An der Universität Leipzig streiten die Organisator:innen der Kritischen Einführungswochen (KEW) über abgesagte oder zensierte Veranstaltungen, verschärfte Regeln bei der Raumvergabe und eine Kommunikation, die sie als intransparent beschreiben. Die KEW gibt es in Leipzig seit 2013. Ähnliche Formate finden an Dutzenden deutschen Universitäten statt.

Gedacht sind die Wochen als politisches Alternativprogramm zu den regulären Einführungsveranstaltungen. Laut dem vorliegenden Bericht arbeiten sie unabhängig von den Universitäten und strömungsübergreifend. In den vergangenen Jahren stellten Dutzende Gruppen jeweils rund 100 Vorträge, Workshops und Freizeitangebote für die ersten drei Semesterwochen auf die Beine. Das Interesse war groß – teilweise reichten die bereitgestellten Seminarräume nicht aus.

Von der Raumfrage zur politischen Auseinandersetzung

Das KEW-Bündnis hat nun ein Statement zu den aus seiner Sicht zunehmenden Einschränkungen durch die Universität veröffentlicht. Darin verweist es auf mehrere Konflikte: 2023 seien Veranstaltungen von Copwatch und Ende Gelände von der Polizei aufgelöst worden. 2024 seien Raumbuchungen teilweise erst am Veranstaltungstag bestätigt oder abgesagt worden. Veranstaltungen und ihre Bewerbung zu Antifaschismus, Militarisierung, Gaza, Antikapitalismus und Schwangerschaftsabbrüchen seien vollständig untersagt worden.

Im Frühjahr 2024 verabschiedete die Universität die „Leipziger Erklärung“ für akademische Freiheit, Menschenrechte und Demokratie. Sie betont darin unter anderem Pluralität, Toleranz und Vielfalt sowie den Kampf gegen Rechtsextremismus.

Nur wenige Wochen später, im Mai 2024, besetzten 50 bis 60 Studierende das Audimax und den Innenhof des Campus. Anlass war der seit Oktober 2023 andauernde Krieg in Gaza. Die Besetzer:innen kritisierten Israel und ordneten den Konflikt in eine Geschichte kolonialer Besatzung ein. Die Universitätsleitung ließ das Audimax nach wenigen Stunden durch BFE-Polizist:innen räumen und stellte Strafanzeige gegen mehr als 30 Personen. Einige Verfahren liefen laut Artikel weiterhin.

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Im Mai 2026 beantragte die Gruppe Students for Palestine eine studentische Vollversammlung zur akademischen Beteiligung der Universität Leipzig. Nach Angaben des Berichts hatte sie die erforderlichen Schritte unternommen und mehr als 1.200 Unterschriften gesammelt. Einen Tag vor dem Termin entzog das Rektorat der Versammlung jedoch den zugesagten Raum. Die Studierenden tagten daraufhin spontan vor der Universität.

Sie forderten unter anderem eine öffentliche Verurteilung der israelischen Kriegsführung durch die Universitätsleitung und die Beendigung aller Kooperationen mit israelischen Institutionen. Die Universität erklärte dagegen, Beziehungen zu Israel und israelischen Hochschulen seien von höchster Bedeutung; ein Boykott israelischer Universitäten komme nicht infrage. Zur Vollversammlung und ihren Beschlüssen äußerte sich die Universitätsleitung danach laut Artikel nicht mehr. Die KEW werfen ihr vor, die Beschlüsse trotz formal erfüllter Voraussetzungen aus politischen Gründen nicht anzuerkennen.

Welche Veranstaltungen dürfen stattfinden?

Für die KEW 2025 seien weitere Veranstaltungen und Organisationen durch Rektorat und Studierendenrat ausgeschlossen worden. Nach Darstellung der KEW braucht es für die Anmeldung einer Veranstaltung die inhaltliche Zustimmung der Geschäftsführung des Studierendenrats. Entscheidend sei dabei, ob eine vortragende Organisation in einem Landes- oder Bundesverfassungsschutzbericht erwähnt werde. Der konkrete Vortragstext spiele keine Rolle.

Keine der betroffenen Organisationen sei verboten. Nach Gesprächen mit der Geschäftsführung hätten trotzdem alle im Verfassungsschutzbericht genannten Organisationen aus dem Programm gestrichen werden müssen, damit die KEW stattfinden konnten. Die KEW kündigten an, weiterhin Veranstaltungen kritischer Organisationen zu bewerben und Einschränkungen lediglich bei Raumanträgen hinzunehmen.

Die diesjährigen Kritischen Einführungswochen in Leipzig finden vom 13. bis 31. Oktober 2025 statt. Für den heutigen 10.10.2026 liegen damit keine aktuellen Veranstaltungstermine vor; die genannten Daten beziehen sich auf die Ausgabe 2025. Veranstaltungsanmeldungen waren ab dem 13. Juni 2025 möglich, Anmeldeschluss war der 30. Juni 2025. Die Anmeldung lief über kew-leipzig.de/anmeldung.

Auf dem Plan standen können – beziehungsweise standen für die Ausgabe 2025 – Workshops, Vorträge, Stadtrundgänge, Fahrradtouren, ein Pub-Quiz und Schnitzeljagden. Gewünscht waren möglichst partizipative und niedrigschwellige Formate. Auch Erstsemester und Menschen, die bisher nicht politisch aktiv waren, sollten die Veranstaltungen verstehen und besuchen können.

Die KEW verstehen sich als selbstorganisierte, nichtkommerzielle Alternative zu den offiziellen Einführungswochen der Universität. Ein ehrenamtliches Bündnis organisiert sie; inhaltlich ordnen sie sich einer linken und linksradikalen Ausrichtung zu. Das Organisationsteam behält sich vor, eingereichte Veranstaltungen auszuwählen. Wer eine Veranstaltung anmeldet, wird außerdem gebeten, sich an der Organisation zu beteiligen.

Unklare Zuständigkeiten, mündliche Absprachen

Zusätzlich kritisieren die KEW unklare Zuständigkeiten zwischen Studierendenrat, dessen Geschäftsführung und dem Rektorat. Absprachen seien häufig mündlich und ohne Protokoll erfolgt. Wenn die Veranstalter:innen nach schriftlichen Bestätigungen fragten, seien Inhalte später bestritten oder Informationen zurückgezogen worden.

Die Geschäftsführung des Studierendenrats beschreiben die KEW als eine Art Vorfilter oder „Blitzableiter“. Unliebsame Veranstaltungen würden dort aussortiert, bevor sie das Rektorat erreichten. So hänge die Genehmigung nach Darstellung der KEW von einem schwer nachvollziehbaren Verfahren und Einzelentscheidungen ab.

Die Verantwortung sehen die Veranstalter:innen allerdings nicht nur bei einzelnen Personen. Sie verweisen auch auf die sächsische Gesetzgebung und die institutionellen Strukturen des Studierendenrats. Zwischen E-Mail, Flurfunk und kurzfristiger Absage bleibt für Planungssicherheit da nicht viel Platz.

Die Einschränkungen ordnen die KEW in einen größeren politischen Zusammenhang ein. Als Gründe für eine zunehmende Begrenzung progressiver und klassenkämpferischer Organisationen nennen sie Militarisierung und Sozialabbau. Außerdem verweisen sie auf neue Polizeigesetze, Geheimdienstreformen und KI-Überwachung. Nach ihrer Einschätzung gehen diese Entwicklungen mit Einschränkungen der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit einher.

Programm trotz Gegenwind

Aufgeben wollen die KEW trotzdem nicht. Sie kündigten an, sich trotz der Einschränkungen nicht beschneiden zu lassen und weiterhin umstrittene Veranstaltungen zu bewerben. Die Universität solle Räume für Diskussion, Widerspruch und Organisierung bereitstellen. Außerdem müsse die Studierendenschaft selbst bestimmen dürfen, welche Themen sie auf die Tagesordnung setzt.

Das vollständige Programm und das Statement sind auf der KEW-Website veröffentlicht. Eine zusätzliche Einordnung aus dem bereitgestellten Material des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung ist nicht möglich: Die PDF-Datei enthält dort ausschließlich fragmentierte Datei- und Binärdaten, keinen lesbaren Nachrichtenartikel und keine überprüfbaren inhaltlichen Informationen.