Leipzig an einem Tag: Von Bach und Passagen bis zur Friedlichen Revolution
Leipzig an einem Tag? Das klingt zuerst nach sportlichem Ehrgeiz und endet vermutlich mit müden Füßen. Trotzdem lässt sich erstaunlich viel unterbringen: Hauptbahnhof, historische Gerichte, Kunsthochschulen, Passagen, Kirchen, Augustusplatz und schließlich der Leipziger Süden. Für Studierende der Universität Leipzig ist der Weg besonders praktisch, weil die meisten Stationen zu Fuß sowie mit Bahn und Bus erreichbar sind. Leipzig verbindet dabei Leipziger Messe, Johann Sebastian Bach, die Friedliche Revolution, die Leipziger Schule, den Thomanerchor und die Völkerschlacht mit einem dichten Kulturangebot.
Ausgangspunkt ist heute, am 1.10.2026, der Hauptbahnhof. Bevor es losgeht, sollte die aktuelle Verkehrslage bei den Leipziger Verkehrsbetrieben oder in einer Verkehrs-App geprüft werden: Baustellen können die schönste Planung zerknittern. Mit Deutschlandticket sind die empfohlenen Verkehrsmittel kostenlos nutzbar, alternativ passt ein 24-Stunden-Ticket für die Tarifzone 110.
Vom Hauptbahnhof zum Markt
Der Leipziger Hauptbahnhof ist nicht bloß ein Ort, an dem man hastig zur nächsten Bahn rennt. Seine Größe und Höhe machen ihn selbst zur Sehenswürdigkeit; etwa eine Viertelstunde sollte man für die Besichtigung einplanen. Über den Querbahnsteig sind zwei historische Wartesäle erreichbar. Heute sitzen dort eine Buchhandlung und eine Filiale einer US-amerikanischen Kaffeehauskette – Kaffee statt Wartesaalromantik, aber immerhin.
An der Straßenbahnhaltestelle auf der Westseite fährt die Linie 9 Richtung S-Bahnhof Connewitz bis zur Haltestelle „Neues Rathaus“. Das monumentale ehemalige Reichsgericht am Simsonplatz entstand in einer Gestaltung, die sich am Berliner Reichstagsgebäude orientiert. Von 1895 bis 1945 war es Sitz des höchsten deutschen Gerichts. Hier fanden unter anderem 1907 der Hochverratsprozess gegen Karl Liebknecht und 1933 der Reichstagsbrandprozess statt. Heute arbeitet dort das Bundesverwaltungsgericht. Kuppelhalle, Haupttreppe und Galerie können werktags kostenlos besichtigt werden. Vor dem Gebäude fließt wieder der Pleißemühlgraben, der zu DDR-Zeiten überbaut war.
Durch die Beethovenstraße geht es zur Albertina, der Bibliothek der Universität Leipzig. Das historistische Gebäude entstand Ende des 19. Jahrhunderts, wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und später wiederhergestellt. Die Eingangshalle ist öffentlich einsehbar. In der Grassistraße liegen außerdem die Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ sowie die Hochschule für Grafik und Buchkunst, die eng mit der Leipziger Schule verbunden ist. Genannt werden Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig, Werner Tübke, Arno Rink, Sighard Gille, Neo Rauch und Michael Triegel.
Vom Musikerviertel führt die Route zurück zum Simsonplatz und weiter in Richtung Martin-Luther-Ring. Das 1905 eröffnete Neue Rathaus schiebt seinen knapp 115 Meter hohen Turm in die Stadtsilhouette. Auf dem Weg liegt das Trias-Hochhaus, dessen Form an das New Yorker Flatiron Building erinnert. Die Thomaskirche ist täglich geöffnet, der Eingang liegt am Thomaskirchhof. Johann Sebastian Bach und der Thomanerchor haben sie international bekannt gemacht. Rundherum gibt es Cafés – eine gute Stelle für eine kurze Pause, bevor die Beine endgültig protestieren.
Richtung Markt fällt ein großes goldverziertes Jugendstilgebäude auf: das frühere Kaufhaus Ebert, heute eine Bankfiliale. Vom Rand der Thomaswiese öffnet sich der Blick auf das Markt-Ensemble. Rechts steht das Alte Renaissance-Rathaus, links die historisch nachempfundene Nordseite des Marktes, dahinter der Glaskubus des Museums der bildenden Künste. Unter den Kolonnaden des Alten Rathauses liegen kleine Geschäfte; wer Kunst sehen möchte, kann im Museum bleiben.
Ein Durchgang führt zum Naschmarkt mit der barocken Alten Handelsbörse, die heute als Veranstaltungsort dient. Gegenüber beginnt die Mädler-Passage, Leipzigs bekannteste Innenstadtpassage. Daneben behandelt das Zeitgeschichtliche Forum die jüngere deutsch-deutsche Geschichte und die Ereignisse von 1989/90. Im Untergeschoss der Mädler-Passage liegt Auerbachs Keller, durch Goethes „Faust“ berühmt. Vor dem Eingang stehen Bronzeskulpturen von Faust, Mephisto und drei Gesellen. Die Passage führt über eine Rotunde und einen zweiten Abschnitt zur Straße „Neumarkt“.
Passagen, Nikolaikirche und Augustusplatz
Über Neumarkt und Reichsstraße erreicht man Specks Hof. Vor dem Eingang lohnt sich der Blick auf das Riquethaus mit seinen ostasiatisch inspirierten Verzierungen und zwei Elefantenköpfen. Das frühere Geschäfts- und Messehaus für Kaffee, Tee, Kakao und andere Überseeprodukte ist heute ein Kaffeehaus. Specks Hof gilt als älteste erhaltene Ladenpassage Leipzigs und vermittelt mit Lichthöfen und Verbindungsgängen eine Ahnung von den früheren Innenstadtmessen in repräsentativen Messehäusern.
Von dort führt der Weg zur Nikolaistraße, gegenüber liegt die Nikolaikirche. In den 1980er-Jahren fanden hier Montagsgebete statt, aus denen 1989 die Montagsdemonstrationen hervorgingen. Seit 1982 beteten Menschen in der Kirche für Frieden und Menschenrechte; ab Herbst 1988 versammelten sich montags zunehmend mehr. Der klassizistische Innenraum mit Säulen und Palmenkapitellen wirkt ruhig, fast hell. Auf dem Nikolaikirchhof steht eine Nachbildung dieser Säulen – als Zeichen für den Übergang des Protests aus der Kirche in den öffentlichen Raum.
Am 25. September 1989 zogen Demonstrierende erstmals auf den Augustusplatz und den Leipziger Promenadenring. Der Platz ist nach dem sächsischen König Friedrich August I. benannt. Im Herbst 1989 fanden hier große Kundgebungen statt, die zum Ende der DDR beitrugen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt der Augustusplatz als einer der schönsten Europas; Bombenzerstörung und sozialistische Umgestaltung hinterließen danach verschiedene Formen politisch geprägter Architektur.
Auf der nördlichen Westseite stehen historische Gebäude von 1910/11 und 1927/28. Das Krochhochhaus trägt ein Uhrenschlagwerk mit drei großen Glocken und zwei mehr als drei Meter hohen Glockenmännern. Auf der Nordseite steht das in den 1950er-Jahren errichtete Opernhaus im neoklassizistischen Stil. Es ersetzte das im 19. Jahrhundert entstandene Neue Theater.
An der Ostseite kamen in den 1960er-Jahren die neue Hauptpost – heute ein Geschäftshaus – und ein Hotel hinzu. Das Europahaus von 1928/29 ist erhalten. Südlich davon liegt das Gewandhaus. Dazwischen stehen Wohnbauten aus den 1950er-Jahren im Stil des sozialistischen Klassizismus, auch „Zuckerbäckerstil“ genannt. Das heutige Gewandhaus wurde Ende der 1970er-Jahre am Standort des gesprengten alten Museums der bildenden Künste errichtet und 1981 eröffnet. Im Foyer hängt ein mehr als 700 Quadratmeter großes Deckengemälde von Sighard Gille. Die Akustik des Großen Saals gilt als außergewöhnlich. Der neobarocke Mendebrunnen von 1886 ist erhalten.
Auf der südlichen Westseite standen bis 1968 das Augusteum und die vollständig erhaltene Universitätskirche St. Pauli. Das Augusteum war im 19. Jahrhundert nach Plänen Karl Friedrich Schinkels errichtet worden und im Krieg nur teilweise zerstört. Partei- und Staatsführung der DDR ließen beide Gebäude sprengen. An ihre Stelle kamen ein Universitätsgebäude mit Karl-Marx-Relief und ein 142 Meter hohes Universitätshochhaus in Form eines aufgeschlagenen Buches. Pläne zum Wiederaufbau von Augusteum und Paulinerkirche scheiterten nach 1990.
Zwischen 2007 und 2012 entstand ein neuer Campus, der Teile der früheren Silhouette aufgreift. Das frühere Universitätshochhaus heißt heute City-Hochhaus, wird von Unternehmen genutzt und besitzt eine Aussichtsplattform sowie ein Restaurant. Das Karl-Marx-Relief befindet sich heute auf dem Campus Jahnallee. Für alle, die an der Uni Leipzig studieren, liegt hier also ein Stück Stadtgeschichte direkt vor der Tür – und zwar eines, an dem sich die politischen Brüche kaum übersehen lassen.
Der 9. Oktober 1989: vom Friedensgebet auf den Ring
Die große Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 gilt als entscheidendes Ereignis der Friedlichen Revolution. Weit mehr als 70.000
