Hitzesommer 2026: Über 50.000 Tote durch extreme Temperaturen in Europa
Der Sommer 2026 hat Europa nicht nur ins Schwitzen gebracht, sondern auch eine erschütternde Zahl hinterlassen: Laut einer Studie starben infolge extremer Temperaturen mehr als 50.000 Menschen. Forschende sprechen vom tödlichsten Hitzesommer Europas seit Beginn der Modellierungen im Jahr 2000.
Clair Barnes, Klimaforscherin am Imperial College London, bezeichnete den Sommer 2026 als wahrscheinlich schlimmsten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen hinsichtlich hitzebedingter Sterblichkeit in weiten Teilen Europas. Rund 65 Prozent der Todesfälle – in der Studie etwa zwei Drittel – werden der durch Treibhausgase verursachten Erderwärmung zugerechnet.
Fast ein Drittel starb während einer kurzen Hitzeperiode
Untersucht wurden Daten aus 854 städtischen Gebieten und urbanen Zentren in 27 EU-Staaten sowie Großbritannien, Norwegen und der Schweiz. In diesen Regionen lebt rund 40 Prozent der Gesamtbevölkerung der 30 Länder. Wissenschaftler:innen des Imperial Grantham Institute, des Imperial College London und der London School of Hygiene & Tropical Medicine werteten historische Daten seit 2000 aus, verglichen ihre Berechnungen mit tatsächlich erfassten Sterbefällen und modellierten ein hypothetisches Szenario ohne die zusätzliche Erwärmung durch den menschengemachten Klimawandel. Aus der Differenz leiteten sie die Zahl der klimawandelbedingten Todesfälle ab.
Besonders heiß war die Zeit vom 17. Juni bis 1. Juli 2026. Auf diese Hitzeperiode entfiel fast ein Drittel aller geschätzten Todesfälle. Nach den Angaben von Wetterforscher:innen lagen die Durchschnittstemperaturen dabei fünf Grad über den Vergleichswerten von 1991 bis 2020. Für Westeuropa lag die Sommertemperatur im Mittel 2,9 Grad über diesem Referenzzeitraum.
Zum Vergleich: Für den Sommer 2022 wurden rund 29.000 Hitzetote geschätzt, 2003 waren es rund 28.000. Der dem Klimawandel zugeschriebene Anteil lag 2022 bei 59 Prozent. Auch in traditionell kühleren Ländern starben Tausende Menschen. Für Großbritannien errechnete die Studie rund 4.500 Hitzetote, für Deutschland schätzte das Robert Koch-Institut rund 16.000 hitzebedingte Todesfälle.
Nicht nur ältere Menschen betroffen
Rund 6.000 der geschätzten 50.000 Todesopfer waren jünger als 65 Jahre. Die Hitze traf also nicht ausschließlich ältere Menschen, auch wenn diese die größte Risikogruppe bleiben. In einer weiteren Auswertung britischer Forscher machten Menschen über 65 etwa 85 Prozent der hitzebedingten Todesfälle aus.
Besonders stark betroffen waren Süd- und Westeuropa. Eine Untersuchung zu 854 europäischen Städten kam auf 24.400 Todesfälle durch extreme Hitze; davon wurden rund 16.500 – also 68 Prozent – dem Klimawandel zugeschrieben. In Rom wurden 835 zusätzliche Hitzetote geschätzt, in Athen 630, Paris 409, Madrid 387, Bukarest 360, London 315 und Berlin 140.
Der Klimawandel erhöhte die Temperaturen in den untersuchten Städten im Durchschnitt um 2,2 Grad Celsius, örtlich sogar um bis zu 3,6 Grad. Schon zwei bis vier Grad mehr während Hitzewellen können nach Einschätzung der Forschenden zu Tausenden zusätzlichen Todesfällen führen. Eine Studie der Initiative World Weather Attribution kam außerdem zu dem Ergebnis, dass die Tageshöchstwerte und Nachttemperaturen der Hitzetage Ende Juni vor rund 50 Jahren praktisch unmöglich gewesen wären.
Städte unter Druck
Viele europäische Städte sind nach Einschätzung der Wissenschaftler:innen unzureichend auf steigende Temperaturen und häufigere Hitzewellen vorbereitet. Der Epidemiologe Pierre Masselot fordert deshalb einen Ausbau der Schutzmaßnahmen: mehr Grünflächen, weniger Umweltverschmutzung und eine bessere medizinische Versorgung. Gerade in dicht bebauten Vierteln bleibt die Wärme nachts zwischen Asphalt und Hausfassaden hängen – ein Umstand, der sich nicht einfach weglüften lässt.
Die alternde Bevölkerung Europas verschärft die Lage zusätzlich. Forschende erwarten eine wachsende Gefahr für ältere Menschen und eine zunehmende Belastung der Gesundheitssysteme. Echtzeitstatistiken zu Hitzetoten gibt es derzeit nicht; viele Todesfälle werden gar nicht als hitzebedingt gemeldet.
Die Zahlen aus der Städteauswertung bilden ohnehin nur einen Ausschnitt ab: Die untersuchten Städte umfassen etwa 30 Prozent der europäischen Bevölkerung. Die Angaben beruhen auf Modellrechnungen und wurden noch nicht durch ein unabhängiges Peer-Review-Verfahren geprüft. Die Untersuchung soll vor allem einen schnellen Überblick über klimabedingte Hitzetote geben. Die beteiligten Wissenschaftler bezeichnen ihre Methoden als wissenschaftlich fundiert und die Schätzungen als vorsichtig – die tatsächliche Zahl könne also noch höher liegen.
Am RWTH-Standort in Aachen endet der Blick auf diesen Sommer deshalb nicht bei Thermometerwerten. Hinter jeder Modellrechnung stehen Menschen, Familien, überlastete Kliniken und Nächte, in denen selbst das offene Fenster keine Erleichterung mehr brachte.
