Auf dem Aachener Münsterplatz ist nach rund sechs Monaten die archäologische Grabung beendet. Seit Ende Februar 2026 untersuchte die Stadtarchäologie zwei Baumscheiben unter dem Pflaster – dort, wo zuvor Linden gestanden hatten. Anlass für die Arbeiten waren zwei größere Gruben für neue Bäume. Die alten Linden waren 2023 bei einem Sturm beschädigt worden.

Stadtarchäologe Andreas Schaub arbeitete dabei gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern des Archäologischen Arbeitskreises Schicht für Schicht in Handarbeit. Über mehrere Monate konnten Passantinnen und Passanten zuschauen; Fragen beantwortete das Fachpersonal direkt am Rand der offenen Flächen. Im Sommer informierte der städtische Fachbereich Kommunikation und Stadtmarketing zusätzlich mit Plakaten über die Grabung.

Ein Friedhof unter dem Pflaster

Die erste Baumscheibe brachte vor allem zahlreiche Überreste des mittelalterlichen Münsterkirchhofs ans Licht. Rund 60 Bestattungen aus dem 12. bis 18. Jahrhundert wurden dokumentiert. Schriftlich ist der Friedhof seit dem 13. Jahrhundert belegt, die ältesten entdeckten Gräber stammen jedoch mindestens aus dem 12. Jahrhundert. Genutzt wurde der Münsterkirchhof bis in die napoleonische Zeit. Erst danach verlegte man Friedhöfe aus hygienischen Gründen aus den Innenstädten.

Aufwendig war die Bergung einer ausgestatteten Doppelbestattung zweier Säuglinge. Die Skelette stammen aus dem 18. Jahrhundert. Historische Aufzeichnungen lassen vermuten, dass es sich um Annamarie und Annarosa Gutmesch handeln könnte. Bewiesen ist das bislang nicht. Recherchen in den Tauf- und Sterberegistern der Pfarre St. Foillan sollen klären, ob die beiden Kinder Zwillinge waren und um welche Personen es sich tatsächlich handelt.

Restauratorinnen und Anthropologinnen des LVR-Landesmuseums sowie der Universität Bonn waren an der Bergung beteiligt. Die menschlichen Überreste werden weiter medizinisch untersucht – unter anderem mit Blick auf die Gesundheit mittelalterlicher Menschen. Außerdem soll geklärt werden, ob einige der Toten im 16. Jahrhundert einer Epidemie zum Opfer fielen. Im Rahmen einer Dissertation an der RWTH Aachen sollen die geborgenen Skelette später Erkenntnisse über die Aachener Bevölkerung im Mittelalter und in der frühen Neuzeit liefern.

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Römerstraße, Mauer und ein vergessener Brunnen

In der zweiten Grube stießen die Grabenden auf die Grenzmauer der Immunität des Marienstifts und auf eine gleichzeitig errichtete, bislang unbekannte große Struktur. Sie erwies sich als alter Brunnen. Vermutlich stammt er aus dem 14. Jahrhundert, also etwa aus der Zeit, in der die Chorhalle des Aachener Doms entstand. Möglicherweise versorgte er damals Pilger mit Wasser.

Auf Darstellungen des 16. und 17. Jahrhunderts war der Brunnen bereits als nicht identifiziertes Bauwerk verzeichnet. Im 16. Jahrhundert wurde er aufgegeben. Sein Fundament gründet auf einer römischen Straße, die nach Einschätzung der Stadtarchäologie den Hauptzugang zu den römischen Heilthermen, den sogenannten Münsterthermen, gebildet haben könnte. Für Andreas Schaub ist die Römerstraße ein besonders wichtiger Fund.

Zu den weiteren Entdeckungen gehören ein Würfel und andere Gegenstände, mit Goldfolie überzogene Glasmosaiksteine, die vermutlich aus den römischen Thermen stammen, sowie Keramik aus der Merowinger- und Karolingerzeit. Auch mittelalterliche Pilgermuscheln und Teile zerbrochener Pilgerhörner kamen zum Vorschein. Das sind kleine Dinge, teilweise unscheinbar – und trotzdem erzählen sie davon, wer hier unterwegs war, betete, lebte oder seine Zeit vertrieb.

Jetzt kommen die Linden

Die Funde werden nun dokumentiert und wissenschaftlich ausgewertet. Die Ergebnisse könnten weitere Erkenntnisse zur Geschichte des Münsterplatzes liefern. Zunächst aber werden die offenen Gruben wieder geschlossen. Nach der Vorbereitung der Baumscheiben sollen dort die ursprünglich geplanten zwei neuen Linden gepflanzt werden.

Damit kehrt das Lindenensemble auf den Münsterplatz zurück – über einem Untergrund, der nun ein gutes Stück weniger rätselhaft ist. Für eine Weile werden dort wieder Zweige und Blätter über dem Pflaster rascheln, während darunter Friedhof, Römerstraße, Mauer und Brunnen weiter ihre Geschichte bewahren.