In Baden-Württemberg sind am vergangenen Wochenende Zehntausende junge Menschen auf die Straße gegangen. Sie demonstrierten für bessere Zukunftsperspektiven, gegen Unsicherheit und fehlende Arbeitsplätze, gegen steigende Lebenshaltungskosten – und für mehr politisches Zuhören und Empathie. Die meisten Proteste verliefen friedlich. In Stuttgart allerdings blieb es wiederholt unruhig.

Am 5. November 2026 waren die Demonstrationen Thema im Landtag von Baden-Württemberg. Die SPD-Fraktion hatte Vertreterinnen und Vertreter von Jugendorganisationen und Verbänden eingeladen. Für Abdi Ahmed, den 19-jährigen Vorsitzenden des Landesjugendbeirats und Juso-Mitglied, war die Debatte wichtig: Seit der Konstituierung des Landesjugendbeirats im Vorjahr sei dieser nicht zu einer Landtagsdebatte eingeladen worden.

Johannes Stahl vom Landesschülerbeirat kritisierte, die Politik habe aus den Demonstrationen bisher keine konkreten Maßnahmen abgeleitet. Jugendliche müssten genauer formulieren, was die Politik bearbeiten solle. Die hohe Beteiligung bewerteten Vertreter der Jugendorganisationen positiv – von Gewalt und Ausschreitungen am Rand der Stuttgarter Proteste distanzierten sich Landesjugendbeirat, Landesschülerbeirat und weitere Jugendverbände allerdings klar.

Wut auf der Straße, offene Fragen im Landtag

Ahmed bemängelte, Organisatorinnen und Organisatoren hätten teilweise hingenommen, dass einzelne Personen Raketen einsetzten, sich vermummten und Sachbeschädigungen begingen. Ein 18-Jähriger aus dem Organisationsteam der Stuttgarter Demonstration, der im Interview unter dem Namen „Ben“ auftrat, sagte dagegen, herkömmliche Protestformen würden nur noch eingeschränkt helfen. Die Wut auf der Straße solle zeigen, dass viele mit der Regierung und ihrer Politik unzufrieden seien.

Das Organisationsteam distanzierte sich laut Bericht nicht von der Gewalt und verwies zugleich auf Gewalt durch die Polizei. Nach Darstellung von Ben sollte die Verlegung der Route von der Fußgängerzone auf die B14 den Protest weniger sichtbar machen. Stuttgart kündigte nach den Protesten ordnungsrechtliche Konsequenzen an. Ordnungsbürgermeister Clemens Maier sprach von erheblichen Verstößen gegen Auflagen und Verhalten gegenüber der Polizei: genannt wurden das Vermummungsverbot, das Abweichen von der festgelegten Route und das Zünden von Böllern.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Die Stuttgarter Polizei registrierte bis zum späten Abend rund 50 Straftaten, vor allem wegen Vermummung und Pyrotechnik. Hinzu kamen einzelne Sachbeschädigungen. Es wurden geworfene Böller, gezündete Rauchtöpfe, angezündete Mülleimer und Graffiti entlang eines Abschnitts mit abweichender Routenführung gemeldet. Eine Auflösung der Demonstration sei während des regulären Verlaufs nicht erforderlich gewesen.

Nach dem Ende der Stuttgarter Versammlung weigerte sich eine kleine Gruppe, den Marienplatz zu verlassen. Die Polizei wurde mit Flaschen und anderen Gegenständen beworfen, zwei Beamte wurden verletzt. Mehrere Personen nahm die Polizei vorläufig fest, Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet. Insgesamt nahmen laut Polizei rund 6.000 Menschen an der Demonstration teil. Fünf Polizeibeamte wurden leicht verletzt, blieben aber dienstfähig. Nach 22 Uhr war die Lage laut Polizei ruhig; Einsatzkräfte blieben in der Innenstadt und beobachteten die Situation weiter.

Auch andernorts gab es am Abend teilweise Ausschreitungen. In Frankfurt wurden Geschäfte geplündert, darunter laut „hessenschau“ ein Schuhgeschäft; auch ein Waffengeschäft wurde angegriffen. Die Polizei sperrte die Einkaufsstraße Zeil. In Bremen wurden Polizisten getreten, geschlagen und mit Flaschen beworfen. In Hamburg rissen Vermummte nahe dem Hauptbahnhof Baustellenabsperrungen heraus und warfen sie auf die Straße. Eine Barrikade wurde angezündet, die Polizei löschte den Brand mit einem Wasserwerfer und setzte teilweise Pfefferspray ein.

In Hamburg und Köln ging die Polizei unter anderem wegen Pyrotechnik gegen Demonstrierende vor, größere Ausschreitungen blieben dort zunächst aus. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurden in baden-württembergischen Städten zunächst keine weiteren Vorfälle im Zusammenhang mit den „Gen Z regelt“-Demonstrationen gemeldet. Ulm, Mannheim und Freiburg blieben laut Polizei ohne größere Vorkommnisse.

In Karlsruhe versammelten sich nach der offiziellen Demonstration rund 800 Personen zu einem Spontanaufzug auf der Kaiserstraße. Einzelne Personen versuchten erneut, eine Sitzblockade zu errichten. Die Polizei verhinderte dies und löste die Gruppe nach erfolglosen Aufforderungen zum Weggehen auf. Eine kleinere Restgruppe zog trommelnd und skandierend weiter, wurde gestoppt und zur Auflösung aufgefordert. Sie rief wiederholt „Wir sind mehr“, die Lage blieb zunächst ruhig.

Was junge Menschen verändern wollen

Ein Teilnehmer aus Mannheim sagte, er sehe derzeit keine realistische Möglichkeit, sich später eine Wohnung oder ein Haus leisten zu können. Nach Angaben von Ahmed beschäftigen die Jugendlichen vor allem steigende Lebenshaltungskosten, ein dauerhaft bezahlbares Ticket für Busse und Bahnen sowie eine stärkere Beteiligung junger Menschen an politischen Entscheidungen.

Politikwissenschaftlerin Nina Kolleck nennt als verbindende Themen der Gen Z den schlechten Zustand des Bildungssystems und von Schulgebäuden, unsichere Zukunftsaussichten und hohe Lebenshaltungskosten. Bei einzelnen Themen, etwa der Wehrpflicht, bestehe innerhalb der Gruppe Uneinigkeit. Jugendliche aus Baden-Württemberg äußerten außerdem Verständnis für Schülerproteste in Frankreich; einige Schülerinnen und Schüler aus Heidelberg kannten die dortigen Bedingungen aus eigener Erfahrung.

Der Landesjugendbeirat fordert, dass Jugendgremien und Verbände bei Gesetzesvorhaben verpflichtend im Landtag angehört werden. Weitere Jugendorganisationen wollen die Beteiligung über Jugendgemeinderäte und Schülerräte stärken. Der Landesschülerbeirat fordert zusätzlich eine Strategie gegen Kinderarmut.

Landesjugendbeirat, Landesschülerbeirat und der Verband der Jugendgemeinderäte wollen die politischen Inhalte der Gen-Z-Proteste künftig stärker in den Mittelpunkt rücken. Manuel Bernlöhr vom Verband der Jugendgemeinderäte sagte, die Proteste sollten friedlich bleiben und die Themen der Jugendlichen in die Politik tragen. Der kleine Teil der Gewalttätigen solle kein Gehör finden.

Die Jugendorganisationen prüfen, wie sie sich künftig stärker an der Organisation von Protesten beteiligen können. Ahmed räumte ein, dass sie bei den vergangenen Demonstrationen möglicherweise früher hätten eingreifen oder sich einbringen können. Ihre Erfahrung bei der Demonstrationsorganisation soll helfen, politische Inhalte sichtbarer zu machen. Außerdem sollen junge Menschen angesprochen werden, die aus Sorge vor Zuständen wie bei Protesten in Frankreich nicht an den vergangenen Demonstrationen teilgenommen haben.

Sozialminister Oliver Hildenbrand (Grüne) begrüßte das Engagement und die Proteste der jungen Generation. Jugendliche sollten nicht erst demonstrieren müssen, um Gehör zu finden, sagte er. Die Landesregierung müsse ihre Jugendbeteiligung verbessern. In Baden-Württemberg gibt es bereits mehrere Gremien zur Beteiligung Jugendlicher. Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) hatte im Mai die Einrichtung eines eigenen Jugendberaterkreises angekündigt.

SPD-Politiker Sascha Binder kritisierte, die Landesregierung höre zu wenig auf die von ihr selbst eingesetzten Beiräte. Jugendliche müssten ernst genommen werden, aus den Gesprächen müsse konkrete Politik für junge Menschen entstehen.

Zwischen internationalem Vorbild und eigener Bewegung

Weltweit gehen junge Menschen der Generation Z auf die Straße, etwa in Nepal, Madagaskar, Marokko, Albanien und Frankreich. 2025 sorgten jugendgeprägte Protestbewegungen in Nepal, Madagaskar und Marokko international für Aufmerksamkeit. Der CIVICUS-Bericht 2026 beschreibt, wie sich junge Menschen über soziale Medien vernetzen, Forderungen formulieren und politischen Druck ausüben.

Ob daraus politische Wirkung entsteht, hängt laut dem Artikel nicht allein von Wut ab. Entscheidend sind konkrete Forderungen, Verantwortliche, Organisation und anhaltendes Engagement. In Deutschland wächst das Interesse an politischem Widerstand. Das Institut für Generationenforschung beobachtet, dass junge Menschen ihre passive Zuschauerrolle verlassen und öffentlich Einfluss nehmen wollen.

Offen ist, ob in Deutschland eine eigenständige politische Bewegung entsteht oder ob die Proteste hauptsächlich durch internationale Bilder in sozialen Medien angeregt werden. Reichweite und Mobilisierung führen laut dem Institut jedenfalls nicht automatisch zu politischer Veränderung. Welche konkreten Veränderungen werden gefordert? Wer ist für ihre Umsetzung verantwortlich? Und wie lange hält das Engagement an, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit abflaut?

Als gemeinsame Themen internationaler Jugendproteste nennt der Generationenforscher Rüdiger Maas fehlenden Fortschritt, die Sorge, den Lebensstandard der Eltern nicht halten zu können, und fehlende Zukunftsperspektiven. Das Institut beobachtete Proteste vor Ort in Albanien und Frankreich und sprach mit