In Siegen-Wittgenstein wird seit Monaten über die Einrichtung eines Nationalparks diskutiert. Die Frage spaltet die Region: Befürworter erwarten Vorteile für den Tourismus, Gegner sorgen sich vor allem um Folgen für die regionale Wirtschaft.

Heute, am 28.10.2026, lädt die Universität Siegen vor der anstehenden Entscheidung zur Podiumsdiskussion über Chancen und Risiken eines Nationalparks ein. Beginn ist um 19 Uhr am Campus Unteres Schloss, im Hörsaalzentrum, Raum 114. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Zwischen Rothaarkamm und Route 57

Im Kreis laufen die Vorbereitungen für einen möglichen Nationalpark am Rothaarkamm. Bürgerinnen und Bürger können Fragen und Anregungen einreichen, außerdem wird in Workshops über das Projekt beraten. Die Debatte bewegt sich dabei vor allem zwischen Naturschutz-, Wirtschafts- und Landwirtschaftsinteressen.

Auf dem Podium sitzen unter anderem Vertreter aus Wirtschaft, Universität, Waldbauernverband und NABU. Landrat Andreas Müller (SPD) unterstützt den Nationalpark. Er sieht im Wald ein zusammenhängendes, schützenswertes Gebiet zwischen Hainchen und Lützel. Für die Region erwartet Müller nachhaltige Entwicklungschancen, mehr Tourismus durch ein Besucherzentrum, Hotels, Pensionen und Gastronomie sowie zusätzliche Arbeitsplätze.

Auch die seit Langem geforderte bessere Verkehrsanbindung Wittgensteins durch die sogenannte Route 57 zwischen Kreuztal und Erndtebrück steht für Müller einem Nationalpark nicht entgegen. Beide Vorhaben müssten koordiniert werden.

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Christian F. Kocherscheidt vom Arbeitgeberverband Siegen-Wittgenstein hält die Prioritätensetzung dagegen für falsch. Angesichts der Belastungen für Unternehmen sollten Bund, Land und Kommunen aus seiner Sicht stärker in Wirtschaftsförderung und Infrastruktur investieren. Außerdem bezweifelt Kocherscheidt, dass der Rothaarkamm die besonderen Voraussetzungen für einen Nationalpark erfüllt.

Wald, Wanderweg und Landwirtschaft

Naturschutzverbände unterstützen die Planungen. Ralf Kubosch von der ArGe Pro Nationalpark nennt Buchenwälder, Quellen, Bäche, Moore und Sümpfe als zentrale Bestandteile des möglichen Schutzgebiets. Sie sollten erhalten beziehungsweise entwickelt werden, um die Artenvielfalt zu sichern.

Grundsätzlich positiv bewertet auch der Rothaarsteigverein die Überlegungen. Ein Nationalpark könne den Fernwanderweg aufwerten. Möglicherweise müssten Streckenabschnitte verlegt werden, die Folgen seien allerdings noch unklar.

Deutlichen Widerspruch gibt es aus der Landwirtschaft. Henner Braach vom Landwirtschaftlichen Kreisverband Siegen-Wittgenstein befürchtet den Verlust von Zuständigkeiten und Selbstbestimmung. Die bestehende Landschaft sei über Generationen geschaffen und gepflegt worden; dafür brauche es laut Braach keinen Nationalpark.

Als Zugang oder „Tor“ zum möglichen Nationalpark könnte das Waldinformationszentrum Forsthaus Hohenroth dienen. Nach der Sommerpause will der Kreis die Planungen zusammenfassen und den Kommunen zur Beschlussfassung vorlegen. Der Kreistag soll im November 2026 endgültig entscheiden, ob der Nationalpark am Rothaarkamm eingerichtet wird.

Ein Naturpark als Hintergrund

In der Region gibt es bereits Erfahrungen mit Naturschutz, nachhaltigem Tourismus und Umweltbildung. Der Naturpark Sauerland Rothaargebirge hat seinen Jahresrückblick 2025 veröffentlicht. Der Bericht gibt einen Überblick über Projekte, Maßnahmen und Entwicklungen in diesen Bereichen.

Vorgestellt werden unter anderem der Abschluss des Landeswettbewerbs 2024 zum „Wald-Klima-Lernort“ Hohe Bracht, aktuelle Bildungsangebote und die Flächenvergrößerung zum nun größten Naturpark Deutschlands. Zahlreiche Bilder und kurze Berichte dokumentieren die Arbeit des Naturparks; der Jahresrückblick ist ab sofort verfügbar.

Eine Aufnahme zeigt Christina Ermert vom Regionalmanagement Siegen-Wittgenstein bei den Naturparkgesprächen in Düsseldorf. Heute Abend dürfte es am Campus Unteres Schloss trotzdem weniger um Jahresberichte gehen als um eine ziemlich konkrete Frage: Was soll aus dem Wald am Rothaarkamm werden?