Wer heute, am 1. Oktober 2026, von der TU Chemnitz aus loszieht, kann sich in Sachsen ziemlich gründlich in Kunst, Geschichte und gesellschaftliche Fragen verheddern. In Chemnitz, Dresden, Leipzig und Crimmitschau laufen zahlreiche Ausstellungen gleichzeitig – manche nur noch wenige Tage, andere bis ins kommende Jahr. Es geht um Druckgrafik und mentale Gesundheit, um jüdische Lebensgeschichten, DDR-Plattenbau, Gärten, Kriegstechnik und die Frage, wie Bilder unsere Sicht auf die Welt verändern.

Ein guter Anfang liegt gleich um die Ecke: In der Neuen Sächsischen Galerie im Kulturzentrum Das Tietz zeigt die 16. Biennale sächsischer Druckgrafik vom 8. September bis 22. November 2026 „Lob des Ungehorsams“. Aus 301 eingereichten Werken wurden 100 Arbeiten von 66 Kunstschaffenden ausgewählt. Etablierte und junge Positionen treffen aufeinander, darunter Frenzy Höhne, Christoph Feist, Irini Mavromatidou, Robert Manson, Tanja Pohl und Patrick Fauck. Die Biennale fragt danach, wie Urteile entstehen und welche Haltung Menschen in gesellschaftlichen Debatten einnehmen. Der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt 3 Euro; unter 18-Jährige, TU-Chemnitz-Studierende und Geflüchtete kommen frei hinein.

Chemnitz: Essen, Geschlechterrollen und eine offene Geschichte

Im Museum Gunzenhauser läuft noch bis 1. November 2026 der zweite Teil der Reihe „Mahlzeit!“: „Serving Gender“ ist als Sechs-Gänge-Menü aufgebaut und untersucht aus feministischer Perspektive, wie Geschlechterrollen mit Ernährung zusammenhängen. Zu sehen sind Werke vom 17. Jahrhundert über die feministische Kunst der 1970er-Jahre bis zur Gegenwart. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 6,50 Euro.

Weniger appetitlich, aber historisch umso dringlicher ist „Eine unvollendete Geschichte“ in den Kunstsammlungen Chemnitz, geöffnet vom 29. Mai bis 4. Oktober 2026. Im Zentrum steht das Porträt des Sammlers David Leder von Gustav Schaffer. Leder wurde ins KZ Sachsenhausen verschleppt und floh später aus Deutschland; ein großer Teil seiner Sammlung ging verloren. Trotz umfangreicher Recherchen bleibt offen, ob das Porträt 1933 tatsächlich verschenkt wurde. Dokumente zum Gemälde und Werke aus jüdischen Sammlungen – unter anderem von Max Liebermann, Rahel Szalit, Oskar Kokoschka und Otto Theodor Wolfgang Stein – machen die Lücken sichtbar, statt sie glattzubügeln. Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 6,50 Euro.

In Crimmitschau verbindet Maja Gratzfeld mit „Verwobene Echos – Farben der Religionen“ die Geschichte der Tuchfabrik Gebrüder Pfau mit religiösen Bezügen. Die künstlerische Installation ist vom 4. September bis 20. Dezember 2026 im Rahmen des Themenjahrs jüdischer Kultur „Tacheles“ zu sehen. Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro.

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Dresden zwischen Renaissance, Widerstand und Gegenwart

Die Gemäldegalerie Alte Meister im Zwinger widmet Antonio Allegri, genannt Correggio, vom 19. September 2026 bis 10. Januar 2027 die Ausstellung „Correggio. Berührend menschlich“. Der italienische Renaissance-Maler steht für ausgeklügelte Lichtregie, dynamische Kompositionen und Figuren, deren Körperlichkeit und Gefühle nicht auf Abstand bleiben. Sein Einfluss auf Parmigianino, Rubens und Mengs wird ebenfalls verfolgt. Der Eintritt kostet 14 Euro, ermäßigt 10,50 Euro; Schülerinnen und Schüler unter 20 Jahren zahlen 2 Euro, Kinder bis Schuleintritt kommen frei hinein.

Ganz anders die Fotografien von Bohdan Holomíček in der Galerie nEUROPA: „Václav Havel – Fotografien von Bohdan Holomíček“ läuft vom 4. September bis 13. November 2026 und ist kostenlos. Holomíček begleitete Havel seit 1975 über Jahrzehnte. Seine Bilder zeigen private Momente, Freundschaften und Treffen mit Künstlern, Schriftstellern und Dissidenten in Hrádeček – Havel im Umfeld des kulturellen Widerstands in der Tschechoslowakei.

In der Robotron-Kantine versammelt „Was tun wir. Bilder in Zeiten zerfallender Gewissheiten“ vom 29. August bis 8. November 2026 neue Werkserien und historische Arbeiten von 25 Fotografinnen und Fotografen des Kollektivs OSTKREUZ. Krieg und Frieden, gesellschaftlicher Umbruch, Verlust, Solidarität und die Suche nach Heimat gehören ebenso dazu wie digitale Bilderflut, veränderte Medienlandschaften sowie politische und ökologische Krisen. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro; freitags ist der Besuch frei.

Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr schaut bis 9. März 2027 auf „Wunderwaffen – Propaganda und Kriegstechnik im Nationalsozialismus“. Untersucht wird, wie Tiger-Panzer, „Stuka“ sowie V1- und V2-Waffen propagandistisch inszeniert wurden. V1 und V2 werden als Vorläufer moderner Marschflugkörper beziehungsweise ballistischer Raketen eingeordnet. Die Ausstellung thematisiert die Folgen der Angriffe, besonders in Großbritannien und Belgien, ebenso wie die damalige Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung. Auch das Weiterleben von Technikmythen und Waffenpropaganda in Verschwörungstheorien und Popkultur kommt vor. Der Eintritt ist frei.

Um psychische Erkrankungen und Herausforderungen des Alltags geht es im Deutschen Hygiene-Museum. „Wie geht’s?“ ist noch bis 4. April 2027 geöffnet; sie verbindet wissenschaftliche Informationen mit persönlichen Erfahrungsberichten. Interaktive und künstlerische Stationen laden zur Beteiligung ein. Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 9 Euro.

Noch bis 25. Oktober 2026 läuft im Kraszewski-Museum „Mit Glanz und Gloria“. Die Schau widmet sich der DEFA-Verfilmung von Józef Ignacy Kraszewskis Sachsen-Trilogie, ihrer Produktion, der literarischen Vorlage und der Darstellung des sächsischen Königshauses. Dazu kommen barockes Hofleben, Festkultur, Jagd und die Erfindung des Porzellans. Der Eintritt kostet 4 Euro, ermäßigt 3 Euro; freitags ab 13 Uhr ist der Besuch frei, außer an Feiertagen.

Jüdische Realitäten, Erinnern und neue Verbindungen

In der Blauen Fabrik, Eisenbahnstraße 1, 01097 Dresden, zeigt der Förderkreis Alter Leipziger Bahnhof Dresden vom 16. August bis 6. September 2026 „Jüdische Realitäten – Zeitgenössische Kunst am Alten Leipziger Bahnhof“. Fünf jüdische Künstler:innen aus Deutschland, Großbritannien und Israel sind beteiligt. Fotografie, Malerei, Zeichnung, Objektkunst und Text stehen nebeneinander; der Titel verweist auf die Pluralität jüdischen Lebens, jüdischer Gegenwart und jüdischer Kultur.

Die Ausstellung thematisiert außerdem, wie sich jüdische Realitäten weltweit seit dem Hamas-Massaker im Süden Israels am 7. Oktober 2023 verändert haben. Einige Arbeiten entstanden als direkte Reaktion auf den Terrorangriff, andere kreisen um jüdische Familiengeschichten oder zeigen jüdische Realitäten in Europa vor dem 7. Oktober 2023. Gespräche und Performances begleiten die Schau. Der Eintritt ist frei, der Veranstaltungsort nicht barrierefrei.

Im Förderkreis engagieren sich Menschen für das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und für die Auseinandersetzung mit NS-Geschichte und Antisemitismus. Zugleich setzt sich der Verein dafür ein, jüdische Kultur in Dresden erfahrbar zu machen. Das ist kein Nebensatz, wenn man durch die Ausstellung geht – eher der Rahmen, der die einzelnen Arbeiten zusammenhält.

Auch „Mit Glanz und Gloria“ und die Ausstellung zu den NS-„Wunderwaffen“ berühren Fragen von Erinnerung, Macht und politischer Darstellung, allerdings aus ganz anderen Blickwinkeln. Dresden legt dabei mehrere historische Schichten übereinander: höfischer Glanz, kultureller Widerstand, antisemitische Verfolgung, Kriegspropaganda und die Gegenwart, die sich mit all dem herumschlagen muss.

Leipzig: Sammlungen, Biografien und der Alltag dazwischen

Im Museum der bildenden Künste Leipzig beginnt am 30. September 2026 „Vier Wände voller Kunst“, zu sehen bis 31. Januar 2028. Im Mittelpunkt stehen die Kunstsammlungen und Lebensgeschichten von elf jüdis