An der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg starten im Wintersemester 2026/27 rund 3.000 Erstsemester. Vor drei Jahren waren es noch knapp 2.400, im vergangenen Jahr rund 2.700. Der Aufwärtstrend setzt sich damit fort.

Mehr als 13.100 Menschen studieren inzwischen an der Universität – mehr als im Vorjahr. Nach vorläufigen Zahlen haben 44 Prozent der Studierenden eine ausländische Staatsangehörigkeit. Sachsen-Anhaltweit liegt dieser Anteil im Durchschnitt bei rund 22 Prozent. Magdeburg zieht internationale Studierende also auffallend stark an. Gleichzeitig sorgt der AfD-Wahlsieg bei vielen von ihnen für Verunsicherung.

Willkommen – trotz neuer Sorgen

Rektor Jens Strackeljan sieht bislang keine Anzeichen dafür, dass internationale Studierende oder Wissenschaftler Sachsen-Anhalt wegen des AfD-Wahlerfolgs meiden. In jüngsten Berufungsgesprächen habe es nach seinen Angaben keine Absagen wegen des Wahlergebnisses gegeben. Einige Bewerber hätten sogar erklärt, gerade jetzt zur positiven Entwicklung Sachsen-Anhalts beitragen zu wollen.

Zum Wintersemester verzeichnet die Universität erneut einen Zuwachs internationaler Studierender. Laut Strackeljan sind rund 5.500 internationale Studierende an der Hochschule eingeschrieben. Die Universität beobachtet zugleich, wie internationale Studierende und Beschäftigte außerhalb des Campus behandelt werden. Verbale Angriffe oder Anfeindungen könnten im Bus passieren, in öffentlichen Einrichtungen, beim Sport oder beim Fußball.

Eine Sicherheitsgarantie außerhalb des Campus könne die Universität nicht geben, sagt der Rektor. Aufmerksam wolle sie trotzdem sein, Vorfälle wahrnehmen und reagieren. Internationalen Studierenden soll vermittelt werden, dass sie weiterhin willkommen sind und Unterstützung bekommen. Die politischen Rahmenbedingungen könnten sich verändert haben, betonte Strackeljan – die Botschaft bleibe aber dieselbe: Internationale Studierende und Wissenschaftler seien in Sachsen-Anhalt willkommen.

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Auch wirtschaftlich hat das Gewicht. Sachsen-Anhalt brauche die Menschen, weil sonst Fachkräfte, Wissen und Ideen fehlten. Strackeljan verwies außerdem auf rund 40 begleitete Gründungsvorhaben, von denen viele international geprägt seien. Es wäre nach seiner Einschätzung falsch, internationalen Studierenden und Wissenschaftlern den Zugang zu verwehren.

Nachrichten mit Fragen im Bauch

Deeban Mathivanan lebt seit zehn Jahren in Magdeburg. An der Otto-von-Guericke-Universität hat er zwei Masterabschlüsse erworben, auf dem Campus engagiert er sich weiterhin. Im Verein „Magdeburg Indians e.V.“ hilft er indischen Studierenden beim Start in der Stadt – bei den ersten Schritten, den Formularen und vermutlich auch bei den kleinen Dingen, die niemand in einer Willkommensbroschüre erklärt.

Nach dem Wahlerfolg der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bekam Mathivanan besorgte Nachrichten aus seinem Umfeld. Die Fragen dahinter sind ziemlich direkt: Sind wir in Magdeburg und Sachsen-Anhalt sicher? Wie entwickelt sich unsere Zukunft? Können wir unser Studium in Vollzeit fortsetzen?

Rund 40 Prozent der Studierenden der Universität Magdeburg kommen aus dem Ausland, die meisten aus Indien. In den vergangenen Jahren hat die Hochschule eine Willkommenskultur aufgebaut, die internationale Studierende und Beschäftigte integrieren und ihnen Sicherheit geben soll. Nach der Wahl erklärte Strackeljan auf Instagram, internationale Studierende und Beschäftigte gehörten zur Universität und seien weiterhin willkommen. Die erreichte Willkommenskultur werde die Universität gegen Angriffe verteidigen.

Am 26. August blieben in Magdeburg zahlreiche Geschäfte geschlossen. Geschäftsinhaber protestierten gegen Rassismus und Ausgrenzung und verwiesen auf die Bedeutung migrantischer Betriebe. Ein stiller Tag in den Einkaufsstraßen, aber mit einer deutlichen Botschaft.

Zwischen Labor, Straße und Zukunftsplanung

In technischen und naturwissenschaftlichen Fachbereichen arbeiten viele internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der aus Indien stammende Wissenschaftler Prathamesh Kadam hatte vor der Wahl keine fremdenfeindlichen Erfahrungen gemacht. Seitdem nimmt er Blicke auf der Straße anders wahr, fühlt sich angespannt und sorgt sich um seine Zukunft.

An der Universität fühlt sich Kadam wertgeschätzt und möchte bleiben. Gleichzeitig erwägt er, in einem anderen Bundesland nach Arbeit zu suchen, falls er nicht in einer feindlichen Umgebung leben möchte. Welche Regierung Sachsen-Anhalt erhält und welche Politik sie verfolgt, ist noch offen. Die Regierungsbildung ist nach der Landtagswahl schwierig, die künftige Politik des Landes unklar.

Die AfD kündigte in ihrem Wahlprogramm an, auf „kulturfremde Fachkräfte“ verzichten zu wollen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wandte sich gegen völkische Positionen und erklärte, zum deutschen Volk gehörten auch Menschen, die nach Deutschland hinzugekommen seien.

Warum Magdeburg für internationale Studierende attraktiv ist, hat deshalb nicht nur mit Hörsälen, Forschung und vergleichsweise kurzen Wegen zu tun. Es geht auch um das Gefühl, bleiben zu können. Mathivanan hat inzwischen zwei eigene Unternehmen und könnte nach eigenen Angaben überall arbeiten. Trotzdem möchte er wegen seiner Freunde und seines Lebensmittelpunkts in Magdeburg und Sachsen-Anhalt bleiben.

Wer bleibt, zählt für das Land

Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes hat die wirtschaftliche Bedeutung ausländischer Studierender untersucht. Danach bleiben 59 Prozent der internationalen Studierenden mindestens neun Jahre in Deutschland, wenn sie sich mindestens ein Jahr dort aufgehalten haben. Etwa ein Drittel bleibt bis zum Rentenalter.

Viele internationale Studierende arbeiten später in MINT-Berufen oder studieren Ingenieurwissenschaften und Informatik. Laut IW-Forscher Axel Plünnecke tragen sie dadurch zur Innovationskraft Deutschlands bei. Für Sachsen-Anhalt ist das wegen des demografischen Wandels besonders wichtig: In den kommenden Jahren scheiden viele hochqualifizierte Beschäftigte aus Ingenieurberufen, dem verarbeitenden Gewerbe, der Industrie und forschungsnahen Bereichen aus dem Arbeitsmarkt aus.

Plünnecke hält es deshalb für wichtig, internationale Studierende zu gewinnen und Absolventinnen und Absolventen im Land zu halten. Die Universität Magdeburg verfolgt dieses Ziel bereits seit längerer Zeit. Auf dem Campus klingt das zunächst nach Strategiepapier. Für Menschen wie Mathivanan oder Kadam geht es allerdings um den Alltag: um Arbeit, Freunde, Sicherheit – und darum, ob sich das eigene Leben hier weiterbauen lässt.