Generation Z in OWL: Zwischen Eigenheimtraum und unbezahlbarer Wohnrealität
Uni Bielefeld, 10. Oktober 2026: Rafael Weser sitzt als 25-jähriger BWL-Student mitten in einer Lebensphase, in der vieles offen ist. Ein kleines Haus mit Garten wäre sein Wunsch. Doch beim Gedanken an den Kauf wird ihm eher mulmig: Seine finanziellen Perspektiven, der Arbeitsmarkt und die spätere Rente wirken zu unsicher.
Damit steht Weser in Ostwestfalen-Lippe nicht allein. Für die Generation Z – gemeint sind die Jahrgänge 1995 bis 2010 – werden Wohneigentum und Familienplanung zunehmend schwieriger. Laut einer YouGov-Umfrage sehen 64 Prozent der 20- bis 29-Jährigen Wohneigentum als großes Lebensziel. 46 Prozent planen, innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Immobilie zu kaufen.
Der Wunsch nach Sicherheit trifft auf hohe Hürden
Weser verbindet ein Eigenheim mit finanzieller Sicherheit und Altersvorsorge. Gleichzeitig bezweifelt er, sich ein solches Zuhause leisten zu können. Eine Forsa-Umfrage des Verbands der privaten Bausparkassen kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass viele junge Menschen den Immobilienerwerb heute schwieriger finden als vor fünf Jahren.
Jugend- und Bildungsforscher Frederick de Moll beobachtet hinter dem Wunsch nach den eigenen vier Wänden vor allem ein Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität. Sicherheit ist für 87 Prozent der Befragten wichtig, ein sicherer Arbeitsplatz sogar für 91 Prozent. Einen hohen Lebensstandard nennen 73 Prozent. Krieg in Europa, wirtschaftliche Unsicherheit und wachsende soziale Ungleichheit verstärken laut de Moll die Zukunftsunsicherheit junger Menschen.
Auch der Wohnort hängt daran. 52 Prozent der Befragten ist ein Arbeitsplatz wichtig, für den sie nicht umziehen müssen. Bildung beeinflusst langfristig die Erwerbs- und Wohnmöglichkeiten, zugleich prägt die soziale Herkunft weiterhin die Bildungschancen. Die zugrunde liegende Studie belegt allerdings keinen direkten Zusammenhang zwischen Bildungsabschluss, Zugang zu Wohneigentum und konkreten Wohnentscheidungen. Ein guter Abschluss garantiert heute nicht mehr automatisch, den Lebensstandard der Eltern fortführen zu können.
Komischerweise bleiben junge Menschen aus finanziell gut gestellten Haushalten laut den genannten Daten häufiger länger im Elternhaus wohnen. De Moll fordert deshalb neben Eigentum ausreichend bezahlbaren und flexiblen Wohnraum für verschiedene Lebensmodelle und Familiengründungen.
Mehr Nebenjobs, weniger Rücklagen
Sebastian Brinkmann aus dem Kreis Herford studiert außerhalb von OWL, möchte später aber zurückkehren. Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, arbeitet der 30-Jährige in mehreren Nebenjobs. Das kostet Zeit: Studium und Einstieg ins Berufsleben verlängern sich. Eine Familie will Brinkmann später gründen, doch wegen der finanziellen Belastung kann er kaum Rücklagen bilden.
Die hohen Mieten knabbern bereits an seinen Ausgaben. Ein Hauskauf erscheint unter diesen Bedingungen kaum realistisch. Was viele junge Menschen stattdessen suchen, beschreibt de Moll ziemlich konkret: bezahlbare Wohnungen mit mehreren Zimmern, eine Lage nahe am Arbeitsplatz oder am Herkunftsort und Räume, die sich an unterschiedliche Lebensmodelle anpassen lassen. Wohneigentum, das Familiengründung ermöglicht, wird seltener.
Rafael Weser kritisiert steigende Lebenshaltungskosten, den Abbau sozialstaatlicher Leistungen und die ausbleibende BAföG-Erhöhung. Er hat sich mit Baufinanzierung, Förderungen und Bauprojekten in OWL beschäftigt. Das Problem bleibt trotzdem bestehen: Nach eigener Aussage verfügt er weder über ausreichendes Eigenkapital noch über Möglichkeiten, welches aufzubauen. Deshalb sei er derzeit nicht kreditwürdig.
Preise, Zinsen und ein angespannter Mietmarkt
Laut IT.NRW lagen die Baupreise für Wohngebäude in Nordrhein-Westfalen im Mai 2026 um vier Prozent über dem Vorjahreswert. Die Preise für Rohbauarbeiten stiegen im selben Zeitraum um knapp vier Prozent. Dazu kommen bei einem Kauf steigende Immobilienpreise und höhere Kaufnebenkosten, etwa Maklerprovision und Grunderwerbsteuer.
Die Preise für Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser in OWL stiegen im Jahresvergleich um 0,8 Prozent. Gleichzeitig sind die Zinsen für Immobilienfinanzierungen seit der Zinswende deutlich gestiegen. Die monatliche Kreditbelastung wächst, Kredite verteuern sich – und damit können sowohl die Kaufkraft der Verbraucher als auch die Nachfrage nach Wohneigentum sinken.
Weniger als die Hälfte der untersuchten Musterhaushalte in OWL lebt in Regionen, in denen Immobilienpreise als leistbar gelten. Die Zahl der angebotenen Immobilien steigt zwar, doch hohe Finanzierungs- und Lebenshaltungskosten dämpfen die Nachfrage. Am Mietmarkt sieht es nicht gemütlicher aus: Die Angebotsmieten in OWL erhöhten sich im Jahresvergleich um 4,0 Prozent. Hohe Nachfrage trifft auf ein begrenztes Angebot.
Für junge Menschen heißt das mitunter: in weniger attraktive Lagen ausweichen oder die eigene Wohnsituation neu planen. Staatliche Förderprogramme bieten teilweise zinsgünstige Darlehen oder Zuschüsse. Als Alternativen kommen außerdem ländliche Gebiete mit häufig niedrigeren Immobilienpreisen, Wohngemeinschaften und genossenschaftliches Wohnen infrage. In solchen Wohnformen können sich mehrere Personen die Kosten teilen. Klingt pragmatisch, fühlt sich für manche aber eher nach Plan B an.
Weser hat seinen Traum vom Eigenheim vorerst aufgegeben. Gemeinsam mit seiner Partnerin sucht er eine bezahlbare Mietwohnung in Uni-Nähe.
Ein Markt, der sich nicht auf Bielefeld beschränkt
Wie sich Kaufpreise und Mieten entwickeln, lässt sich in OWL nicht an einem einzigen Ort ablesen. Ein regelmäßig erscheinender Immobilienpreisbericht untersucht ausgewählte Regionen und enthält Daten und Fakten zum Wohnungsmarkt, Entwicklungen der Kaufpreise für Häuser und Wohnungen, Entwicklungen der Wohnungsmieten sowie eine Vergleichsübersicht zum Immobilienmarkt in Deutschland.
Betrachtet werden Bad Oeynhausen, Bad Salzuflen, Bünde, Enger, Heepen, Herford, Hiddenhausen, Jöllenbeck, Kirchlengern, Leopoldshöhe, Löhne, Porta Westfalica, Rödinghausen, Schildesche, Spenge, Stieghorst und Vlotho. Die weitere Entwicklung des Immobilienmarktes in OWL bleibt angesichts hoher Preise, gestiegener Zinsen und unsicherer wirtschaftlicher Rahmenbedingungen offen.
