El Niño lässt die Atacama-Wüste erblühen
Wer heute, am 2.10.2026, an der Uni Saarland aus dem Fenster schaut, sieht vermutlich Herbstgrau. In der chilenischen Atacama-Wüste dagegen liegt derzeit ein Blütenmeer: Gelbe, blaue, violette und weiße Blumen und Kräuter bedecken Flächen, die sonst staubtrocken wirken. Die „blühende Atacama-Wüste“ – auf Spanisch desierto florido – ist ein seltenes Schauspiel in einer der trockensten Regionen der Welt.
Die Atacama liegt an der Pazifikküste Südamerikas, vor allem in der chilenischen Región de Atacama. Im südlichen Frühling sorgt das Klimaphänomen „El Niño“ für ungewöhnlich viel Regen. Aida Baldini Urrutia, Leiterin der chilenischen Forstbehörde Conaf, erklärte, dass dadurch auf rund 17.000 Quadratkilometern etwa 200 Pflanzenarten wachsen können.
Wenn die Wüste plötzlich Farbe bekommt
Zwischen September und November ist die größte Farbenpracht zu sehen – vom Norden Vallenars bis nördlich von Copiapó, sowohl an der Küste als auch im gebirgigen Landesinneren. Je nach Lage dominieren andere Arten; sie blühen innerhalb dieses Zeitraums nicht alle gleichzeitig. Viele der mehr als 200 Pflanzenarten sind endemisch und kommen ausschließlich in dieser Region vor.
Im Boden warten Samen, Zwiebeln und Knollen oft jahrelang auf passende Bedingungen. Die mit El Niño verbundenen Niederschläge lassen sie im Frühling der Südhalbkugel keimen oder austreiben. In dieser Saison fiel deutlich mehr Regen als in früheren Jahren. In einigen Gebieten wurden mehr als 180 Millimeter gemessen – laut César Pizarro von Conaf eine dort bisher nicht erreichte Menge. Das Wasser drang tiefer als üblich in den Sand ein und weckte auch tiefer liegende Samen.
Mit den Pflanzen kommen die Tiere: Insekten vermehren sich, ebenso Vögel und kleine Echsenarten. Die betroffenen Gebiete liegen in einem Naturschutzgebiet rund 800 Kilometer nördlich von Santiago. Conaf erwartet den Höhepunkt der Blüte im Oktober; dann könnten rund 15.000 Hektar mit Blüten bedeckt sein. Bis Ende November sollen die Pflanzen noch zu sehen sein.
El Niño bringt Regen – und Risiken
Ausgelöst wird „El Niño“ durch schwächere Passatwinde über dem tropischen Pazifik. Warmes Wasser und Wolken erreichen dadurch die normalerweise trockene Küste Südamerikas. El Niño entsteht durch die Erwärmung oberflächennaher Gewässer im zentralen und östlichen äquatorialen Pazifik; die veränderten Temperaturen beeinflussen großräumige Luftströmungen sowie Wind- und Niederschlagsmuster.
Auch die Küstennebel, die Camanchacas, enthalten dann mehr Feuchtigkeit und können über der Wüste Regen abgeben. Das Phänomen dauert meist neun bis zwölf Monate, erreicht gewöhnlich zwischen November und Februar seinen Höhepunkt und tritt alle zwei bis sieben Jahre auf. Der Name bedeutet „das Christkind“: Peruanische Fischer beobachteten den Anstieg der Meerestemperatur häufig um die Weihnachtszeit.
Die Weltwetterorganisation prognostizierte für 2026 einen sehr starken El Niño. Fachleute hielten das aktuelle Ereignis möglicherweise für das stärkste seit Beginn vergleichbarer Aufzeichnungen vor etwa 40 Jahren. Weltweit kann El Niño Dürren, Überschwemmungen oder Hitzewellen begünstigen. Beobachtet wird die Entwicklung deshalb mit Blick auf Landwirtschaft, Wasserversorgung und Katastrophenschutz.
In Chile hatten die mit El Niño verbundenen Regenfälle im Juli schwere Folgen: Mindestens 13 Menschen starben, rund 4.000 Häuser wurden zerstört oder erheblich beschädigt. Zahlreiche Gemeinden waren zeitweise abgeschnitten, Überschwemmungen beschädigten Straßen, Brücken und landwirtschaftliche Flächen. Vielerorts waren umfangreiche Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten nötig. Blüten und Hochwasser liegen hier also gefährlich nah beieinander.
Besuchermagnet mit empfindlichem Boden
Die Forstbehörde rechnet bis Ende November mit rund einer Million Besucherinnen und Besuchern aus Chile und dem Ausland. Besonders häufig werden die Nationalparks Desierto Florido, Llanos de Cháyes und Pan de Azúcar besucht. Viele Menschen kommen zum Fotografieren; für die Region bedeutet das vorübergehend zusätzliche Tourismuseinnahmen.
Ganz unbeschwert ist der Andrang allerdings nicht. Umweltorganisationen kritisierten in den vergangenen Jahren die zunehmende Schädigung des Naturphänomens durch zahlreiche Touristen, den illegalen Verkauf von Pflanzen und Autorennen in der Wüste. Solche Aktivitäten schränken das Regenerationspotenzial der Pflanzenarten ein. Die chilenische Regierung führte deshalb Verbote und Gebühren ein und startete Informationskampagnen für die Bevölkerung, besonders für Touristinnen und Touristen.
Forschende untersuchen außerdem, wie sich die Wüstenpflanzen an die extremen Umweltbedingungen anpassen. Angegeben werden für das Gebiet die Koordinaten 27°57′ südlicher Breite und 70°33′ westlicher Länge, also −27,95; −70,55. Dort, wo sonst Sand, Staub und flimmernde Hitze dominieren, summen nun Insekten zwischen Blüten. Und irgendwo klickt vermutlich gerade die nächste Kamera.
