AgriBoost: Der elektrische Rucksack für bestehende Traktoren
Ein Traktor, der beim Bergauffahren elektrische Hilfe bekommt, beim Bremsen Energie zurückgewinnt und angehängte Geräte ohne laufenden Dieselmotor antreiben kann: Genau daran arbeitet das Projekt AgriBoost der Universität Hohenheim. Die Nachrüstlösung soll bestehende Landmaschinen elektrifizieren und hybridisieren, ohne dass Landwirte ihren Traktor ersetzen oder umfassend umbauen müssen.
Die Idee erinnert an die Trittunterstützung eines Pedelecs. Der Elektromotor hilft dem Verbrennungsmotor, wenn zusätzliche Leistung gebraucht wird. Der Prototyp besteht aus zwei Batterieboxen, einem Elektromotor und Verbindungskabeln. In der weiterentwickelten Einheit stecken außerdem ein Batteriespeicher, eine elektrische Motor-Generator-Einheit und elektrische Schnittstellen.
Elektrischer „Rucksack“ für den Traktor
Projektentwickler Daniel Wolpert befestigt das System wie einen Rucksack am Traktor. Die Batterieeinheit kann vorne zugleich als Gegengewicht dienen – wichtig für Fahrsicherheit und Traktion, wenn schwere Anbaugeräte montiert sind. Eine 400-Volt-Steckdose versorgt weitere elektrische Geräte.
AgriBoost ergänzt den bisherigen mechanischen Leistungsweg der Zapfwelle um einen elektrischen. Energie aus dem Speicher wird in mechanische Leistung umgewandelt: Sie kann den Traktor zusätzlich antreiben oder vorhandene Zapfwellen-Geräte versorgen. Elektrisch angetriebene Arbeitsgeräte lassen sich direkt über die Schnittstelle anschließen. Ist die Batterie leer, arbeitet der Dieselantrieb dank des Hybridsystems weiter.
Bei hoher Belastung – etwa beim Bergauffahren mit schwerer Ladung – unterstützt der Elektromotor den Dieselmotor und kann so den Dieselverbrauch teilweise senken. Bergab läuft das Ganze umgekehrt: Die elektrische Maschine arbeitet als Generator und speist Energie zurück in den Speicher. Wolpert beschreibt diesen Leistungsfluss sinngemäß als „Power Take In“ statt nur „Power Take Off“. Für Transportfahrten im Hügelland könnte das ziemlich praktisch sein.
Stationär wird es ebenfalls interessant. Futtermischwagen, Holzspalter, Pumpen, Häcksler oder andere Geräte könnten längere Zeit elektrisch laufen, ohne dass der Traktor im Standgas tuckern muss. Bei geringer Leistungsanforderung kann der Dieselmotor vollständig ausgeschaltet bleiben. So verbindet AgriBoost alte, mechanische Landtechnik mit kommenden elektrischen und intelligenten Maschinen.
Solarstrom vom Scheunendach statt Diesel im Tank
Daniel Wolpert verfolgt dabei die Vision eines gemeinsamen Energiesystems: Photovoltaikanlage, Batteriespeicher, Traktor, Hofverbraucher und Arbeitsgeräte sollen zusammenspielen. Viele landwirtschaftliche Betriebe haben bereits Solaranlagen auf Ställen und Scheunen. Der erzeugte Strom könnte für elektrische Antriebe, neue Arbeitsgeräte und als Notstromversorgung genutzt werden.
Der wirtschaftliche Druck wächst. Bei vielen älteren Photovoltaikanlagen laufen die gesetzlichen Einspeisevergütungen nach 20 Jahren aus oder enden in den kommenden Jahren. Für neu eingespeisten Solarstrom gibt es deutlich weniger als früher. Gleichzeitig kostet Diesel die Betriebe immer mehr. Befragte Landwirte berichten von stark gestiegenen Ausgaben: Einer spricht von einer Verdoppelung seiner bisherigen Zusatzkosten, ein anderer nennt jährliche Dieselkosten von 150.000 bis 180.000 Euro – früher seien es 50.000 bis 60.000 Euro gewesen.
Wird der Solarstrom direkt auf dem Hof eingesetzt, kann das den Eigenverbrauch erhöhen. Der Speicher könnte Energie für Traktoren und Arbeitsgeräte bereitstellen und zugleich zur Versorgung des Betriebs beitragen. Landwirte zeigen sich grundsätzlich offen für Lösungen mit weniger Diesel und mehr erneuerbarer Energie. Ob die Rechnung am Ende aufgeht, muss sich allerdings erst zeigen.
Warum Nachrüsten schneller gehen könnte
In Deutschland sind rund 1,8 Millionen land- und forstwirtschaftliche Traktoren registriert. 2025 wurden rund 25.000 neue Traktoren zugelassen. Würde die gesamte Bestandsflotte durch Neumaschinen ersetzt, dauerte das Jahrzehnte. Viele der vorhandenen Dieseltraktoren sind funktionstüchtig und langlebig; zugleich arbeiten die meisten Anbaugeräte weiterhin mechanisch über die Zapfwelle.
Genau daraus ergibt sich laut Wolpert ein „Henne-Ei-Problem“: Elektrische und intelligente Arbeitsgeräte kommen zunehmend auf den Markt, sind mit älteren Traktoren aber nur eingeschränkt nutzbar. Umgekehrt gibt es in den Betrieben noch sehr viele Geräte mit mechanischem Antrieb. Weil die meisten Traktoren über Dreipunktaufhängung und Zapfwelle verfügen, sehen die Entwickler dennoch Potenzial für eine schnelle Teilelektrifizierung.
Eine Nachrüstlösung könnte neben zusätzlicher Antriebsleistung auch Sensorik, Software, Automatisierung und weitere intelligente Funktionen in bestehende Maschinen bringen. Professor Stefan Böttinger vom Fachgebiet „Grundlagen der Agrartechnik“ unterstützt die Entwicklung. Wolpert spricht von der „nächsten Generation bestehender Traktoren“ – nicht von neuen Traktoren.
Das Unternehmen entstand vor etwa einem Jahr aus der Universität Hohenheim. Philipp Seitz, ehemaliger Bosch-Mitarbeiter, stieß im Juni bei einer S-Bahn-Fahrt zu Daniel Wolpert und dessen Projekt. Ein dritter Mitgründer beendet derzeit seinen Master an der Universität Stuttgart. Die Stadt Stuttgart fördert AgriBoost über den Klima-Innovationsfonds mit knapp 500.000 Euro über drei Jahre. Den Antrag hatten Wolpert und Böttinger im Herbst 2025 eingereicht; die Förderung wurde im Frühsommer 2026 bewilligt.
Erste Tests, nächste Schritte
Einen ersten Demonstrator zeigte das Team vom 28. bis 29. September 2026 beim Landwirtschaftlichen Hauptfest auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart. Der Prototyp war dort vorgestellt worden und bereits für erste Feldversuche zwischen Traktor und Landmaschine im Einsatz. Der Demonstrator sollte zunächst das Funktionsprinzip zeigen; im weiteren Projektverlauf ist ein praxisnahes System für Tests verschiedener Anwendungen und Betriebsstrategien unter realen Bedingungen geplant.
AgriBoost sucht dafür Hersteller, Vertriebspartner und Landwirte für Praxistests. Nach Angaben der Gründer bestehen bereits erste Kontakte zu Landmaschinenherstellern; für die Serien- und Marktreife steht Wolpert außerdem mit Partnern aus Landwirtschaft und Landtechnik in Verbindung. Mittelfristig erwägt er eine kommerzielle Ausgründung. Ob sich die Nachrüstung am Markt durchsetzt, soll sich in den kommenden etwa drei Jahren zeigen.
Weitere Informationen zum Projekt gibt es unter agrartechnik-440a.uni-hohenheim.de/agriboost.
