Heute, am 4. Oktober 2026, richtet sich der Blick an der RWTH Aachen auf eine Frage, die weit über den Hochschulalltag hinausreicht: Wohin mit dem Atommüll? Während Finnland sein Tiefenlager Onkalo bei Olkiluoto seit September 2024 im Testbetrieb erprobt, hat die Schweiz einen konkreten Standort festgelegt. Das Endlager soll in Stadel nahe der deutschen Grenze entstehen.

Die Nagra, die Schweizer Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle, reicht am Dienstag beim Bundesamt für Energie die Gesuche für den Bau des geologischen Tiefenlagers in Stadel ZH und für eine Brennelement-Verpackungsanlage in Würenlingen AG ein. Die Unterlagen sind gewaltig: rund 30’000 Seiten. Bis im Frühling 2025 prüfen die Behörden, ob alles vollständig ist. Danach sollen die Gesuche veröffentlicht werden.

Stadel, Würenlingen und eine Entscheidung für eine Million Jahre

Die Schweiz erlebt mit dem Rahmenbewilligungsgesuch erstmals die Einreichung eines Gesuchs für ein geologisches Tiefenlager für radioaktive Abfälle. Bundesrat und Parlament sollen ab 2029 über den Standort entscheiden. Eine Volksabstimmung dürfte frühestens in einigen Jahren stattfinden. Ein Komitee verlangt sie obligatorisch: Ein Parlamentsentscheid reiche angesichts der Folgen über eine Million Jahre nicht aus.

Stadel erklärte, die Gemeinde wolle ihre Interessen im demokratischen Prozess wahren und die Bevölkerung laufend einbeziehen. Gemeindepräsident Dieter Schaltegger nennt das Vorhaben für die kleine, ländliche Gemeinde eine grosse Herausforderung. Früh sei klar gewesen, dass ein solches Projekt einen kleinen Gemeinderat ohne zusätzliche Mittel überfordern könne. Seit Anfang 2024 informiert der Gemeinderat deshalb regelmässig über Veranstaltungen und weitere Kommunikationskanäle – transparent, wie es heißt.

Fast 50 Jahre lang suchte die Nagra nach einem Standort. Zuletzt standen Nördlich Lägern, das Zürcher Weinland und Jura Ost im Aargau, genauer Bözberg, zur Auswahl. Nördlich Lägern war zunächst ausgeschieden, wurde später aber erneut geprüft und schließlich ausgewählt.

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Mit dem Standort kamen auch Sorgen. Nach dem Entscheid wurden in Stadel vorübergehend mehr Immobilien angeboten, vor allem Einfamilienhäuser. Die Lage stabilisierte sich bald wieder. Immobilienexperten rechnen dennoch mit einer längerfristigen Wertminderung von bis zu zehn Prozent. Auf der anderen Seite könnte das Tiefenlager Millionen an Abgeltungen bringen, zahlreiche Arbeitsplätze schaffen und über mehrere Jahre zur grössten Baustelle der Schweiz werden.

Die Verhandlungen über die Abgeltungen beginnen jetzt. Gemeinden, Bund, Kantone und Kernkraftwerkbetreiber klären, welche betroffenen Gemeinden in Zürich, Aargau, Schaffhausen und Deutschland wie viel Geld erhalten. Den grössten Teil sollen die Betreiber bezahlen. Wie teuer die Schweizer Atomkraft insgesamt wird, ist allerdings noch offen. Die Betreiber haben Rückstellungen in Milliardenhöhe gebildet; ob sie reichen, weiß niemand sicher. Falls nicht, müssten die Steuerzahler einspringen.

Was tief unter Stadel verschwinden soll

Der bisher angefallene Atommüll lagert in speziell gesicherten Behältern an der Erdoberfläche – bei den Kernkraftwerken und in zwei Zwischenlagern im Kanton Aargau. Für den gefährlichsten Abfall gibt es derzeit keine technische Lösung, die ihn einfach unschädlich macht. Radioaktive Abfälle entstehen außerdem nicht nur bei der Stromproduktion, sondern auch in Medizin, Forschung und Industrie.

Eine Lagerung an der Oberfläche gilt als ungeeignet, weil niemand vorhersagen kann, wie sich Gesellschaft und Umwelt über Jahrtausende verändern: Kriege, politische Umbrüche, Klimaerwärmung. Als sicherste Lösung gilt deshalb die Lagerung mehrere hundert Meter tief im Untergrund. In der Schweiz kommen Gesteinsschichten aus Opalinuston infrage, einem grauschwarzen Schieferton.

Vor allem hochradioaktive Brennelemente aus Kernkraftwerken sollen eingelagert werden. Dazu kommen schwach- und mittelradioaktive Abfälle: kontaminierte Schutzkleidung, Rohre und Isolationsmaterial aus Kernkraftwerken sowie Abfälle aus Forschung, Medizin und Industrie. Der Bund rechnet bis 2075 mit rund 90’000 Kubikmetern. Das Lager muss die Abfälle während Zehntausenden bis Hunderttausenden Jahren einschließen. Plutonium-239 etwa hat eine Halbwertszeit von mehr als 24’000 Jahren.

Bei einer Halbwertszeit halbiert sich die Aktivität eines einzelnen Radionuklids. In einem Abfallgemisch dominieren zunächst kurzlebige, stark strahlende Nuklide; später fallen langlebigere Stoffe stärker ins Gewicht. Schwach- und mittelradioaktive Abfälle mit kurzen Halbwertszeiten können zwischengelagert werden, bis ihre Aktivität unter gesetzliche Grenzwerte sinkt. Abfälle mit Nukliden, deren Halbwertszeiten Jahrzehnte oder länger betragen, müssen in ein Endlager. Manchmal kann die direkte Endlagerung kurzlebiger, schwachaktiver Abfälle wirtschaftlicher sein als eine Zwischenlagerung.

Hochradioaktive Abfälle entstehen überwiegend in Reaktoren. Abgebrannte Brennelemente enthalten Spaltprodukte und erbrütete Transurane wie Uran, Neptunium und Plutonium. Zuerst liegen sie mehrere Jahre in Abklingbecken, bis Wärmeentwicklung und Aktivität der kurzlebigen Spaltprodukte ausreichend gesunken sind. In Wiederaufbereitungsanlagen lassen sich spaltbare Nuklide abtrennen, etwa für Mischoxid-Brennelemente. Die überwiegend nicht spaltbaren Rückstände werden verglast und jahrzehntelang zwischengelagert. Erst wenn die Wärmeentwicklung genügend zurückgegangen ist, kommt eine Endlagerung infrage.

Ein großes Kernkraftwerk erzeugt pro Jahr ungefähr sieben Kubikmeter hochradioaktive Abfälle, etwa 50 Kubikmeter abgebrannte Brennelemente und zusätzlich grössere Mengen schwach- und mittelradioaktiver Abfälle. In Deutschland sind Transporte zur Wiederaufarbeitung seit 2005 nicht mehr zugelassen. Abgebrannte Brennelemente bleiben an den Kraftwerksstandorten in Zwischenlagern und sollen später direkt endgelagert werden.

Die Idee vom schnelleren Weg

Das Schweizer Unternehmen Transmutex arbeitet an einer Alternative zur jahrtausendelangen Lagerung: Transmutation. Besonders problematische Nuklide sollen abgetrennt und mithilfe von Neutronenbestrahlung in kurzlebige oder stabile Isotope umgewandelt werden. Nach Angaben des Unternehmens könnte die Technik in weniger als 20 Jahren verfügbar sein; eine Pilotanlage ist in Frankreich geplant.

Der Haken ist nicht klein. Die technische und wirtschaftliche Machbarkeit der Transmutation wird noch untersucht. Unabhängige Experten kritisieren das Schweizer Entsorgungskonzept als veraltet. Hochradioaktiver Abfall bleibt ohne weitere Behandlung Hunderttausende Jahre gefährlich und könne wegen möglicher Umweltrisiken nicht einfach tief vergraben werden.

Für hochradioaktive Abfälle gilt international trotzdem die Einlagerung in tiefe geologische Formationen als bevorzugtes Konzept. Mehrere Barrieren sollen zusammenwirken: die Verglasung der Abfälle, Behälter und weitere technische Umhüllungen sowie langfristig die Gesteinsschichten. Technische Barrieren können durch Strahlung und andere Einwirkungen über Jahrtausende undicht werden. Dann sollen die geologischen Barrieren verhindern, dass Radionuklide in die Biosphäre wandern.

Der Naturreaktor von Oklo wird dabei oft als Hinweis herangezogen. Dort wanderten einige Spaltprodukte unter bestimmten Bedingungen über mehr als zwei Milliarden Jahre weniger als 50 Meter. Kurzlebigere Nuklide wie Iod-129 wurden nicht mehr nachgewiesen. Ein Beweis für die Sicherheit eines konkreten Endlagers ist das nicht. Entscheidend bleibt, dass kein Wasserzutritt einen konvektiven Stofftransport auslöst. Untersuchungen deuten außerdem darauf hin, dass Behälter möglicherweise schneller korrodieren können als früher angenommen.

Neben Bergwerken in einigen hundert Metern Tiefe werden inzwischen Tiefbohrlöcher in mehreren tausend Metern Tiefe diskutiert. Auch eine Einlagerung in Subduktionszonen wurde vorgeschlagen, damit Plattentektonik den Abfall ins Erdinnere transportiert. Das passt allerdings nur schwer zur Forderung nach Rückholbarkeit.

Die Endlagerung auf oder unter dem Meeresboden ist seit 1974 durch die Londoner Konvention für hochradioaktive Abfälle und seit 1993 vollständig verboten. Hintergrund waren frühere umfangreiche Einleitungen radioaktiver Abfälle ins Meer. Unterseeische Lagerungen in Tonformationen, künstlichen Inseln oder durch Tunnel erreichbaren Anlagen tauchen gelegentlich wieder in Debatten auf. Seit 1990 gibt es dazu aber kaum nennenswerte Forschung; Expertenstudien bewerten diese Optionen überwiegend als wenig erfolgversprechend.

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