HU-Senat lehnt Prüfung der Kooperationen mit israelischen Universitäten ab
Am heutigen 20. Oktober 2026 hat der Senat der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) nach einer Aussprache einen Antrag der Studierendenvertretung abgelehnt. Eine Arbeitsgruppe sollte die Kooperationen der HU mit israelischen Universitäten überprüfen. Senatsmitglieder kritisierten, dass sich der Antrag ausschließlich auf israelische Einrichtungen bezog und nicht sämtliche Kooperationspartner einbezog. Außerdem warnten sie vor einer pauschalen Verurteilung israelischer Hochschulen, die sich häufig kritisch zur Politik der Regierung Netanjahu äußerten.
HU-Präsidentin Julia von Blumenthal erklärte, die Universität stehe für eine verantwortliche Internationalisierung. Akademische Partnerschaften würden so lange wie möglich aufrechterhalten, zugleich aber sorgfältig geprüft. Israelische Universitäten seien Partner in einem demokratischen System, dessen Grundrichtung die HU teile. Universitäre Partnerschaften seien dabei unabhängig von der Haltung zur jeweiligen Regierung.
Ein Streit, der an der HU längst schwelt
Hintergrund der Debatte sind Forderungen, die Zusammenarbeit mit israelischen Einrichtungen auch im wissenschaftlichen Bereich zu beenden. Das Studierendenparlament der HU hatte am 9. Juli mehrheitlich für einen Antrag der Linken Liste gestimmt. Darin wurde die Beendigung der institutionellen Zusammenarbeit mit israelischen Universitäten verlangt. Zur Begründung verwiesen die Studierenden unter anderem auf eine vermeintliche Beteiligung von Kooperationspartnern an „Genozid, Besatzung, Apartheid und/oder weiteren Menschenrechtsverletzungen“ gegen Palästinenserinnen und Palästinenser.
Das HU-Präsidium hob den Beschluss teilweise auf. Damit sollte nach eigener Darstellung einem Klima entgegengewirkt werden, in dem sich insbesondere jüdische und israelische Studierende wegen ihrer Herkunft oder ihres Glaubens durch Organe der Studierendenschaft bedroht fühlten. Zugleich erklärte sich das Präsidium zu Gesprächen bereit – allerdings nur, wenn die Debatte faktenbasiert sowie offen und respektvoll geführt werde. Die Zusammenarbeit mit israelischen Partnereinrichtungen solle fortgeführt, internationale Kooperationen fortlaufend nach rechtlichen und wissenschaftlichen Maßstäben geprüft werden.
Bereits bei früheren Forderungen nach einem akademischen Boykott hatte von Blumenthal erklärt, solche Maßnahmen könnten demokratische Kräfte schwächen. Besonders betroffen seien aus ihrer Sicht israelische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich gegen Polarisierung und Radikalisierung engagierten, das Leid von Zivilpersonen auf beiden Seiten anerkannten und eine friedliche Konfliktlösung unterstützten.
Seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2022 und dem anschließenden Gaza-Krieg gibt es an mehreren deutschen Hochschulen Forderungen nach einem akademischen Boykott israelischer Einrichtungen. Auch die Freie Universität Berlin (FU) war mit entsprechenden Aufrufen konfrontiert. Ihr Präsident Günter Ziegler lehnte im April 2026 eine Beendigung der Kooperationen ab und bezeichnete israelische Hochschulen als plurale, demokratische Institutionen mit kontroversen internen Debatten.
Im selben Zeitraum forderte das Studierendenparlament der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ein Ende der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit israelischen Universitäten, um Israel zur Einhaltung internationalen Rechts und zur Beendigung des „Genozids“ zu bewegen. HHU-Rektorin Anja Steinbeck wies das zurück. Die Abschottung einer Demokratie von einer anderen sei keine angemessene Antwort auf politische Konflikte; Ziel seien Dialog, Austausch und gemeinsame Wissensproduktion. Auch die Hochschulleitungen der Universitäten Göttingen, Leipzig und Mainz lehnten Boykottforderungen gegen israelische Partnerinstitutionen ab.
Viele Studierende positionierten sich ebenfalls gegen einen Abbruch der wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Im März entzogen Studierende der Berliner Hertie School ihren Vertreterinnen und Vertretern in einer Abstimmung das Vertrauen. Zuvor hatte die Hertie Student Representation (HSR) ihre Unterstützung für die Boycott, Divestment and Sanctions-Bewegung (BDS) erklärt.
Boykott als politischer Hebel
Drei Jahre nach der Eskalation des Kriegs in Gaza entstand unter dem Dach der Academic Boycott Campaign Deutschland (ABC DE) ein Netzwerk universitärer Solidaritätskollektive. Seine zentrale Forderung: institutionelle Verbindungen zwischen deutschen Hochschulen und israelischen Wissenschaftseinrichtungen sollen beendet werden. Der Aufruf orientiert sich laut Artikel an den PACBI-Richtlinien. Diese unterscheiden zwischen israelischen Einzelpersonen und Institutionen, verlangen die Anerkennung palästinensischer Rechte gemäß Völkerrecht und die Beendigung institutioneller Beteiligung an deren Verletzung.
Robin Celikates und Yves Winter verteidigten den Boykott öffentlich und ordneten ihn in historische Traditionen gewaltfreien Widerstands ein. Der Ansatz bleibt umstritten: Die Ausgrenzung israelischer Institutionen wird in dieser Argumentation nicht mit der Nationalität einzelner Forschender begründet, sondern mit der institutionellen Beteiligung an Verletzungen palästinensischer Rechte. Kooperationen mit einzelnen „kritischen“ israelischen Wissenschaftlern gelten dabei weiterhin als Zusammenarbeit mit israelischen Institutionen und damit mit israelischem Kapital.
Der zugrunde liegende Artikel beschreibt Wissenschaft im Kapitalismus als Arbeitsprozess, der zur Organisation und Steigerung von Kapital beiträgt. Forschung erhöht demnach die Produktivität der Arbeit; technische Innovationen sollen Kosten senken, Beschäftigte ersetzen und Mehrwert steigern. Akademische Freiheit erscheint in dieser Lesart als rechtliche und ideologische Grundlage wissenschaftlicher Lohnarbeit.
Unterschieden werden drei Bereiche: Grundlagenforschung zu allgemeinen wissenschaftlichen Gesetzen, also „upstream“, die Anwendung dieser Erkenntnisse auf konkrete Produktionsprozesse, „downstream“, sowie die Ausbildung wissenschaftlich qualifizierter Arbeitskräfte. Historisch verlagerte sich Forschung und Entwicklung von praktischen Innovationen innerhalb der Produktion in eigenständige, institutionalisierte Forschungseinrichtungen.
Nach den 1980er Jahren bauten große US-Unternehmen ihre interne Grundlagenforschung teilweise ab. Die Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen aus Unternehmen sank, während die Zahl der Patente stieg. Laut einer im Artikel zitierten Studie steigerten Unternehmen so den Ertrag pro investiertem Forschungsdollar. Grundlagenforschung wurde zunehmend an Universitäten und Forschungszentren ausgelagert; kleinere wissenschaftliche Abteilungen blieben, um vielversprechende Entwicklungen zu identifizieren und patentieren zu lassen. Universitäten und Forschungsparks werden dadurch zu Orten, an denen die Kosten der Grundlagenforschung kollektiv getragen und Forschungsergebnisse anschließend privatisiert werden.
Als Beispiel nennt der Artikel die deutsch-israelische Kooperation bei einem KI-System zur Zielerfassung und Gesichtserkennung. Die Max-Planck-Gesellschaft gründete 1985 gemeinsam mit dem Technion und mit deutscher staatlicher Finanzierung ein Minerva-Zentrum in Israel. Dessen Gründer Yehoshua Zeevi nutzte das Zentrum auch als Grundlage und Rekrutierungsstätte für sein Unternehmen Cortica Ltd. Daraus entstand Corsight, ein von Israel eingesetztes KI-System zur Gesichtserkennung. Das Patent für Corsight verweist auf gemeinsam verfasste und frei zugängliche wissenschaftliche Arbeiten.
Israel investierte laut OECD-Schätzung 2023 insgesamt 6,96 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung. 93,39 Prozent dieser israelischen Forschung und Entwicklung wurden laut Artikel von Unternehmen durchgeführt. Der israelische Staat unterstützt Unternehmen durch Forschungsinfrastruktur und institutionelle Rahmenbedingungen; daraus entwickelte sich laut Artikel das Modell der „Start-up-Nation“. In der israelischen Armee gibt es dem Artikel zufolge eine Position, die ausschließlich die Militarisierung von Forschung mit israelischer Beteiligung ermöglicht.
Für die Aufrechterhaltung seines Hightech-Sektors ist Israel auf internationale wissenschaftliche Kooperationen und gemeinsame Forschungsprojekte angewiesen. Deutschland erhält über das EU-Programm Horizon Europe Zugang zu umfangreicher Grundlagenforschung; Israel liefert im Gegenzug Erfahrungen bei der praktischen und kommerziellen Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Die im Artikel erwähnte „Academic-Complicity-Karte“ verzeichnet zahlreiche Kooperationen zwischen deutschen und israelischen Einrichtungen: Derzeit laufen 225 gemeinsame Projekte. Deutschland verfügt über 470 institutionelle Verbindungen, darunter von deutschen Stiftungen und der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Projekte sowie Hochschulpartnerschaften. Der akademische Boykott soll deshalb als politischer Hebel wirken, um Israel von internationalen Wissens- und Forschungsnetzwerken abzuschneiden.
Warum deutsche Hochschulen im Zentrum stehen
Die starke Ausrichtung der ABC DE auf den Boykott israelischer Institutionen wird mit der Struktur deutscher Hochschulen erklärt. Deutsche Universitäten werden überwiegend staatlich finanziert und operieren im Gegensatz zu vielen britischen Privatuniversitäten nicht als Investmentfonds. Deshalb stehen in Deutschland institutionelle Boykottforderungen stärker im Vordergrund als Desinvestitionsforderungen.
Ein Vergleich der FU Berlin mit der London School of Economics soll den Unterschied zeigen: An der LSE machen Studiengebühren einen größeren Teil der Einnahmen aus, während die FU Berlin den überwiegenden Teil ihres Budgets direkt vom Staat erhält. Diese staatliche Finanzierung ermöglicht laut Artikel weitreichende Eingriffe in die Hochschulautonomie. Genannt werden die Absage eines Vortrags von Francesca Albanese an der FU
