Deutschland braucht weiterhin viel Erdgas. Mehr als die Hälfte der Wohnungen wird damit beheizt, dazu kommen große Mengen, die in der Industrie verbraucht werden. Die Energiewende hat den Bedarf also nicht einfach verschwinden lassen. Ausgerechnet jetzt will die schwarz-rote Koalition die heimische Förderung ausweiten; Niedersachsen hat dafür mehrere neue Bohrprojekte genehmigt.

Eines dieser Projekte liegt vor Borkum. In der Nordsee, rund 20 Kilometer von der ostfriesischen Insel entfernt, befindet sich das Erdgasfeld N05-A. Es erstreckt sich über niederländisches und deutsches Hoheitsgebiet. Der niederländische Konzern One-Dyas fördert dort inzwischen von einer Plattform aus Erdgas. Für Befürworter stärkt das zusätzliches heimisches Gas die Energiesicherheit. Umweltverbände sowie Bewohnerinnen und Bewohner der ostfriesischen Inseln sehen das anders: Sie befürchten irreversible Schäden am UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer, Beeinträchtigungen der Meeresumwelt und negative Folgen für den Klimaschutz.

Ein Bohrfeld, viele Verfahren

Die Geschichte des Projekts reicht bis 2017 zurück. One-Dyas entdeckte nach eigenen Angaben ein kleines Erdgasfeld und begann mit Sondierungen und Testbohrungen. Anschließend beantragte das Unternehmen die Erschließung von N05-A. Im Oktober 2021 lehnte der niedersächsische Landtag Erdgasförderung in der Nordsee zunächst ab.

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine änderte sich die politische Lage. Im Mai 2022 hob der Landtag den früheren Beschluss auf. SPD, CDU, FDP und fraktionslose Abgeordnete stimmten für Bohrungen, die Grünen lehnten sie weiterhin ab. Kurz darauf genehmigte das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie, kurz LBEG, die Erdgassuche und -förderung. Im Juni 2022 erteilte das niederländische Wirtschafts- und Klimaministerium die Genehmigung zur Erschließung. Im September beantragte One-Dyas beim LBEG die konkrete Genehmigung für die Bohrungen. Umweltorganisationen, Inselbewohner und weitere Initiativen kündigten Klagen an.

Ab 2023 liefen in Deutschland und den Niederlanden mehrere Gerichtsverfahren. Im September stoppte die Rechtbank Den Haag den Bau der Plattform vorläufig per einstweiliger Verfügung. Im April bestätigte das Gericht den Baustopp in erster Instanz. Im Mai erteilte das niederländische Wirtschafts- und Klimaministerium eine neue Genehmigung, die wesentliche Auflagen des Gerichts berücksichtigte. Die Deutsche Umwelthilfe kündigte gemeinsam mit weiteren Umweltorganisationen einen erneuten Antrag auf Baustopp beim höchsten niederländischen Gericht an.

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Anfang August gab das Verwaltungsgericht Oldenburg einem Eilantrag der DUH statt. Das geplante Stromkabel zur Versorgung der Plattform durfte vorerst nicht genehmigt werden. Eine Woche später genehmigte das LBEG die umstrittene Gasförderung auf deutscher Seite – nach Prüfung und Freigabe durch das niedersächsische Wirtschaftsministerium. Vorgesehen sind 18 Jahre Förderung; früher soll Schluss sein, falls Deutschland das Erdgas nicht mehr benötigt. Für die Förderung in beiden Hoheitsgebieten ist zusätzlich ein völkerrechtliches Abkommen zwischen Deutschland und den Niederlanden erforderlich.

Im März 2025 begann One-Dyas auf der neu errichteten Plattform mit einer 90-tägigen Testförderung an einem Bohrloch auf niederländischer Seite. Umweltschützer fochten die niederländische Genehmigung an, doch die Klage hatte dort keine aufschiebende Wirkung. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg erlaubte die Verlegung des Stromkabels. Ende 2025 verband es die Plattform mit dem deutschen Offshore-Windpark Riffgat.

Im Juli stimmte das Bundeskabinett den Plänen zur Gasförderung zu. Der Bundesrat konnte sich im Dezember nicht auf eine gemeinsame Position zum Abkommen mit den Niederlanden verständigen, die Entscheidung wurde vertagt. Gleichzeitig bestätigte das OVG Lüneburg den vom LBEG angeordneten Sofortvollzug. One-Dyas durfte damit eine erste Bohrung auf deutscher Seite beginnen, obwohl weitere Gerichtsentscheidungen noch ausstanden.

Anfang April 2026 nahm das Unternehmen eine zweite Bohrung in Betrieb. Nach Angaben von One-Dyas können dadurch jährlich bis zu eine Milliarde Kubikmeter Erdgas vor Borkum gefördert werden. Das OVG Lüneburg wies die Klage der DUH gegen die deutsche bergrechtliche Genehmigung ab. Die Auswirkungen auf die Meeresumwelt seien gering. Auch die Klage der Stadt Borkum scheiterte: Erwartete Gefahren durch Erdbeben sowie Auswirkungen auf Trinkwasser und Tourismus seien nicht erheblich genug.

In den Niederlanden steht die Entscheidung im Hauptverfahren gegen die Bohrgenehmigung noch aus. Nachdem die Klage in erster Instanz erfolgreich war, erwartet die DUH die Entscheidung der zweiten Instanz. Der Raad van State, das höchste niederländische Verwaltungsgericht, soll voraussichtlich noch im laufenden Jahr entscheiden.

Ein kleiner Anteil an einem großen Bedarf

Die heimische Erdgasförderung deckt derzeit etwa fünf Prozent des deutschen Bedarfs. Der Jahresbericht 2025 des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie weist für Deutschland 4,25 Milliarden Kubikmeter gefördertes Erdgas aus. Das entsprach rund 4,8 Prozent des deutschen Erdgasbedarfs. Genutzt wurde das Gas im Inland, ohne größere Transport- oder Umwandlungsverluste.

Niedersachsen war mit 4,19 Milliarden Kubikmetern das mit Abstand wichtigste Förderland und stellte 98,59 Prozent der deutschen Gesamtförderung. Nach Fördergebieten entfielen 2025 auf Weser-Ems 2,06 Milliarden Kubikmeter beziehungsweise 48,46 Prozent, auf Elbe-Weser 1,58 Milliarden Kubikmeter beziehungsweise 37,07 Prozent, auf das Gebiet westlich der Ems 0,40 Milliarden Kubikmeter beziehungsweise 9,49 Prozent und auf die Nordsee 178,23 Millionen Kubikmeter beziehungsweise 4,19 Prozent. Die übrigen Gebiete kamen zusammen auf rund 0,78 Prozent.

Die zehn produktionsstärksten Felder lagen allesamt in Niedersachsen. Goldenstedt-Oythe führte mit 393,34 Millionen Kubikmetern, gefolgt von Adorf mit 327,21 Millionen und Völkersen mit 307,58 Millionen Kubikmetern. Bötersen Pool A kam auf 205,78 Millionen Kubikmeter, Söhlingen Pool auf 205,75 Millionen, Hengstlage/Sage/Sagermeer auf 205,78 Millionen. Dazu kamen Siedenburg mit 199,24 Millionen, Hemmelte/Kneheim/Vahren mit 178,76 Millionen, Visbek mit 179,29 Millionen und Burgmoor/Uchte mit 170,42 Millionen Kubikmetern.

2024 lag die Gesamtförderung bei 4,16 Milliarden Kubikmetern, 2023 bei 4,33 Milliarden. Gegenüber 2024 stieg sie 2025 also um gut zwei Prozent. Historisch ist das trotzdem ein schmaler Rest: Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre wurden in Deutschland bis zu 21 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr gefördert. Die Menge von 2025 entsprach damit etwa 20 Prozent dieser Höchstwerte. Als Gründe für den langfristigen Rückgang nennt der Jahresbericht die Erschöpfung bestehender Lagerstätten und die seltene Erschließung neuer Lagerstätten.

Wer fördert – und was bleibt?

Nach konsortialer Beteiligung entfielen 2025 die größten Fördermengen auf BEB Erdgas und Erdöl mit 1,60 Milliarden Kubikmetern beziehungsweise 37,66 Prozent. Mobil Erdgas-Erdöl folgte mit 973,28 Millionen Kubikmetern beziehungsweise 22,90 Prozent, Harbour Energy mit 613,93 Millionen beziehungsweise 14,44 Prozent, Neptune Energy Deutschland mit 594,65 Millionen beziehungsweise 13,99 Prozent und Vermilion Energy Germany mit 259,51 Millionen beziehungsweise 6,11 Prozent.

Bei der betrieblichen Förderleistung lag BEB Erdgas und Erdöl mit 1,87 Milliarden Kubikmetern beziehungsweise 43,95 Prozent vorn. Harbour Energy erreichte 809,05 Millionen Kubikmeter beziehungsweise 19,03 Prozent, Mobil Erdgas-Erdöl 740,71 Millionen beziehungsweise 17,43 Prozent, Neptune Energy Deutschland 544,28 Millionen beziehungsweise 12,80 Prozent. ONE Dyas kam auf 178,23 Millionen Kubikmeter beziehungsweise 4,19 Prozent.

Die produzierte Rohgasmenge betrug 2025 4,34 Milliarden Kubikmeter. Davon entfielen 402,60 Millionen Kubikmeter auf den prozesstechnischen Eigenverbrauch. Die verwertete Reingasförderung lag bei