FASD verursacht in Baden-Württemberg bis zu 19,8 Milliarden Euro pro Geburtsjahrgang
Eine Studie der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg beziffert die Lebenszeitkosten von Fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD) für Baden-Württemberg auf 11,1 bis 19,8 Milliarden Euro – und zwar für einen einzigen Geburtsjahrgang. Pro betroffenem Menschen ergeben sich demnach etwa 0,9 bis 1,5 Millionen Euro. Die von der AOK Baden-Württemberg finanzierte Untersuchung wurde in der Fachzeitschrift „Public Health“ veröffentlicht.
Die Zahlen beziehen sich auf den heutigen, inflationsbereinigten Vergleichswert. Kosten, die erst in Zukunft anfallen, wurden dafür umgerechnet. Je nach Annahmen, unter anderem zur Kostenentwicklung, entsteht die genannte Spanne. Ohne diese Umrechnung würden die Gesamtkosten pro Jahrgang bis zu 53 Milliarden Euro betragen.
Was in der Rechnung steckt
Berücksichtigt wurden unter anderem unterstütztes Wohnen, sonderpädagogische Förderung, psychiatrische Versorgung, alkoholbezogene Folgeerkrankungen und Produktivitätsverluste. Nicht eingerechnet sind dagegen die allgemeine medizinische Versorgung, die Pflege durch Angehörige, vorzeitige Sterblichkeit und Einschränkungen der Lebensqualität. Die tatsächliche gesellschaftliche Belastung könnte daher noch höher liegen.
Alkoholkonsum während der Schwangerschaft zählt zu den häufigsten vermeidbaren Ursachen lebenslanger gesundheitlicher Beeinträchtigungen bei Kindern. Studien weisen zugleich auf eine erhebliche Dunkelziffer hin. Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen trinken in manchen deutschen Regionen bis zu 38 Prozent der Schwangeren Alkohol. Eine internationale Schätzung kommt auf etwa 9,8 Prozent der Frauen weltweit.
Im Durchschnitt bringt eine von 67 dieser Frauen ein Kind mit dem Vollbild des Fetalen Alkoholsyndroms (FAS) zur Welt. FAS ist unter anderem mit Störungen des zentralen Nervensystems, Wachstumsstörungen und Fehlbildungen verbunden. Die verschiedenen Formen vorgeburtlicher Schädigungen werden unter dem Begriff FASD zusammengefasst: Dazu gehören angeborene Fehlbildungen, geistige Behinderungen, hirnorganische Beeinträchtigungen, Entwicklungsstörungen und ausgeprägte Verhaltensauffälligkeiten.
Ein Leben, das oft anders läuft
FASD kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein, was die Diagnostik erschwert. Menschen mit FASD haben häufig in allen Lebensphasen Schwierigkeiten, besonders bei der Alltagsbewältigung. Ursache sind Schädigungen des Frontalhirns und daraus resultierende Störungen der Exekutivfunktionen – also jener Fähigkeiten, die Planung, Steuerung und Kontrolle im Alltag ermöglichen. Nur wenige Jugendliche und Erwachsene mit FASD können ein selbstbestimmtes Leben in der Gesellschaft führen.
Eine frühe Diagnose gilt als wichtiger schützender Entwicklungsfaktor. Wenn die Ursache bekannt ist, lassen sich Auffälligkeiten als Folge einer Hirnschädigung einordnen – nicht als Persönlichkeitsmerkmal oder Erziehungsfehler. Vor der FASD-Diagnose sollten genetische Erkrankungen mit ähnlichen körperlichen Merkmalen und Verhaltensauffälligkeiten ausgeschlossen werden, darunter das Dubowitz-Syndrom und das Cornelia-de-Lange-Syndrom.
In Deutschland gibt es seit 2012 die S3-Leitlinie „Fetale Alkoholspektrumstörungen (FASD) bei Kindern und Jugendlichen – Diagnostik & Intervention“. Überarbeitet wurde sie 2016 und 2024. Entstanden ist sie mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit und unter der Schirmherrschaft der Drogenbeauftragten. Kinderärzte und Sozialpädiatrische Zentren sollen dadurch vorgeburtliche Alkoholexposition erkennen und FASD diagnostizieren können.
Zur FASD-Diagnostik gehören Wachstumsauffälligkeiten, auffällige Gesichtsmerkmale, Auffälligkeiten des zentralen Nervensystems sowie eine bestätigte oder nicht bestätigte intrauterine Alkoholexposition.
Hilfe, Aufklärung und ein kleiner Otter
FASD Deutschland e. V. informiert über das Leben mit Fetalen Alkoholspektrumstörungen und bietet Hilfe und Beratung, regionale Selbsthilfegruppen sowie ein Forum an. Das Portal enthält außerdem Informationen zu FASD, Fachtagungen, Terminen und Veranstaltungen.
Auch die aktuellen Vereinsangebote sind ziemlich handfest: 2026 wurden bisher 11.000 Sunflower-Lanyards verschickt. Die Präventionsbroschüre „Game of Life – Hannahs Quest“ richtet sich als Comic an Teenager. Die Figur „Kugy“ gibt es inzwischen auch als Ausmalvorlage. Neuigkeiten verbreitet der Verein über einen WhatsApp-Kanal, Informationen sollen zunehmend in einfacher Sprache bereitgestellt werden.
Am 9. September finden jährlich Aktionen zum Tag des alkoholgeschädigten Kindes statt. Die Geschichte „Kugy ist anders“ erzählt von einem kleinen Otter, der von anderen Otterkindern nicht mitspielen gelassen wird. Ein schlichtes Bild, aber eines, das hängen bleibt.
Wer sich weiter informieren möchte, findet beim Verein auch Hinweise auf Unterstützung und Beratung. Gerade an einem Ort wie der Uni Heidelberg, wo medizinische Forschung und Versorgung eng beieinanderliegen, wirken die Milliardenbeträge aus der Studie nicht wie eine ferne Rechengröße. Sie führen zurück zu Diagnosen, Familien, Schulen und zu den vielen kleinen Verrichtungen, die im Alltag eben nicht von selbst funktionieren.
