bestehender Myopie ist das Ziel der Sekundärprävention, das Fortschreiten zu bremsen. Zu den Möglichkeiten gehören niedrig dosierte Atropin-Augentropfen, spezielle Multisegmentbrillengläser, Multifokalbrillen sowie Kontaktlinsen. Eine randomisierte Phase-3-Studie mit 847 Kindern im Alter von drei bis 14 Jahren zeigte, dass niedrig dosiertes Atropin das Fortschreiten über 24 Monate signifikant verlangsamte. Die Tropfen sind inzwischen zur Behandlung fortschreitender Kurzsichtigkeit bei Kindern zugelassen.
Die Studienlage zu Atropin ist trotzdem nicht völlig glatt. Für 0,01 Prozent berichteten Studien bei Kindern von sechs bis zwölf Jahren über eine Verzögerung der Myopieprogression um bis zu 80 Prozent. Eine andere Studie fand hingegen keinen bremsenden Effekt nächtlicher 0,01-Prozent-Atropintropfen bei Kindern von fünf bis zwölf Jahren mit sphärischer Myopie. Bei unzureichender Wirkung werden zunehmend 0,025-Prozent-Tropfen eingesetzt – off-label.
Bei nachgewiesenem Vitamin-A- oder Vitamin-D-Mangel soll der Mangel ausgeglichen werden. Für Omega-3-Fettsäuren, Heidelbeerextrakt und Lutein werden ebenfalls mögliche unterstützende Ansätze beschrieben. Welche Therapie geeignet ist, hängt unter anderem vom Alter des Kindes und von der Geschwindigkeit des Fortschreitens ab und sollte individuell augenärztlich entschieden werden. Regelmäßige augenärztliche Kontrollen helfen, Sehänder
