In Siegen geht es in diesen Tagen um Dinge, die auf Bildschirmen oft kleiner wirken, als sie tatsächlich sind: um Grönland, Kriege, Plattformen, Daten und die Frage, wer eigentlich entscheidet, was sichtbar wird. Zwei Jahrestagungen der Sonderforschungsbereiche „Medien der Kooperation“ und „Transformation des Populären“ an der Universität Siegen untersuchen, wie digitale Praktiken, Bilder und Erzählungen die Wahrnehmung geopolitischer Konflikte prägen.

Ein Beispiel wirkt zunächst fast skurril. Online wurde darüber diskutiert, ob bei einer Vertragsunterzeichnung zwischen den USA, Grönland und Dänemark das Lied „Send in the Clowns“ gespielt worden sei. Das Gerücht bekam laut Prof. Dr. Niels Werber mehr Aufmerksamkeit als die Fakten des Vertrags. Währenddessen rückten Grönlands strategische Lage, seine Rohstoffe und seine mögliche Bedeutung für die USA ins Zentrum. Memes, Bilder und Erzählungen luden die Insel symbolisch auf.

Wenn aus Regionen geopolitische Bilder werden

Die Tagung „Populäre Geopolitik“ fragt, wie Regionen und Konflikte durch Medienaufmerksamkeit und populäre Erzählungen politische Bedeutung erhalten. Werber bezeichnet Grönland als eine lang bestehende „geopolitische Phantasie“ und untersucht, welche Bilder zur Untermauerung politischer Ansprüche erzeugt werden.

Die Aufmerksamkeit wandert dabei auffällig: zeitweise zur Ukraine, nach Gaza, an die Straße von Hormus oder in den Iran. Werber spricht von „Kämpfen um Sichtbarkeit“. Manche Themen landen im Zentrum, andere verschwinden beinahe aus dem Blickfeld. Eingängige Formeln helfen dabei: Russland wolle ein Imperium zurück, China werde zur Gefahr, ein neuer Kalter Krieg beginne. Komplexe Verhältnisse passen dann plötzlich in ein Bild – praktisch, merkfähig, aber eben auch verkürzt.

Gerade diese Vereinfachungen stehen im Mittelpunkt der Tagung. Warum setzen sich bestimmte geopolitische Erzählungen durch? Welche Geschichten erhalten Aufmerksamkeit, wer bestimmt ihre Sichtbarkeit, und wie entsteht daraus politische Bedeutung?

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Werber unterscheidet dabei zwischen Einfluss und Macht. Bilder und Erzählungen beeinflussen, was Menschen wahrnehmen und worüber sie sprechen. Macht im engeren Sinn besitzen sie deshalb nicht automatisch; sie zwingen niemanden zu einer bestimmten Handlung. Menschen können widersprechen, recherchieren und zusätzliche Informationen einholen. Dass das im Alltag nicht immer passiert, ist eine andere, ziemlich menschliche Geschichte.

Sensoren, Plattformen und die Politik des Sichtbaren

Die zweite Tagung des SFB „Medien der Kooperation“ trägt den Titel „Politics of Cooperative Sensing“. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Menschen mithilfe digitaler Medien wahrnehmen, was in der Welt geschieht, und wie in konkreten Medienpraktiken Macht ausgehandelt wird.

Sensoren, Plattformen, Daten und KI können Ereignisse sichtbar machen – oder unsichtbar. Besonders im Krieg stellt sich deshalb die Frage, welche Informationen auftauchen und welche verschleiert werden. Neben Staaten geraten Technologieunternehmen in den Blick: Sie kontrollieren Daten, Plattformen, Cloud-Infrastrukturen oder KI-Systeme. Technologische Ressourcen werden so zu politischer und geopolitischer Macht.

Prof. Dr. Carolin Gerlitz betont, dass neben den großen Technologiekonzernen auch die Fähigkeiten von KI sowie Veränderungen bei Akteuren und Medienpraktiken untersucht werden müssen. Gefühle können Fakten überlagern und werden von Plattformen besonders verstärkt. Ein wütendes Bild, ein empörender Clip, ein Satz mit viel Bauchgefühl – schon läuft die Debatte anders.

Ein Teil der Tagung widmet sich Widerstand und demokratischem Engagement, unter anderem durch digitale, antifaschistische und feministische Initiativen. Diskutiert wird auch, wie Wissenschaft und Universitäten gemeinsam mit der Zivilgesellschaft auf antidemokratische Entwicklungen reagieren können. Die wissenschaftlichen Ansprechpartner sind Prof. Dr. Carolin Gerlitz und Prof. Dr. Niels Werber von der Universität Siegen. Weitere Informationen stehen auf den Veranstaltungsseiten der beiden Sonderforschungsbereiche.

Digitale Souveränität zwischen Freiheit und Kontrolle

Wie eng solche Fragen mit Geopolitik verbunden sind, zeigt ein weiterer Forschungsstrang: In einem Interview spricht der FAU-Kulturgeograf Prof. Dr. Georg Glasze über digitale Souveränität, geopolitische Macht und den Sammelband „Geopolitics of Digital Sovereignty“. Forschende der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der französischen Forschungsgruppe „Geopolitics of the Datasphere“ haben dafür globale Debatten untersucht.

Digitale Souveränität meint die Fähigkeit, digitale Technologien, Daten und Infrastrukturen selbstbestimmt zu gestalten und zu nutzen, um politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ziele eigenständig zu verfolgen. Glasze versteht den Begriff nicht als festes Konzept, sondern als politisch umkämpftes Leitmotiv – zwischen Kontrolle und Freiheit, Staat und Individuum, Demokratie und Autoritarismus.

Er ist in Machtverhältnisse, Infrastrukturen und historische Erfahrungen eingebettet. Der Sammelband bringt Debatten aus verschiedenen Disziplinen und Weltregionen vergleichend zusammen. Er fragt, wie digitale Souveränität weltweit verstanden und umgesetzt wird und wie sie mit geopolitischen Interessen, territorialen Logiken und digitalen Infrastrukturen verbunden ist. Daraus ergeben sich Fragen für Europas digitale Zukunft und für eine demokratische, verantwortungsvolle und widerstandsfähige Digitalpolitik.

Kontrolle über Daten, Plattformen und Netze beeinflusst wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten. Der Ukrainekrieg, die Spannungen zwischen den USA und China sowie Debatten über künstliche Intelligenz zeigen die strategische Bedeutung digitaler Infrastrukturen. Europa betont traditionell den Schutz von Grundrechten, richtet den Blick aber zunehmend auch auf geoökonomische und geopolitische Fragen. China und Russland stellen staatliche Kontrolle in den Vordergrund, in Indien und Iran ist digitale Souveränität eng mit nationaler Unabhängigkeit verbunden. Die Unterschiede hängen mit politischen Systemen, historischen Erfahrungen und technologischen Abhängigkeiten zusammen.

Positiv ist digitale Souveränität nicht automatisch. Sie kann demokratische Selbstbestimmung stärken, aber ebenso Kontrolle, Abschottung, Protektionismus, sicherheitspolitische Maßnahmen oder Technonationalismus fördern. Entscheidend sind die politische Umsetzung und die verfolgten Ziele.

Deutschland und Frankreich brachten das Thema früh gemeinsam auf die europäische Agenda. Ihre Perspektive verbindet technologische Unabhängigkeit mit einer eigenständigen und demokratisch verfassten digitalen Ordnung sowie gesellschaftlicher Verantwortung. Hinzu kommen wirtschaftliche, geoökonomische, sicherheitspolitische und geopolitische Überlegungen.

Big Tech, neue Abhängigkeiten und Europas Spielraum

Die USA setzten laut Glasze lange auf offene Märkte und privatwirtschaftliche Innovation. Unter Donald Trumps zweiter Präsidentschaft agiere Washington stärker imperial und verbinde Big Tech mit einer autoritär auftretenden Regierung. China verfolgt eine stark staatlich gelenkte und machtpolitische Digitalstrategie. Europa steht damit zwischen zwei zunehmend machtbewussten Digitalmächten.

Bausteine einer europäischen Digitalstrategie sind unter anderem Gaia-X, die KI-Verordnung und der Digital Services Act. Eine zusammenhängende europäische Gesamtstrategie bildet sich allerdings erst allmählich heraus. Erschwert wird sie durch neoimperiale Politiken der USA sowie autoritäre Regime in Russland und China.

Der Verkauf des deutschen Cloudanbieters Northern Data an Rumble zeigt laut Glasze die Verletzlichkeit digitaler Souveränität. Wenn zentrale Infrastruktur an ausländische oder politisch problematische Akteure übergeht, können neue Abhängigkeiten entstehen. Die Politik muss strategisch wichtige Infrastrukturen definieren und Regeln für langfristige Handlungsfähigkeit schaffen, ohne Innovation zu behindern.

Digitalpolitik betrifft heute Wirtschaft, Sicherheit, Bildung und Demokratie. Entscheidungen über Plattformregulierung, künstliche Intelligenz und Datenschutz wirken direkt auf Freiheit, Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Mehr Regulierung, die Verringerung technologischer Abhängigkeiten sowie Orientierung an Datenschutz, Transparenz und Fairness zeichnen sich als wichtige Tendenzen ab.

Große Digitalkonzerne wie Google und Amazon sowie Plattformen wie TikTok sind globale Machtakteure geworden. Ihr Einfluss kann den von Staaten teilweise übertreffen. Zwischen Regierungen und Technologieunternehmen entstehen neue Allianzen. Digitale Macht wird zunehmend infrastrukturell ausgeübt – über Datenflüsse, Algorithmen und digitale Standards, nicht bloß über territoriale Kontrolle.

Der Begriff Datenkolonialismus beschreibt die Kontrolle großer Datenmengen durch wenige, überwiegend US-amerikanische Konzerne. Diese Unternehmen leiten daraus wirtschaftliche und politische Macht ab. Abhängigkeiten entstehen, die sich mit früheren Rohstoffimperien vergleichen lassen. Für Europa und andere Länder ist das eine Herausforderung für digitale Eigenständigkeit und prägt eine neue globale Arbeitsteilung im digitalen Kapitalismus.

Europa bleibt in mehreren Bereichen abhängig, kann aber durch seinen Binnen