Stuttgart, 20.10.2026 – Baden-Württemberg will beim Stromnetzausbau Tempo machen. Dafür ist eine neue Taskforce gestartet, die Engpässe im Stromverteilnetz beseitigen und Ausbauverfahren beschleunigen soll. Beteiligt sind Ministerien und Behörden, Netzbetreiber, Verbände, Unternehmen, Speicherbetreiber sowie Kommunen.

Der Handlungsdruck wächst spürbar: Wärmepumpen, Elektroautos und die Elektrifizierung industrieller Prozesse treiben den Strombedarf nach oben. Zusätzlich brauchen Batteriespeicher, Rechenzentren sowie neue Wind- und Solaranlagen Netzanschlüsse. Das Land verfügt zwar über ein Stromnetz mit mehr als 220.000 Kilometern Länge, trotzdem müssen zahlreiche neue Umspannwerke und Trafostationen gebaut werden.

Netze am Limit, Firmen warten

Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) zufolge stoßen bestehende Netze bereits an Belastungsgrenzen, besonders in Mittelbaden. Nach Angaben von Torsten Höck, Geschäftsführer des Verbands für Energie- und Wasserwirtschaft Baden-Württemberg, ist die Netzkapazität in einigen Regionen knapp. Unternehmen könnten sich dort teilweise nicht ansiedeln oder erweitern, weil notwendige Netzanschlüsse fehlen. Für einen Wirtschaftsstandort ist das eine ziemlich konkrete Bremse – nicht bloß ein Problem auf dem Papier.

Özdemir fordert deshalb, die Dauer der Ausbauverfahren mindestens zu halbieren. Derzeit können sie bis zu zehn Jahre dauern; künftig sollen höchstens fünf Jahre vergehen. Energieministerin Thekla Walker (Grüne) hat dasselbe Ziel ausgegeben. Für den Ausbau sind laut Höck Investitionen in Höhe von vielen Milliarden Euro nötig.

Im Zentrum der Arbeit stehen Digitalisierung, eine bessere Priorisierung von Projekten und Regionen, die effizientere Nutzung bestehender Infrastruktur und schnellere Genehmigungsverfahren. Auch Flächen für neue Umspannwerke sollen zügiger bereitgestellt werden – möglichst in der Nähe von Leitungen.

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Viele kleine Stellschrauben statt eines großen Knopfs

Walker setzt auf digitale Genehmigungsverfahren und automatisierte Prüfungen von Unterlagen. Eine einzelne entscheidende Änderung erwartet sie nicht. Die Beschleunigung soll durch viele kleinere Verbesserungen gelingen. Höck fordert zudem vereinfachte Verfahren: Selbst der Ersatz eines Strommasts am gleichen Standort erfordere derzeit ein vollständiges Genehmigungsverfahren.

Offen ist auch die Finanzierung. Die Stromnetze werden derzeit über Netzentgelte finanziert. Nach Angaben Höcks seien die geltenden Regelungen vor allem auf den Betrieb bestehender Netze ausgelegt, nicht auf deren Erweiterung. Kommunen sollen ihren Energieversorgern gegebenenfalls mehr Eigenkapital zur Verfügung stellen können. Dafür könnte der Kreditrahmen der Kommunen erweitert werden.

Die neue Taskforce wurde im Koalitionsvertrag von Grünen und CDU vereinbart und soll zwei Jahre arbeiten. Nach einem Jahr soll geprüft werden, welche Fortschritte erreicht wurden. Die Landesregierung will die Ergebnisse anschließend in einem Netzausbaubeschleunigungs-Gesetz umsetzen. Die Vorschläge sollen bei Baugenehmigungen und anderen Verfahren für eine deutliche Beschleunigung sorgen.

Windkraft als Vorlage

Als Vorbild dient eine 2021 gestartete Taskforce zum beschleunigten Ausbau der Windkraft. Sie arbeitete von 2021 bis 2023, erarbeitete Vorschläge zur Verkürzung von Planungsverfahren und erzielte laut Landesregierung Fortschritte: Die Genehmigungsdauer für Windräder sank von etwa sieben auf rund dreieinhalb Jahre, außerdem wurden mehr Flächen für Windenergie ausgewiesen.

Der Windkraftausbau stockt derzeit laut Artikel nicht mehr hauptsächlich an Genehmigungen, sondern am bundesweiten Ausschreibungsverfahren. Torsten Höck bezeichnete das frühere Vorgehen trotzdem als Vorlage für die neue Taskforce. Nun geht es um Leitungen, Umspannwerke, Trafostationen und all die Verfahren dazwischen – weniger sichtbar als ein Windrad, aber für die Energiewende ebenso entscheidend.

Baden-Württemberg erzeugte 2024 rund 60 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen. Wenn Wärmepumpen anlaufen, Elektroautos laden, Maschinen elektrifiziert werden und Rechenzentren Strom ziehen, muss diese Energie allerdings auch dort ankommen, wo sie gebraucht wird. Die Taskforce hat dafür zwei Jahre Zeit. An der Uni Stuttgart dürfte man besonders genau hinschauen, wie aus den angekündigten vielen kleinen Schritten tatsächlich neue Leitungen, Anschlüsse und genehmigte Bauprojekte werden.