Philosophinnen* und FLINTA*-Perspektiven erweitern den Würzburger Kanon
Am 30. Oktober 2026 beginnt an der Universität Würzburg eine Ringvorlesung, die den philosophischen Lehrkanon aus einer anderen Richtung betrachtet: „PHILOSOPHINNEN* FLINTA* Perspektiven in der Philosophie“. Bis zum 15. Januar 2027 geht es um philosophische Themen und Perspektiven aus FLINTA-Zusammenhängen – organisiert von Studierenden der Philosophie, vorgetragen von verschiedenen Wissenschaftlerinnen.
Die Veranstaltungen finden jeweils von 12:15 bis 13:34 Uhr in der Neuen Universität, Sanderring 2, Raum 126, statt. Eingeladen sind vor allem Studierende, Dozierende können ebenfalls dazukommen. Der Eintritt ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht nötig. Der Zugang zum Gebäude ist über den Nord-Zugang barrierefrei möglich.
Vorlesung, Mensa, Gespräch
Hinter der Reihe steht eine Initiative von Philosophie-Studentinnen für das Wintersemester 2026/27. Ihr Ausgangspunkt: Philosophinnen und FLINTA*-Perspektiven kommen in Seminaren, Vorlesungen und damit im traditionellen philosophischen Kanon aus Sicht der Initiatorinnen zu selten vor. Auch 2026 habe sich dieser Kanon kaum verändert. Simone de Beauvoir, Simone Weil, Hannah Arendt und teilweise Judith Butler würden zwar regelmäßig behandelt – viel mehr Namen tauchen im Studienalltag aber offenbar nicht automatisch auf.
Das Format ist deshalb als „Lunch-Lesson“ gedacht. Nach dem Vortrag ist ein gemeinsames Essen in der Mensa am Studentenhaus vorgesehen. Die Mensa wurde bewusst als finanziell zugänglicher Ort für Diskussion und Reflexion ausgewählt. Der Termin am Freitag soll möglichst vielen Studierenden die Teilnahme ermöglichen: auch Auswärtigen, Menschen mit Care-Aufgaben und Berufstätigen. Das Institut für Philosophie der Universität Würzburg unterstützt die Initiative vollständig. Die Organisatorinnen laden außerdem zu Diskussion und Vernetzung ein und bitten darum, die Informationen in eigenen Netzwerken weiterzugeben.
Fünf Termine, fünf Zugänge
- 30.10.2026: „Warum wir keine Zeit haben: Frigga Haug über Arbeit, Geschlecht und die Möglichkeit eines anderen Lebens“ – Dr. Alexander Colligs (Kassel)
- 20.11.2026: „Blinde Flecken und abgeschattete Perspektiven. Über Genderfragen in der philosophischen Problemgeschichte“ – Prof. Dr. Eva Schürmann (Magdeburg)
- 27.11.2026: „Den Kanon der theoretischen Philosophie erweitern“ – Prof. Dr. Anne Burkard (Göttingen)
- 11.12.2026: „Gender als politisches Kampffeld: Zwischen Emanzipation, Regulierung und rechter Mobilisierung“ – Dr.in Katharina Hajek (Wien)
- 15.01.2027: „Zwei Weisen das Mütterliche zu denken: Luisa Muraro und Sara Ruddick“ – Prof. Dr. Friederike Kuster (Wuppertal)
Die Angaben zum Lunch-Lesson-Format nennen für die Treffen freitags 12:15 bis 13:45 Uhr: zunächst eine Vorlesung, danach das Essen in der Mensa. Für die Ringvorlesung selbst ist als Veranstaltungszeit jeweils 12:15 bis 13:34 Uhr angegeben. Ein kleiner Unterschied auf dem Papier, praktisch dürfte er vor allem bedeuten: Wer bleiben will, hat nach dem Vortrag noch Zeit für Tisch, Teller und Gespräch.
Ein Kanon mit langen Schatten
Dass Frauen in der Philosophiegeschichte oft am Rand auftauchen, ist kein neues Problem. Marianna Florenzi (1802–1870), auch Marianna Florenzi Waddington genannt, war italienische Schriftstellerin, Philosophin und Übersetzerin. Sie erhielt eine literarische Ausbildung, beschäftigte sich intensiv mit philosophischen Werken und galt als Idealbild der gebildeten Frau sowie als Gastgeberin kultureller Salons. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte sie zu den ersten Frauen, die an der Universität Perugia Naturwissenschaften studierten.
Florenzi übersetzte Leibniz’ Monadologie und Schellings Bruno ins Italienische und förderte die Verbreitung der Werke von Kant, Spinoza und Schelling in Italien. 1850 veröffentlichte sie Überlegungen zu Sozialismus und Kommunismus; mehrere ihrer Werke wurden auf den Index Librorum Prohibitorum der katholischen Kirche gesetzt. Mit Ludwig I. von Bayern war sie befreundet und beriet ihn auch in Regierungsfragen. Erhalten sind rund 3.000 Briefe von ihr an Ludwig I. sowie etwa 1.500 Antwortschreiben.
Helene Stöcker (1869–1943) war Frauenrechtlerin, Sexualreformerin, Pazifistin, Autorin und Publizistin. 1896 begann sie ein Studium der Literaturgeschichte, Philosophie und Nationalökonomie. Frauen durften an deutschen Universitäten damals nur als Gashörerinnen und mit persönlicher Erlaubnis der Dozenten studieren; ein Abschluss war nicht möglich. Stöcker besuchte unter anderem Vorlesungen bei Wilhelm Dilthey und arbeitete an dessen Schleiermacher-Studien mit. Einige Professoren untersagten Frauen die Teilnahme an ihren Veranstaltungen. 1901 promovierte sie an der Universität Bern über die Kunstauffassungen der Romantik zum Dr. phil.
Die zeitgenössische Philosophie bezeichnet die gegenwärtige Periode der westlichen Philosophiegeschichte. Sie begann gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der Professionalisierung der Philosophie sowie dem Aufstieg der analytischen und kontinentalen Philosophie. In dieser Entwicklung fanden Frauen zwar zunehmend akademische Räume, selbstverständlich waren sie dort aber lange nicht.
Susanne Langer (1895–1985), eine US-amerikanische Philosophin des Geistes und Kunstphilosophin, gehörte zu den frühen Frauen mit akademischer Laufbahn in der Philosophie. Beeinflusst wurde sie unter anderem von Ernst Cassirer und Alfred North Whitehead. Langer war die erste US-amerikanische Philosophin, die breite öffentliche und fachliche Anerkennung erlangte. Bekannt ist vor allem ihr Werk Philosophy in a New Key von 1942. Darin vertrat sie die Auffassung, dass Menschen ein grundlegendes Bedürfnis haben, zu symbolisieren, Bedeutungen zu schaffen und ihrer Welt Bedeutung zu geben.
Von Arendt bis Butler
Hannah Arendt (1906–1975) wurde in Deutschland geboren und war später US-amerikanische politische Theoretikerin jüdischer Herkunft. Die Bezeichnung „Philosophin“ lehnte sie ab, weil Philosophie ihrer Ansicht nach den Menschen im Singular betrachte; sie selbst nannte sich politische Theoretikerin. Ihre Arbeit kreiste um Macht, Politik, direkte Demokratie, Autorität und Totalitarismus. Für ihre Analyse des Totalitarismus erlangte sie hohe Anerkennung in Fachkreisen, der Hannah-Arendt-Preis ist nach ihr benannt.
In Vita activa forderte Arendt ein neues Selbstverständnis des Menschen als aktiv handelndes Wesen. Sie entwickelte eine Philosophie der „Geburtlichkeit“, die an die Stelle einer auf Sterblichkeit ausgerichteten philosophischen Tradition treten sollte: Jeder Mensch bringt durch seine Geburt etwas Neues und Eigenständiges in die Welt. Arendt hob damit die Fähigkeit zum Anfangen und Beginnen hervor.
Simone de Beauvoir (1908–1986) war französische Schriftstellerin, Intellektuelle, existenzialistische Philosophin, politische Aktivistin, Feministin und Gesellschaftstheoretikerin. Auch sie bezeichnete sich selbst nicht als Philosophin, beeinflusste den feministischen Existenzialismus und die feministische Theorie jedoch maßgeblich. Sie schrieb Romane, Essays, Biografien, Autobiografien sowie philosophische, politische und gesellschaftstheoretische Werke. Ihr bekanntestes Buch, Das andere Geschlecht von 1949, analysiert die Unterdrückung von Frauen und gilt als Grundlagenwerk des zeitgenössischen Feminismus.
Elizabeth Anscombe (1919–2001), meist G. E. M. Anscombe genannt, war britische analytische Philosophin. Ihr Aufsatz Modern Moral Philosophy von 1958 prägte den Begriff „Konsequentialismus“ in der analytischen Philosophie. Sie beeinflusste die zeitgenössische Tugendethik entscheidend; ihre Monografie Intention gilt als ihr bedeutendstes und einflussreichstes Werk. Das Buch gab der philosophischen Diskussion über Absicht, Handlung und praktisches Denken wesentliche Impulse. Mary Warnock bezeichnete Anscombe als herausragende Philosophin, John Haldane als mögliche größte bekannte Philosophin.
Mary Midgley (1919
