Am Campus der Universität des Saarlandes liegt an diesem 28. September 2026 eine politische Biografie auf dem Tisch, die näher an Saarbrücken beginnt, als es auf den ersten Blick scheint. Friedrich Merz lebte mehrere Jahre in der Stadt, arbeitete dort als Bußgeldrichter und war Nachbar von Oskar Lafontaine. Seine Ehefrau Charlotte stammt aus Saarbrücken.

Ältere CDU-Mitglieder aus dem Stadtteil Rotenbühl erinnern sich an einen freundlichen jungen Mann. Merz arbeitete im Vorstand des CDU-Ortsverbands mit und half bei Sommerfesten an der Theke. „Man ist mit ihm damals sehr gut ausgekommen“, sagte der frühere Saarbrücker CDU-Chef und HTW-Rektor Rudolf Warnking. Eine nüchterne Erinnerung – und gerade deshalb eine interessante, wenn man weiß, dass Merz heute Bundeskanzler ist.

Vom Juristenhaushalt nach Saarbrücken

Friedrich Merz wurde 1955 als ältestes von vier Kindern in eine Juristenfamilie geboren. Seine Mutter Paula-Klara Merz stammt aus einer Briloner Familie mit hugenottischen Wurzeln. Ihr Vater Josef Sauvigny war von 1917 bis 1937 Bürgermeister von Brilon, zunächst Mitglied der Zentrumspartei, ab 1937 der NSDAP. Merz’ Vater Joachim war Richter und führte nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere NS-Prozesse in Arnsberg. Später arbeitete er am Landgericht; bis 2007 blieb er CDU-Mitglied.

Von 1966 bis 1971 besuchte Merz das Gymnasium Petrinum in Brilon. Wegen unzureichender Leistungen und mangelnder Disziplin musste er die Schule wechseln. 1975 machte er am Gymnasium in Rüthen Abitur. Danach folgte von Juli 1975 bis September 1976 der Wehrdienst bei der Bundeswehr. In der Panzerartillerie wurde er an der Panzerhaubitze M109 ausgebildet, zuletzt war er Fahnenjunker. Eine Knieverletzung verhinderte den Abschluss der Reserveoffizierausbildung.

Als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung studierte Merz von 1976 bis 1982 Rechtswissenschaft in Bonn und Marburg. 1985/86 war er Richter auf Probe am Amtsgericht Saarbrücken – jene Zeit, in der er auch als Bußgeldrichter in der Stadt tätig war. Von 1986 bis 1989 arbeitete er als Syndikus beim Verband der Chemischen Industrie in Bonn und Frankfurt am Main.

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In die CDU trat Merz 1972 ein, in der Jungen Union wurde er aktiv. 1980 übernahm er deren Vorsitz in Brilon. Bei der Europawahl 1989 zog er ins Europäische Parlament ein und blieb dort bis 1994. Anschließend war er von 1994 bis 2009 direkt gewählter Bundestagsabgeordneter für den Hochsauerlandkreis. Bei der Bundestagswahl 2005 holte er dort 57,7 Prozent der Erststimmen – sein bestes Ergebnis.

Aufstieg, Rückzug und Rückkehr

Von 1996 bis 1998 war Merz Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Finanzausschuss. Nach der Bundestagswahl 1998 wurde er stellvertretender Fraktionsvorsitzender, im Februar 2000 folgte er Wolfgang Schäuble als Fraktionsvorsitzender und Oppositionsführer. Anfang 2001 brachte Merz eine eigene Kanzlerkandidatur ins Gespräch, zog sich im Juni aber wieder zurück. Nach der Bundestagswahl 2002 übernahm Angela Merkel den Fraktionsvorsitz; Merz wurde ihr Stellvertreter. Im Dezember 2004 trat er von diesem Amt zurück.

2005 wurde Merz in den informellen CDU-„Andenpakt“ aufgenommen, der in Opposition zu Merkel stand. Neben seinem Bundestagsmandat arbeitete er von 2002 bis 2004 als Anwalt in Köln. 2007 erklärte er, wegen parteiinterner Differenzen 2009 nicht erneut zu kandidieren. Ende Oktober 2009 schied er aus dem Bundestag aus. Politisch aktiv war er von 2009 bis 2018 nicht.

Sein beruflicher Weg verlief derweil keineswegs im Leerlauf. Von 2005 bis 2014 war Merz Mitglied im Förderverein der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. 2005 wurde er Partner der Kanzlei Mayer Brown, ab 2014 arbeitete er im Düsseldorfer Büro als Senior Counsel. 2006 vertrat er als Bundestagsabgeordneter und Kanzleimitarbeiter die Interessen der RAG beim geplanten Börsengang. Als das bekannt wurde, gab es öffentliche Kritik.

2010 leitete Merz im Auftrag des Bankenrettungsfonds Soffin den Verkaufsprozess der WestLB an einen privaten Investor. Dafür erhielt er ein Tageshonorar von 5.000 Euro, insgesamt 1,98 Millionen Euro. Diskutiert wurden mögliche Interessenkonflikte und die Höhe der Vergütung. Bereits 1999 war Merz Mitglied des Präsidiums des Wirtschaftsrats der CDU geworden; von 2019 bis 2021 war er dessen Vizepräsident.

Sein Aufsichtsratsmandat bei BlackRock, das im Zusammenhang mit seiner CDU-Parteivorsitzkandidatur 2018 thematisiert wurde, beendete er Ende März 2020. Für eine Rückkehr in den Bundestag kündigte Merz an, keine beruflichen Tätigkeiten außerhalb der Politik mehr auszuüben. 2017 hatte ihn die nordrhein-westfälische Landesregierung beauftragt, die Auswirkungen des Brexit auf Nordrhein-Westfalen zu koordinieren.

2018 kandidierte Merz erstmals für den CDU-Parteivorsitz. Im zweiten Wahlgang verlor er mit 48,25 Prozent gegen Annegret Kramp-Karrenbauer. Bei der digitalen Vorsitzendenwahl 2021 erhielt er im ersten Wahlgang 385 Stimmen, unterlag in der Stichwahl aber Armin Laschet mit 466 zu 521 Stimmen. Nach der Bundestagswahl 2021 trat er erneut an und gewann die Mitgliederbefragung mit 62,1 Prozent.

Am 22. Januar 2022 wurde Merz auf einem digitalen Parteitag mit 94,6 Prozent zum CDU-Vorsitzenden gewählt, Mario Czaja wurde Generalsekretär. Am 15. Februar 2022 übernahm Merz den Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und wurde Oppositionsführer. Im Juli 2023 ersetzte er Czaja als Generalsekretär durch Carsten Linnemann. Am 6. Mai 2024 wurde Merz mit rund 90 Prozent als CDU-Vorsitzender wiedergewählt. Im Februar 2026 bestätigte ihn die Partei mit 91,2 Prozent.

Kanzlerwahl, Schuldenbremse und die ersten Reisen

Im September 2024 bestimmten CDU und CSU Merz offiziell zum Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl 2025. Bei der Wahl gewann er mit 47,7 Prozent erneut das Direktmandat im Hochsauerlandkreis. Nach dem Wahlsieg von CDU/CSU begannen am 28. Februar Sondierungen mit der SPD, am 13. März Koalitionsverhandlungen.

Am 18. März 2025 beschloss der Bundestag Änderungen am Grundgesetz. Die Schuldenbremse wurde für Verteidigungsausgaben oberhalb von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts gelockert. Außerdem entstand ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaneutralität, davon waren 100 Milliarden Euro für die Länder und 100 Milliarden Euro für Klimaschutz vorgesehen. Die Grünen ermöglichten mit ihren Stimmen die erforderliche Zweidrittelmehrheit.

Am 9. April stellten Merz, Markus Söder sowie Lars Klingbeil und Saskia Esken den Koalitionsvertrag für eine schwarz-rote Regierung vor. Die Kanzlerwahl am 6. Mai 2025 geriet dann zum Stolperstart: Im ersten Wahlgang verfehlte Merz mit 310 von erforderlichen 316 Stimmen die Mehrheit. Im zweiten Wahlgang wurde er mit 325 Stimmen gewählt und anschließend von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ernannt. Den Amtseid legte Merz mit Gottesbezug ab. Mit 69 Jahren war er bei Amtsantritt der zweitälteste Bundeskanzler nach Konrad Adenauer.

Am 7. Mai reiste Merz nach Paris und Warschau. Mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vereinbarte er eine stärkere verteidigungspolitische Zusammenarbeit und kündigte die Wiederbelebung des Weimarer Dreiecks mit Polen an. Am 9. Mai traf er in Brüssel unter anderem Ursula von der Leyen und Mark Rutte. Deutschland werde bei der Bekämpfung irregulärer Migration keine Alleingänge unternehmen, erklärte Merz, sondern Entscheidungen mit den Nachbarländern abstimmen.

Zurückweisungen von Asylsuchenden an deutschen Grenzen