COP17 in Eriwan: Warum die globalen Biodiversitätsziele 2030 zu scheitern drohen
An der Universität des Saarlandes richtet sich der Blick heute nach Eriwan: Dort hat die 17. UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt, COP17, begonnen. Bis zum 30. Oktober beraten die fast 200 Vertragsstaaten über den weltweiten Schutz der Artenvielfalt. Es geht um Tiere, Pflanzen, Lebensräume – und um die ziemlich unbequeme Frage, ob aus politischen Versprechen tatsächlich wirksame Maßnahmen werden.
Im Zentrum steht eine Zwischenbilanz der vor vier Jahren beschlossenen 23 Ziele für 2030. Das bekannteste darunter ist „30×30“: Bis 2030 sollen mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen unter Schutz stehen. Ein Vorabbericht der Konferenz fällt allerdings ernüchternd aus. Keines der 23 Ziele kann bislang vollständig positiv bewertet werden; das Tempo reicht nicht. Ohne deutliche Beschleunigung werden die Vorgaben für 2030 verfehlt.
Ein Abkommen, viele offene Baustellen
Grundlage der Beratungen ist das Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework, kurz GBF. Es wurde im Dezember 2022 bei der 15. Vertragsstaatenkonferenz, COP15, verabschiedet – nach einem vierjährigen Konsultations- und Verhandlungsprozess. Das Rahmenwerk legt konkrete Ziele bis 2030 und weiterführende Ziele bis 2050 fest. Es soll das globale Artensterben stoppen und umkehren und gilt deshalb als eine Art „Pariser Klimaabkommen für die Natur“.
Das GBF umfasst vier Ziele für 2050 und 23 Zielvorgaben für 2030. Es baut auf früheren strategischen Plänen des Übereinkommens über die biologische Vielfalt auf, unterstützt die Ziele für nachhaltige Entwicklung und soll den Weg zu einer Welt ebnen, in der Menschen bis 2050 im Einklang mit der Natur leben. Klingt groß. Ist es auch.
Für die Umsetzung wurde auf der COP15 ein umfangreiches Maßnahmenpaket beschlossen: ein Monitoring-Rahmen für das GBF, ein erweiterter Mechanismus für Planung, Überwachung, Berichterstattung und Überprüfung, finanzielle Mittel sowie strategische Rahmenwerke für Kapazitätsaufbau und technische und wissenschaftliche Zusammenarbeit. Hinzu kommt eine Vereinbarung über digitale Sequenzinformationen zu genetischen Ressourcen.
Alle Vertragsparteien verpflichteten sich, nationale Ziele zur Umsetzung des GBF festzulegen. Andere Akteure wurden aufgefordert, eigene Verpflichtungen zu entwickeln und zu kommunizieren. Bei der nächsten Vertragsstaatenkonferenz soll überprüft werden, welche Ziele und Verpflichtungen tatsächlich festgelegt wurden. Der offizielle Text des Rahmenwerks steht in Beschluss 15/4.
Geld, Schutzgebiete und ein langsamer Fortschritt
UN-Generalsekretär António Guterres spricht von einer Lücke zwischen den politischen Zielen und den tatsächlichen Maßnahmen. Auch Umweltschützer kritisieren den schleppenden Fortschritt. Als wesentliches Problem gilt die Finanzierung. Zwar haben die öffentlichen Finanzmittel für den Biodiversitätsschutz zugenommen, private Finanzmittel reichen laut Bericht aber nicht aus.
UNEP-Exekutivdirektorin Inger Andersen bezeichnet die Lage im Vorwort des Berichts als ernüchternd. Die Vertragsparteien seien von den gemeinsamen Zielen noch weit entfernt. Neben Regierungen engagieren sich inzwischen zunehmend Städte, Forschungseinrichtungen, Unternehmen, der Finanzsektor und Vertreter indigener Völker. Gerade indigene Gemeinschaften spielen eine wichtige Rolle, weil viele von ihnen in Gebieten mit vergleichsweise intakter Natur leben.
In Deutschland fordert die Leopoldina mehr Schutzgebiete für bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Gleichzeitig hat der Klimawandel den Zustand bestehender Schutzgebiete bereits verschlechtert. Fachleute beobachten hierzulande einen Rückgang beim Schutz der Biodiversität – obwohl Infrastrukturprojekte wie Straßen- und Gebäudebau ein starkes öffentliches Interesse genießen und natürliche Lebensräume beeinträchtigen können.
Mehr Aufmerksamkeit verdienen daher natürliche Infrastrukturen: Wälder, gesunde Flüsse, Auen und Moore. Biodiversität gilt als Grundlage menschlicher Sicherheit. Rund 70 Prozent der Medikamente in der Krebstherapie enthalten laut Aletta Bonn Komponenten aus der Natur. Das ist kein romantischer Nebensatz, sondern eine ziemlich handfeste Abhängigkeit.
Deutschland reist mit gemischter Bilanz an
Bundesumweltminister Carsten Schneider leitet die deutsche Delegation und reist in der zweiten Konferenzwoche nach Eriwan. Er stellte sowohl Fortschritte als auch deutliche Defizite fest und erklärte, die gesetzten Ziele seien noch längst nicht erreicht.
Nach Ansicht von Kirsten Thonicke sollten naturschädliche Subventionen abgeschafft oder in die Wiederherstellung der Natur umgeleitet werden. Dazu zählen etwa Vergünstigungen für fossile Kraftstoffe wie Diesel und Benzin. Außerdem sollte Biodiversität in nationale und internationale Sicherheitsstrategien aufgenommen werden. Ein sperriger Satz, vielleicht – aber einer mit Folgen für Haushalt, Verkehr und Raumplanung.
An der COP17 nehmen 196 Vertragsparteien der UN-Konvention über die biologische Vielfalt teil, darunter fast alle Staaten und die Europäische Union. Die USA gehören nicht dazu. Die Konferenz soll nicht nur überprüfen, ob die Staatengemeinschaft ihre Zusagen umsetzt, sondern auch das Bewusstsein für die Bedeutung des weltweiten Natur- und Artenschutzes stärken.
Ob die Zwischenbilanz am Ende neue Dynamik bringt, wird sich bis zum 30. Oktober zeigen. In Eriwan liegen dafür Zahlen, nationale Pläne und Finanzierungsfragen auf dem Tisch; an der Uni Saarland bleibt derweil die sehr konkrete Frage, wie viel Natur vor der eigenen Haustür noch als selbstverständlich durchgeht.
