Am heutigen 1.10.2026 fällt der Blick von der Uni Saarland aus auf ein Alpenjahr, das kaum schlimmer hätte ausfallen können: In der Schweiz sind rund 5,5 Prozent des Gletschereisvolumens verschwunden. Das Schweizerische Gletschermessnetz Glamos spricht vom zweitschlimmsten Jahr seit Beginn der Messungen vor rund 140 Jahren. Nur 2022 war der Verlust noch größer.

Bei einzelnen Schweizer Gletschern schrumpfte die mittlere Eisdicke um 2,5 bis 4 Meter. Juni, Juli und August waren nach Angaben des Schweizer Wetterdienstes die heißesten Monate in der Schweiz seit Beginn der Messungen im Jahr 1864. Dazu kam ein Winterhalbjahr 2025/26, in dem in allen Höhenlagen deutlich weniger Schnee als im langjährigen Mittel fiel.

Schnee weg, Eis hinterher

Die Nullgradgrenze lag an 76 Tagen über 4.000 Metern – so häufig wie nie zuvor. Die schützende Schneedecke war während der Hitzewellen im Juni teilweise schon verschwunden; bis September schmolz sie auch in großen Höhen vollständig. Selbst auf 3.500 Metern lag dann kein Schnee mehr.

Glamos führt die Entwicklung auf den menschengemachten Klimawandel zurück. Das Gletschervolumen in den Alpen nimmt zwar seit mehr als 100 Jahren ab, doch in den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Rückgang beschleunigt. In den vergangenen fünf Jahren war der Eisverlust fast doppelt so hoch wie in den fünf Jahren davor; innerhalb von fünf Jahren verloren die Gletscher laut Bericht fast ein Fünftel ihrer Masse.

Das Messnetz verfügt über eine mehr als 140-jährige Messreihe. Regelmäßig untersucht Glamos 23 der rund 1.400 Schweizer Gletscher und rechnet die Ergebnisse auf die übrigen Eisfelder hoch. Besonders deutlich zeigte sich der Rückgang am Gletscher Scex Rouge. Glamos-Leiter Matthias Huss erwartet, dass er in zehn bis 15 Jahren vollständig verschwunden sein könnte. Gegenüber AFP bezeichnete Huss das Jahr als „katastrophal“ für die Gletscher.

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Von Juli bis September verloren die Schweizer Gletscher rund 2.200 Milliarden Liter Wasser. Das entspricht mehr als dem Vierfachen des jährlichen Trinkwasserverbrauchs der Schweizer Haushalte. Noch mildert dieses Schmelzwasser die sommerliche Wasserknappheit – ein Puffer, der mit der schrumpfenden Eisfläche kleiner wird.

Kleine Gletscher haben bereits aufgegeben: Der Bella-Tola-Gletscher im Wallis und der Plattalvagletscher beziehungsweise Griessfirn in Glarus sind verschwunden. Die Gletscher Allalin, Clariden, Großer Aletsch und Rhone verzeichneten den stärksten Schmelzverlust seit Beginn der jeweiligen Messungen. Die Schweiz hat mit fast 50 Gipfeln über 4.000 Metern zwar bessere Voraussetzungen als Österreich, um warme Sommer zu überstehen. Glamos stellt aber klar: Unter solchen Bedingungen haben Alpengletscher langfristig keine Überlebenschance.

Auch Österreich verliert Eis – und Spielraum

In Österreich dokumentieren Freiwillige des Österreichischen Alpenvereins die Gletscher nach dem Sommer. Die Berichte sprechen von starkem Längen- und Masseverlust. Für die Pasterze am Großglockner zeichnet sich möglicherweise ein Rekordverlust an Eis ab. Direkte Sonneneinstrahlung setzt ihr zu, gleichzeitig wird sie durch Schmelzwasser von innen ausgehöhlt.

Österreichs Gletscherfläche ist innerhalb von zwei Jahrzehnten um 31 Prozent auf 285 Quadratkilometer geschrumpft. Die jüngsten verfügbaren Inventardaten beziehen sich auf 2023. Das ist wichtig, weil die aktuelle Entwicklung damit noch nicht vollständig in dieser Zahl steckt.

Deutschlands letzte vier Gletscher

Auch in Deutschland wird es dünn. Die vier letzten deutschen Gletscher verloren bis 2025 innerhalb von zwei Jahren mehr als ein Viertel ihrer Fläche, zusammen rund eine Million Kubikmeter Eis. Für 2026 wird erneut ein erheblicher Verlust erwartet.

Vom Blaueisgletscher und vom Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Alpen sind nur noch Reste vorhanden. Beide könnten ihren Gletscherstatus bald verlieren. Der Nördliche Schneeferner an der Zugspitze könnte bis Ende des Jahrzehnts betroffen sein. Am längsten dürfte der Höllentalferner bestehen bleiben – voraussichtlich aber höchstens noch etwa zehn Jahre. Danach könnte Deutschland keinen Gletscher mehr haben.

An der Zugspitze ereignete sich in rund 2.800 Metern Höhe außerdem ein Felssturz. Als möglicher Zusammenhang werden die hohen Temperaturen des Sommers untersucht. Im betroffenen Untergrund befindet sich in der Tiefe gefrorener Boden: Permafrost, der das Gestein zusammenhält und bei steigenden Temperaturen auftauen kann.

Für die Gletscherforscher wird die Arbeit dadurch mühsamer und riskanter. Tauender Permafrost und zunehmend brüchiges Gestein erhöhen die Gefahr für Vermessungsteams. Hinzu kommen mehr Spalten im schmelzenden Eis. Bei der nächsten Messung ist dann nicht nur die Frage, wie viel Eis fehlt, sondern auch, ob der Weg dorthin noch sicher ist.