An der Universität Leipzig richtet sich der Blick auf eine Verwaltungsebene, die im Schulalltag oft unsichtbar bleibt: die Schulaufsicht. Eine Befragung der Universität Erfurt zeigt, wie eng deren Anspruch und tatsächliche Arbeitswirklichkeit auseinanderliegen. Im November und Dezember 2025 wurden dafür 231 Schulaufsichtspersonen aus fünf Bundesländern befragt.

Sie stehen zwischen Bildungsministerium und Schulen, sind direkte Vorgesetzte von Schulleitungen und sollen zugleich kontrollieren, beraten und unterstützen. Genau darin liegt ein Teil des Problems: Ein einheitliches Rollenverständnis gibt es laut Studie nicht. Auftraggeber waren die Heraeus Bildungsstiftung und die Wübben Stiftung Bildung.

Zwischen Krisenmodus und Schulentwicklung

Im Durchschnitt arbeiten die Befragten 45,6 Stunden pro Woche. Zuständig sind sie im Mittel für 38 Schulen. Auf dem Papier gehört zur Schulaufsicht also mehr als Kontrolle und Aufsicht: Auch Unterstützung und Beratung zählen dazu. Im Alltag allerdings frisst das Krisenmanagement viel Zeit.

Für acht Aufgabenfelder verglich die Studie den tatsächlichen mit dem gewünschten Zeitaufwand. Auf Beschwerde-, Konflikt- und Krisenmanagement entfielen tatsächlich 22,3 Prozent der Arbeitszeit, gewünscht wären nur 8 Prozent gewesen. Für Qualitäts- und Schulentwicklung blieben dagegen 12,1 Prozent – die Befragten hätten dafür gern 24,3 Prozent ihrer Zeit eingesetzt. Beide Unterschiede waren statistisch signifikant.

Das passt zu den Anlässen, aus denen Schulaufsicht mit Schulen Kontakt hat: 99,6 Prozent nannten Beschwerden, Konflikte oder Krisen. Am zweithäufigsten ging es um Unsicherheiten bei rechtlichen Fragen. Die geplante Begleitung von Schul- und Unterrichtsentwicklung rutscht da schnell nach hinten. Ein bisschen wie beim Schreibtisch, auf dem ständig neue Akten landen, obwohl man eigentlich längst an einem anderen Vorgang sitzt.

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Auch die Größenordnung der Zuständigkeiten ist sehr unterschiedlich. Mehr als die Hälfte betreut bis zu 20 Schulen, knapp ein Drittel 21 bis 40. 11,7 Prozent sind für mehr als 60 Schulen verantwortlich. Der Höchstwert lag bei 800 Schulen; die Studie erläutert diese extreme Zuständigkeit nicht näher.

Zu selten vor Ort, oft ohne Einstiegshilfe

Durchschnittlich wird jede Schule 4,3-mal pro Schuljahr besucht. 86,3 Prozent kommen höchstens fünfmal jährlich zu jeder Schule. 49,1 Prozent halten das für zu wenig, und mehr als drei Viertel dieser Gruppe nennen Zeitmangel als Grund. Niemand sagte, er oder sie sei zu häufig vor Ort.

Die Einarbeitung wirkt ebenfalls ausbaufähig: 57,6 Prozent erhielten nach eigener Aussage zu Beginn ihrer Tätigkeit keine systematische Einführung. Fortbildung läuft häufig über den informellen Austausch. 88,3 Prozent sprachen sich im vergangenen Jahr mit anderen Schulaufsichtspersonen aus, 63,2 Prozent besuchten Seminare oder Lehrgänge. Zusätzliche Angebote wünschen sich 69,3 Prozent; bei Personen mit höchstens fünf Jahren Berufserfahrung sind es 77,9 Prozent.

Mehr als 90 Prozent der Befragten sind älter als 45 Jahre, fast die Hälfte zwischen 55 und 64. Der Professionalisierungsbedarf liegt laut der weiterführenden Einordnung vor allem bei interner und schulischer Qualitätsentwicklung sowie bei rechtlichen Themen.

Ein Zielbild mit vier Säulen

Die Kultusministerkonferenz hat am 16. Oktober 2025 das „Zielbild zur Rolle und Arbeit der Schulaufsicht“ beschlossen. Darin erscheint die moderne Schulaufsicht als kooperativer, kommunikativer und unterstützender Partner der Schulen. Ihre Aufgaben sollen über Kontrolle hinausgehen: Sie soll schulische Qualitätsentwicklung unterstützen, die Eigenverantwortung der Schulen stärken, an ihrer Zukunft mitgestalten und bei der Umsetzung bildungspolitischer Vorhaben helfen.

Das Zielbild betrachtet Schulaufsicht als Institution und als handelnde Person. Es ruht auf vier Säulen: Haltung, Aufgaben, Kompetenzen und Instrumente. Vorgesehen sind eine enge Zusammenarbeit mit Schulleitungen und Unterstützungssystemen, eine klare Aufgabenteilung, angemessene Ausstattung und regelmäßige Qualifizierung – auch vor Amtsantritt. Daten und digitale Technologien sollen genutzt werden, um Schulentwicklung gezielter zu begleiten.

Daneben verabschiedete die KMK am 13. Dezember 2024 den „Orientierungsrahmen zur Qualifizierung von Schulleitungen“. Schulleitungen werden darin als zentrale Führungskräfte beschrieben. Ihr Qualifikationsprofil umfasst pädagogische, administrative, soziale und personale Kompetenzen. In Abstimmung mit der Schulaufsicht tragen sie Verantwortung für Personalentwicklung, Schulentwicklungsprozesse und den Bildungserfolg aller Schülerinnen und Schüler.

Für die Umsetzung des Bildungsauftrags gilt die Zusammenarbeit beider Seiten als entscheidend. Sie soll auf Vertrauen, Transparenz und gegenseitiger Wertschätzung beruhen. In den Papier klingt das klar; im Arbeitskalender der Befragten ist dafür derzeit oft schlicht zu wenig Platz.

Studie als Teil eines größeren Vorhabens

Die Befragung ist Teil der Studie „Schulaufsicht in Zeiten der Transformation“, durchgeführt von einem Forschungsteam der Universität Erfurt. Untersucht wird Schulaufsicht als eigenständiges Unterstützungssystem und als Bestandteil staatlicher Unterstützungsstrukturen für schulische Transformation. Im Mittelpunkt stehen Aufgaben, Rollen und Verantwortlichkeiten innerhalb der Bildungsverwaltung, datengestützte Strategien für schulische Entwicklungsprozesse, die Führungsaufgabe gegenüber Schulen sowie Schnittstellen zu Landes- und Qualitätsinstituten und anderen Unterstützungssystemen.

Der erste Teil, „Schulaufsicht in Zeiten der Transformationen – Führen mit Dialog und Daten“, erschien im Februar 2026. Eine dritte Teilstudie zur Zusammenarbeit der Schulaufsicht mit weiteren Unterstützungssystemen ist angekündigt. Die Ergebnisse der Befragung zeigen derweil einen recht nüchternen Engpass: Unterstützung soll dialogisch, datenbasiert und entwicklungsorientiert sein – nur fehlt im Alltag häufig die Zeit dafür.

Hinter der Untersuchung stehen zwei Bildungsstiftungen mit unterschiedlichen Profilen. Die Wübben Stiftung Bildung wurde 2013 gegründet und hat ihren Sitz in Düsseldorf. Sie unterstützt die Weiterentwicklung von Schulen im Brennpunkt und setzt sich für gerechte Bildungschancen unabhängig von der Herkunft ein. Ihr wissenschaftliches Zentrum, das impaktlab, entwickelt auf Grundlage wissenschaftlicher Analysen und Praxiserkenntnisse Impulse für das Bildungssystem.

Die Heraeus Bildungsstiftung unterstützt Schulen sowie Schulleitungen, Lehrkräfte und Schuladministrationen mit Weiterbildungen, Qualifizierungen und Netzwerken. Ihre Schwerpunkte liegen bei Persönlichkeitsentwicklung, Leadership und Beziehungskultur. 2025 feierte die Stiftung ihr 60-jähriges Jubiläum.

Ein paar Vorbehalte bleiben. Die fünf beteiligten Bundesländer wurden anonymisiert, die Arbeitszeitangaben beruhen auf Selbsteinschätzungen, und die Rücklaufquote lag bei 53 Prozent. Trotzdem führen die Zahlen ziemlich direkt zu einer Frage, die auch an der Universität Leipzig im Raum steht: Wie soll Schulaufsicht Schulen bei Veränderung begleiten, wenn der Arbeitstag vor allem aus Beschwerden, Konflikten und Krisen besteht?