Manifesta 16 Ruhr: Wie leere Kirchen zu Orten für Kunst und Begegnung werden
Heute, am 8. Oktober 2026, lohnt sich ein Blick auf Gebäude, an denen viele sonst achtlos vorbeigehen: die modernen Kirchen des Ruhrgebiets. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Nordrhein-Westfalen Tausende dieser sogenannten „Pantoffelkirchen“ errichtet, oft mitten in neu gebauten Wohngebieten. Sie sollten nahe bei den Menschen sein. Heute stehen viele leer, werden kaum noch genutzt oder verlieren ihre ursprüngliche Funktion.
Wenn die gottesdienstliche Nutzung endet, bleiben meist drei Möglichkeiten: Verfall, Verkauf oder Umnutzung. Aus dem Kirchenraum kann ein Kunstort werden, eine Kneipe, ein Kino oder eine Kindertagesstätte. Doch mit der Entwidmung oder dem Verkauf droht nicht nur der Verlust eines Gebäudes. Auch öffentliche Gemeinschafts- und Versammlungsorte sowie spirituelle Angebote können verschwinden.
Zwölf Kirchen, vier Städte, 15 Wochen
Genau hier setzt die europäische Wanderbiennale „Manifesta 16 Ruhr“ an. Unter dem Titel „Dies ist keine Kirche“ nutzt sie 15 Wochen lang bis Anfang Oktober 2026 zwölf Kirchen in vier Städten entlang der Ruhr für Kunst und Begegnung. Acht Kuratorinnen und Kuratoren entwickeln Ausstellungen und Installationen. Die Kirchen werden dabei nicht bloß zur Kulisse: Es geht um künstlerische Projekte, partizipative Formate und die Frage, was mit dem kulturellen Erbe dieser Sakralbauten in NRW passieren soll.
Eröffnet wurde die Biennale mit einer Ansage des Ruhrparlamentsvorsitzenden Frank Dudda: Wer Europa verstehen wolle, müsse ins Ruhrgebiet kommen. Das klingt groß, bekommt aber vor Ort schnell Bodenhaftung. Das Ruhrgebiet hat einen Migrantenanteil von über 40 Prozent, die Arbeitslosigkeit liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt, in Gelsenkirchen beträgt sie etwa 15 Prozent. Zugleich bröckeln vielerorts jene sozialen Strukturen, die früher an Arbeiterkirchen hingen.
Der Bedarf der einst mehr als fünf Millionen Einwohner ist stark zurückgegangen: Glaubens- und Traditionsverlust, Kirchenaustritte und finanzielle Krisen verändern die Landschaft. Anfang der 2000er-Jahre verfügte das Bistum Essen noch über 368 katholische Kirchengebäude; Schließungen und Umnutzungen setzen sich fort. Hintergrund ist die zunehmende Profanierung katholischer beziehungsweise Entwidmung evangelischer Kirchen.
Die Biennale erzählt die leer stehenden Gotteshäuser allerdings nicht nur als Verlustgeschichte. Gürsoy Dogtas richtet in vier Kirchen den Fokus auf migrantische Gemeinschaften. In der kürzlich entweihten Thomaskirche hängen Bilder der 1945 in der Türkei geborenen und in Wien lebenden Julia Logothetis. Ihre Motive zeigen den Alltag eines kurdischen Arbeiters. Die St.-Bonifatius-Kirche wiederum wurde von einem Bäcker erworben und als Lager genutzt; jetzt beherbergt sie eine Gruppenausstellung von Künstlerinnen und Künstlern mit migrantischem Hintergrund.
In St. Anna, einem nicht profanierten „stillen Raum“ ohne Kirchengemeinde, musste der Altarbereich wegen einer Soundinstallation mit einer Holzkonstruktion abgetrennt werden. An den Wänden bleiben Glaskunstwerke von Johannes Beeck aus den 1970er-Jahren sichtbar. St. Josef wird schon länger kulturell genutzt: Penique Productions stapelte dort Kirchenbänke zu Sitzmöbeln innerhalb einer großen, aufblasbaren, knallblauen Membran. Ein bisschen absurd, ja. Gerade deshalb bleibt es im Kopf.
In Essen soll die baufällige St.-Marien-Kirche abgerissen werden. Vorher kann die Nachbarschaft den Bau noch besichtigen, den Hans Schilling in den frühen 1960er-Jahren entworfen hat. St. Gertrud in der Essener Innenstadt erhielt kleine Atelierbauten für Kunststudierende. Ayse Erkmen richtet dort einen digitalen Beichtstuhl ein, während Nasan Tur Kirchenbänke im Altarbereich vertikal als Skulptur aufstellt und Sätze über die Sorgen von Anwohnern hineinritzt.
Auch in Bochum wird gespielt – im wörtlichen Sinn. In St. Ludgerus präsentiert das katalanische Künstlerduo Cabosanroque ein interaktives Werk auf einem pinkfarbenen Spielfeld mit Basketballkörben und kleinen Toren. Nur Fehlwürfe aktivieren die Orgel. Spiel, Beteiligung und Begegnung hängen hier an einem verfehlten Ball. Die Anwohner reagieren laut Artikel begeistert. Ob Kunst langfristig zum gesellschaftlichen Zusammenhalt im Ruhrgebiet beitragen kann, bleibt offen. Die Kirchenbauten und ihre Glasfenster lassen sich im Rahmen der Manifesta-Tour besichtigen.
Ein Gespräch über leere Kirchen
Am 11. Oktober 2026 widmet sich das „WDR 3 Forum“ dem Thema. Die Sendung läuft von 18:04 bis 19:00 Uhr. Moderator ist Michael Köhler, redaktionell betreut wird sie von Matthias Kremin. Zu Gast sind Gürsoy Doğtaş, Kurator der „Manifesta 16 Ruhr“, Dr. Jakob Johannes Koch, Kulturreferent der Deutschen Bischofskonferenz, und Prof. Dr. Barbara Welzel von der TU Dortmund, Kunstgeschichte und kulturelle Bildung.
Der Ort passt: TU Dortmund. Gesprochen wird über den Umgang mit dem kulturellen Erbe dieser Sakralbauten, aber auch über die ganz praktische Frage, was nach dem Ende der kirchlichen Nutzung bleibt. Eine Kirche ist eben nicht nur ein Grundstück mit Dach. Sie war Versammlungsort, Treffpunkt, manchmal der einzige größere Raum im Viertel.
Kirchen wurden als christliche Versammlungsstätten errichtet. Typisch sind der Kirchturm mit Glocken, der meist nach Osten ausgerichtete Altar, Kanzel oder Ambo, ein Taufort und Sitzplätze für die Gemeinde. Katholische Kirchen verfügen zusätzlich über Tabernakel und Beichtstuhl. Theologisch wird diese besondere Nutzung häufig mit der „Domus Ecclesiae“ beschrieben: Der Kirchenraum ermöglicht in der Liturgie die Begegnung mit Gott, mit anderen Menschen, mit sich selbst und mit der Welt.
Aus architektonischer Sicht gelten Kirchen zugleich teilweise als besonders zweckfreie Gebäude. Ihre Gestaltung wird nicht unmittelbar durch eine einzelne Nutzung bestimmt. Der Schweizer Kirchenarchitekt Walter Maria Förderer nannte seine skulpturalen Betonkirchen „Gebilde von hoher Zwecklosigkeit“ und betonte damit den künstlerischen und räumlichen Erlebniswert. Rudolf Schwarz gestaltete den Chorraum der Fronleichnamskirche in Aachen mit leeren weißen Wänden. Diese Leere sollte die göttliche Sphäre markieren und eine Gotteserfahrung ermöglichen.
Da liegt der Haken: Theologisch wird die Nutzung auf den Gottesdienst konzentriert, architektonisch erscheint der Kirchenraum als zweckfreier, besonderer oder „anderer“ Ort. Theologie kann eine Umnutzung deshalb als problematisch ansehen, während Architektur gerade in der Zweckfreiheit ein Umnutzungspotenzial erkennt.
Zwischen Denkmal, Ritual und Immobilienfrage
Die Umnutzung von Kirchengebäuden ist ein gesellschaftlicher Strukturwandel, bei dem Architektur, Theologie und Denkmalschutz unterschiedliche Perspektiven einbringen. Historisch ist das keineswegs neu. Aufgegebene, abgerissene oder umgenutzte Kirchen gibt es in allen Bauepochen, häufig während Säkularisationsprozessen: Im 16. Jahrhundert wurde etwa eine Kapelle eines Augustinerinnenklosters in Lemgo zum Schulraum, im 19. Jahrhundert das Kloster Dalheim in Westfalen zu einem landwirtschaftlichen Betrieb.
Auch außerhalb sakraler Architektur ist der Wechsel vertraut: Tempel wurden zu Kirchen, etwa die Kathedrale in Syrakus; Industrieanlagen wurden zu Museen wie die Zeche Zollverein; Schlösser dienen touristischen Zielen, etwa Schloss Neuschwanstein. Gründe für Umnutzungen sind vor allem ökonomischer, ökologischer und politisch-gesellschaftlicher Art.
Umbauten sollen meist die Gebäudesubstanz erhalten – aus Gründen der Ressourcenschonung und einer auf Umbau ausgerichteten Baukultur, aber auch, um historischen Symbolwert und den „Genius Loci“ als Teil der Erinnerungskultur zu bewahren. Bei denkmalgeschützten Kirchen möchte die Denkmalpflege, dass äußere und innere Merkmale des Sakralraums erkennbar bleiben. Sie betrachtet das Gebäude eher von außen nach innen und im Zusammenhang mit der gebauten Umgebung. Die Theologie schaut von innen nach außen und stellt die geistliche Nutzung in den Mittelpunkt.
Nach einer Entwidmung bleibt das Gebäude für die Denkmalpflege eine schützenswerte Kirche; aus kirchlicher Sicht verliert der Gottesdienstraum dagegen formal seinen Wesenskern. Architektur und Denkmalpflege verwenden „Umnutzung“ als wertfreien Fachbegriff. Theologisch wird bei Kirchen häufig lieber von „Neunutzung“ gesprochen, weil „Umnutzung“ die Aufgabe der sakralen Nutzung und eine Entwidmung nahelegt.
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