Ausgleichszölle gegen China: Bayerns Wirtschaft fordert eine härtere EU-Handelspolitik
Würzburg, 2.10.2026 – In der deutschen Wirtschaft verschiebt sich der Ton gegenüber China. Die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw), Bayerns führender Wirtschaftsverband, fordert erstmals höhere Zölle auf chinesische Produkte. Gemeint sind ausdrücklich „Ausgleichszölle“: Sie sollen Wettbewerbsverzerrungen durch China ausgleichen, nicht als Protektionismus oder Strafzölle dienen.
Hintergrund ist die wachsende Präsenz chinesischer Industrieunternehmen auf den Weltmärkten – zulasten deutscher und europäischer Firmen. Besonders rasant wachsen die Autoexporte. Chinesische Hersteller steigerten ihre weltweiten Pkw-Ausfuhren von Januar bis August im Jahresvergleich um knapp 72 Prozent auf 6,2 Millionen Fahrzeuge.
Subventionen als Streitpunkt
China unterstützt seine Exportindustrie umfangreich staatlich. Dazu kommen Förderungen durch zahlreiche Provinzen. Eine Anfang Juni veröffentlichte OECD-Analyse kam zu dem Ergebnis, dass chinesische Unternehmen sechs- bis achtmal höhere Subventionen erhalten als Wettbewerber in anderen Ländern. Nach Einschätzung der OECD gehen 60 Prozent der chinesischen Marktanteilsgewinne auf staatliche Zuschüsse zurück.
Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln empfiehlt der Bundesregierung, Ausgleichszölle gegen China einzuführen. IW-Handelsexperte Jürgen Matthes nennt als Gründe den unfairen Wettbewerb durch chinesische Subventionen und eine Unterbewertung der chinesischen Währung – ein Kritikpunkt, der bislang vor allem in den USA thematisiert wurde.
Matthes trennt dabei klar zwischen zwei Instrumenten: Ausgleichszölle seien zielgerichtete Abgaben, die Preisvorteile durch Subventionen in einem Drittland ausgleichen sollen. Strafzölle dagegen seien pauschale Zusatzzölle zur Abschreckung und Sanktionierung eines Handelspartners. Zölle seien deshalb nicht grundsätzlich protektionistisch.
Für die konkrete Umsetzung müsste in einzelnen Sektoren und Produktgruppen zunächst ermittelt werden, wie groß der Anteil des unfairen Wettbewerbs durch Subventionen und Währungsunterbewertung ist. Ausgleichszölle sollten laut Matthes nur dort gelten, wo eine nennenswerte eigene Produktion ohne Subventionen langfristig wettbewerbsfähig wäre – etwa im Maschinenbau.
Der IW-Experte drängt auf ein schnelles Vorgehen. Die Erhebung sei wegen etablierter Verfahren technisch vergleichsweise unkompliziert. China verfolge eine auf wirtschaftliche Dominanz ausgerichtete Politik und nehme dabei laut Matthes keine Rücksicht auf Schuldenbremsen. Deutschland solle seinen marktwirtschaftlichen Ansatz mit Ausgleichszöllen schützen.
Vom Zögern zur härteren Linie
Die vbw betont trotz ihrer Forderung weiterhin die Unterstützung für Freihandel und offene Märkte. Gefordert werden EU-Maßnahmen gegen gezielte Wettbewerbsverzerrungen. Lange hatten sich deutsche Wirtschaftsverbände und Unternehmensführer aus Sorge vor Vergeltungsmaßnahmen aus Peking gegen eine härtere EU-Politik ausgesprochen.
Inzwischen verlieren deutsche Unternehmen Marktanteile – in China ebenso wie auf anderen Weltmärkten. Gleichzeitig hat US-Präsident Donald Trump zu Beginn seiner zweiten Amtszeit gegen zahlreiche Staaten, darunter China und die EU, Strafzölle verhängt. Ende Februar erklärte der Oberste Gerichtshof der USA die meisten der von Trump eingeführten Sonderzölle für unrechtmäßig.
Brüssel sucht den Mittelweg
Die Europäische Kommission bereitet ein Maßnahmenpaket vor, das die handelspolitischen Schutzinstrumente der EU stärken und wirtschaftliche Abhängigkeiten von China verringern soll. Anlass sind chinesische industrielle Überkapazitäten, zunehmende Importe besonders günstiger Produkte und Exportbeschränkungen bei kritischen Rohstoffen.
Im Gespräch sind neue Schutzuntersuchungen in weiteren Wirtschaftssektoren. Möglich wären auch Zollkontingente, falls nachgewiesen wird, dass Importe europäischen Unternehmen schaden. Zusätzlich wird ein „Überkapazitätsinstrument“ gegen die Folgen stark subventionierter Produktion in strategischen Branchen diskutiert.
Mehrere EU-Mitgliedstaaten fordern einen häufigeren Einsatz handelspolitischer Schutzmaßnahmen und zusätzliche Instrumente zum Schutz der europäischen Industrie. Nach einer Grundsatzdebatte zu den EU-China-Beziehungen am 29. Mai bekräftigte die Kommission jedoch den Ansatz „De-Risking statt Decoupling“ – also Risikoreduzierung statt vollständiger wirtschaftlicher Entkopplung.
Gleichzeitig räumte die Kommission ein, dass die bestehenden Handels- und Investitionsbeziehungen mit China in ihrer derzeitigen Form nicht nachhaltig seien. Deutschland zeigt sich inzwischen offener für stärkere handelspolitische Schutzmaßnahmen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit weiterer EU-Initiativen in den kommenden Monaten. Die Beratungen sollen beim G7-Gipfel sowie im Europäischen Rat im Juni fortgesetzt werden.
Der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) begrüßt die Pläne der Kommission grundsätzlich, warnt aber vor mehr Protektionismus. Schutzinstrumente müssten gezielt, faktenbasiert und WTO-konform eingesetzt werden. Im Mittelpunkt sollten nicht Abschottung, sondern mehr Resilienz, Diversifizierung und Wettbewerbsfähigkeit in Europa stehen.
Bei allen Maßnahmen, so der BGA, müssten auch die Interessen von Handel, Importeuren und Verbrauchern berücksichtigt werden. Der Verband fordert zudem eine Orientierung am Prinzip der Reziprozität. Also: gleiche Regeln, gleiche Chancen – zumindest dort, wo das in der Praxis nicht schon beim ersten Container stecken bleibt.
Quelle: dpa
