Rund zwei Jahre nach der Anzeige einer jungen Frau wegen einer mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung an der Cornell University im US-Bundesstaat New York sind die Ermittlungen wieder aufgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft von Tompkins County prüft, ob der Fall strafrechtlich angeklagt werden kann. Eine erste Gerichtsverhandlung zur Prüfung des Zivilverfahrens ist für den 23. Oktober in Manhattan angesetzt.

Die heute ehemalige Studentin war im Oktober 2024 zwanzig Jahre alt. Nach ihrer Darstellung wurde sie im Haus der Studentenverbindung Chi Phi auf dem Campus über mehrere Stunden hinweg von sieben Männern sexuell missbraucht. Am 8. November 2024 erstattete sie bei der Universitätspolizei Anzeige – nach eigenen Angaben etwa drei Wochen nach dem Vorfall. In der Klage heißt es, sie sei bereits nach einem Barbesuch betrunken gewesen. Im Verbindungshaus habe man ihr Rum gegeben und sie zum Konsum von Ketamin, Marihuana und weiterem Alkohol gedrängt.

Zunächst sollen zwei Studenten die Frau missbraucht haben. Danach seien insgesamt sieben Männer wiederholt über sie hergefallen; laut Klageschrift zog sich der Übergriff fast sieben Stunden hin. Die Frau sei wegen der Wirkung des Ketamins handlungsunfähig gewesen und habe deshalb nicht zustimmen können. Ketamin wird medizinisch als Narkose- und Schmerzmittel eingesetzt, kann als Partydroge aber unter anderem Bewusstseinsveränderungen, eine verzerrte Zeit- und Raumwahrnehmung, vermindertes Schmerzempfinden und Lähmungserscheinungen auslösen.

Ein Fall, der zunächst liegen blieb

Die Frau wird in den Unterlagen als „Jane Doe“ geführt. In einer ersten Befragung sagte sie, sie habe freiwillig mitgemacht, sei aber sehr betrunken gewesen. Staatsanwalt Matthew Van Houten erklärte später, sie habe in ihrer ersten eidesstattlichen Aussage gegenüber den Behörden weder eine Gruppenvergewaltigung noch eine Verabreichung von Drogen geschildert. Der Bezirksstaatsanwalt bezeichnete einen vorliegenden Chat als „grob und vulgär“ – eindeutig habe sich daraus aber nicht ergeben, ob die Frau dem Geschehen zugestimmt habe.

Der Fall wurde zunächst nicht weiterverfolgt und nicht zur Anklage gebracht. Nun soll geprüft werden, ob neue Beweise eine strafrechtliche Verfolgung rechtfertigen. Die Staatsanwaltschaft erklärte, sie werde nach der Festlegung der passenden Anklagepunkte objektiv und unparteiisch vorgehen. New Yorks Gouverneurin Kathy Hochul forderte eine unabhängige Untersuchung und nannte die Vorwürfe „entsetzlich“.

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Der Anwalt der Frau schildert seine Mandantin nach dem Übergriff als traumatisiert, wie betäubt und im „Selbsterhaltungsmodus“. Erst später habe sie die Kraft für eine Klage gefunden. Sie verklagt die sieben Männer, die Studentenverbindung, Cornell und weitere Beteiligte auf Schadensersatz. Nach Angaben ihres Anwalts leidet sie weiterhin unter den Folgen und studiert derzeit nicht an der Universität. Ihr Bachelorstudium hatte sie laut New York Times im August 2022 in Cornell begonnen; nach dem mutmaßlichen Übergriff 2024 brach sie es ab. Sie gehörte der Studentinnenverbindung Tri Delta an.

Was im Chat geschrieben worden sein soll

Den Behörden lag ein Snapchat-Gruppenchat der Verbindung vor. Die Gruppe namens „Chi Phi Actives“ hatte 57 männliche Mitglieder. In einer Nachricht, die laut einem Screenshot um 1:42 Uhr verschickt worden sein soll, schrieb einer der Männer: „free pussy“. Damit soll er den anderen mitgeteilt haben, dass sie ebenfalls Sex mit der Frau haben könnten. Ein anderer mutmaßlicher Täter antwortete: „I fucking love Chi Phi“.

CBS berichtete über die Nachrichten, die in der Nacht des mutmaßlichen Übergriffs ausgetauscht worden sein sollen. Laut Klage wurde über die Frau geschrieben und sie anderen Studenten zum Missbrauch angeboten. Damit wussten nach Darstellung der taz 57 Männer, dass sie sich im Verbindungshaus befand. Sieben sollen mutmaßlich Täter gewesen sein. Die übrigen Chatmitglieder sollen weder eingegriffen noch nach ihrem Wohlergehen gefragt haben.

Die Verbindung wirbt damit, Männer zu „besseren Männern“ zu formen. Gerade deshalb richtet sich der Blick inzwischen auch auf jene, die den Chat mitlasen, aber das Zimmer nicht betraten. Laut dem Artikel hätten diese Männer voraussichtlich keine Konsequenzen zu erwarten – obwohl ihr Schweigen mutmaßlichen Missbrauch ermöglicht oder zumindest nicht verhindert habe. Als Vergleich wird der Fall von Gisèle Pelicot genannt: Dort verließ ein Mann das Haus, weil ihm die Betäubung der Frau unangenehm war, rief aber nicht die Polizei und half ihr nicht. Auch Männer, die von Pelicots Missbrauch wussten, handelten nicht; entdeckt wurde der Fall erst durch einen Zufall.

Universität weist Darstellung zurück

Alle sieben Beschuldigten bestritten die Vorwürfe bereits damals und bestreiten, die Frau missbraucht zu haben. Cornell erklärte, es habe umfassende interne Untersuchungen gegeben, und unterstützte nun die Wiederaufnahme der Ermittlungen. Gegen mehrere Studenten seien Sanktionen verhängt worden.

US-Medien zufolge verwies die Universität zwei der mutmaßlichen Täter. Die anderen fünf durften ihr Studium wieder aufnehmen, nachdem sie einen Aufsatz über den Vorfall verfasst, an einem Workshop teilgenommen oder eine kurze Suspendierung verbüßt hatten. Nach Angaben des Anwalts der Frau soll Cornell die internen Untersuchungen 2024 damit abgeschlossen haben, dass zwei Studenten verwiesen wurden und die übrigen einen Essay schreiben mussten.

Cornell-Sprecher Kyle Kimball wies allerdings die Darstellung zurück, die Studenten hätten lediglich Aufsätze schreiben müssen. Keiner sei allein wegen seiner Beteiligung dazu aufgefordert worden. Die örtliche Chi-Phi-Verbindung wurde 2024 vom Campus ausgeschlossen, später aufgelöst und vom Campus verbannt.

Die Namen und Fotos der sieben Beschuldigten wurden in sozialen Medien veröffentlicht. Die juristische Aufarbeitung läuft davon getrennt weiter. Die nächste wichtige Station ist der 23. Oktober in Manhattan – während in Tompkins County geprüft wird, ob aus den neuen Ermittlungen eine strafrechtliche Anklage entsteht.