Muschelkino Mainz: 20 Filmabende zwischen Klassikern, Festivalpremieren und feministischen Perspektiven
Am Dienstag, 13. Oktober 2026, startet das Muschelkino auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ins Wintersemester. Im Hörsaal N2, der „Muschel“, beginnt die erste Vorstellung um 20:30 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos, Einlass ist ab 20:00 Uhr. Sitzkissen und kalte Getränke sollen für Kinostimmung sorgen.
Zum Auftakt läuft das Coming-of-Age-Drama The Breakfast Club (USA 1985, Regie: John Hughes, 98 Minuten, OmU). Eine Woche später, am 20. Oktober, folgt Pixars WALL-E (USA 2008, Regie: Andrew Stanton, 98 Minuten, OmU). Am 27. Oktober wird es zu Halloween interaktiv: Clue (USA 1985, Regie: Jonathan Lynn, 94 Minuten, OmU) hat drei verschiedene Enden. Im Tippspiel kann das Publikum über die Identität des Mörders miträtseln – gemütlich ist anders.
20 Abende, Festival und Gespräche
Veranstalter ist FILMZ e.V., der das Muschelkino vollständig ehrenamtlich organisiert. Geplant ist das bislang umfangreichste Programm: Insgesamt stehen 20 Filmabende auf dem Kalender. Während des Semesters finden die Vorführungen in der Regel dienstags um 20:30 Uhr statt, dazu kommen ausgewählte weitere Wochentage. Alle Interessierten sind willkommen; eine Reservierung ist nicht möglich.
Im November gehört das Programm zum FILMZ – Festival des deutschen Kinos, das seit 2001 aktuelle deutschsprachige Produktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz präsentiert. Es ist publikumsorientiert, ehrenamtlich organisiert und verbindet Wettbewerbsfilme mit Rahmenprogramm und Möglichkeiten zum Austausch mit Filmschaffenden. Zum 25-jährigen Festivaljubiläum läuft am 3. November die Kurzfilm-Retrospektive „25 Jahre Coming of Age“ mit fünf Filmen zum Thema Erwachsenwerden.
Am 10. November steht im Rahmen eines Symposiums Do You Love Me (Frankreich/Libanon/Deutschland/Katar 2025, Regie: Lana Daher, 75 Minuten, OmU) auf dem Programm. Am 17. November folgt Love Me Tender (Frankreich/Luxemburg 2025, Regie: Anna Cazenave Cambet, 134 Minuten, OmU). Der Kurzfilmabend „The Danger of a Single Story?!“ ist für den 23. November angesetzt. Die Autorin Nadège Kusanika spricht dabei über die filmische Darstellung des Globalen Südens.
Am 24. November läuft Wendy und Lucy (USA 2008, Regie: Kelly Reichardt, 80 Minuten, OmU). Einen Tag später, am 25. November um 19:00 Uhr, folgt die Tragikomödie Sorry Baby (USA 2025, Regie: Eva Victor, 103 Minuten, OmU). Sie thematisiert Machtmissbrauch an Hochschulen und steht im Zusammenhang mit dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Verschiedene Beratungsstellen sind vor Ort.
Auch die weiteren Festivaltermine mischen Klassiker, neue Produktionen und eher unerwartete Abzweigungen: Am 1. Dezember läuft Where Is the Friend’s House? (Iran 1987, Regie: Abbas Kiarostami, 83 Minuten), am 15. Dezember Sentimental Value (Norwegen/Dänemark/Schweden/Deutschland/Frankreich 2025, Regie: Joachim Trier, 133 Minuten) und am 22. Dezember Das letzte Einhorn (USA/Großbritannien/Japan 1982, Regie: Jules Bass und Arthur Rankin Jr., 92 Minuten, OmU).
Am 8. Dezember zeigt das Muschelkino die Dokumentation Das falsche Wort (Deutschland 1987, Regie: Melanie Spitta und Katrin Seybold, 83 Minuten, OV) über das Schicksal und den Genozid an den Sinti während der NS-Zeit. Anschließend ist die Zeitzeugin Carmen Melanie Spitta zu Gast. Sie ist Tochter der Regisseurin, das letzte lebende Mitglied ihrer Sinti-Familie und engagiert sich für die Aufklärung über die Rechte der Sinti. Ein Gespräch mit ihr ist angekündigt.
Feminismus in fünf Fragmenten
Ab Januar 2027 folgt die einmonatige Reihe „Feminismus in fünf Fragmenten“. Leiterin Wienke Weiss möchte weibliche Regiepersonen sowie feministische Fragen und Themen in den Mittelpunkt rücken. Gezeigt werden unter anderem das Oscar-prämierte Drama Anatomie eines Falls (Frankreich 2023, Regie: Justine Triet, 151 Minuten) am 11. Januar und der iranische Vampirwestern A Girl Walks Home Alone at Night (USA 2014, Regie: Ana Lily Amirpour, 101 Minuten) am 19. Januar.
Dazwischen liegt am 12. Januar My 20th Century (Ungarn/Deutschland/Kuba 1989, Regie: Ildikò Enyedi, 102 Minuten, OmeU). Am 26. Januar folgt The Bloodiest (Kamerun/Frankreich 2005, Regie: Jean-Pierre Bekolo, 97 Minuten), am 27. Januar Joyland (Pakistan 2022, Regie: Saim Sadiq, 127 Minuten). Den 2. Februar bestreitet Bye Bye Tiberias (Frankreich/Palästina/Belgien/Katar 2023, Regie: Lina Soualem, 83 Minuten, OmU).
Schluss ist am 9. Februar mit Wes Andersons Stop-Motion-Film Fantastic Mr. Fox (USA 2009, 88 Minuten, OmU). Die Reihe umfasst fünf Filme zu unterschiedlichen feministischen Fragen und Themen. Nach ausgewählten Vorführungen gibt es Gespräche und Q&As.
Ein Unikino mit kurzer Geschichte und langem Atem
Das Muschelkino gehört seit Oktober 2022 zur Mainzer Kino- und Kulturszene und zählt jährlich mehrere tausend Besucher:innen. 2025 erhielt es als erstes Unikino den Kinoprogrammpreis Rheinland-Pfalz. FILMZ kooperiert außerdem mit verschiedenen Partner:innen.
Unikinos sind Filmclubs an Hochschulen – auch Campus-Kino, Hochschulkino oder Studentenkino genannt. Ehrenamtliche organisieren die Vorführungen auf dem Campus und tragen damit zum kulturellen Angebot von Universitäten, Technischen Hochschulen und Fachhochschulen bei. Heute werden sie grundsätzlich von Studierenden getragen: Manche sind eingetragene Vereine, andere studentische Gruppen und teilweise vom AStA unterstützt. Räume und Technik stellen Hochschulen häufig bereit; der ehrenamtliche Einsatz hält die Eintrittspreise niedrig.
Die ersten organisierten Filmclubs in der Bundesrepublik entstanden nach 1945 auf Initiative der Besatzungsmächte. Ihr Ziel war die Demokratisierung Deutschlands. Nach dem Rückzug der Alliierten 1949 wurden viele westdeutsche Filmclubs gemeinnützige Vereine oder suchten sich Bildungs- und Kultureinrichtungen als Träger. In der DDR mussten Filmclubs ebenfalls Träger finden, weil autonome Vereinsgründungen im SED-Staat nur eingeschränkt möglich waren. So siedelten sich in beiden deutschen Staaten zahlreiche Filmclubs im Umfeld von Universitäten an.
In den 1950er-Jahren wuchs die Filmclubbewegung in der BRD und der DDR stark. Die Pupille e. V. in Frankfurt am Main wurde am 12. November 1951 als Filmstudio gegründet. 1954 folgten der Filmkreis an der TU Darmstadt und der akademische Filmkreis des KIT Karlsruhe. Der aka-Filmclub der Universität Freiburg und der Hochschulfilmclub der TH Ilmenau nahmen 1957 ihren Spielbetrieb auf.
Mit der Auflösung des Verbandes der deutschen Filmclubs am 31. Dezember 1970 endete diese gemeinsame Bewegung. Der Verband hatte die Arbeit koordinieren und die Interessen der Filmclubs vertreten sollen. Als Gründe für die Auflösung gelten die zunehmende Verbreitung des Fernsehens und das Fehlen eines zentralen Filmarchivs. Heute bestehen zwei Bundesverbände: der Bundesverband kommunale Filmarbeit, dem unter anderem die Pupille, der Filmkreis der TU Darmstadt, das AStA Kino Konstanz und der aka Filmclub Freiburg angehören, sowie der Bundesverband für studentische Kulturarbeit mit unter anderem dem Studio für Filmkunst der TU Braunschweig und dem AFK Filmstudio der Universität Karlsruhe.
Im Gegensatz zu kommerziellen Kinos laufen Filme in Unikinos häufig nur einmal.
