Landrat lehnt Wika-Initiative zur stärkeren Arbeitsmarktorientierung der Universität Basel ab
Im Baselbiet ist die Universität Basel heute zum politischen Streitpunkt geworden. Der Landrat empfahl am 22. Oktober 2026 die Initiative der Wirtschaftskammer Baselland (Wika) deutlich zur Ablehnung. 75 Mitglieder stimmten dagegen, zehn dafür, eine Person enthielt sich.
Die Initiative verlangt, dass sich die Universität Basel stärker an der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt orientiert. Vorgesehen ist unter anderem eine Konsultativkommission. Der Wirtschaft soll ein Vorschlagsrecht für deren Mitglieder eingeräumt werden. Die Kommission wiederum soll die Kantonsvertretenden dabei unterstützen, von der Universität eine stärkere Ausrichtung auf die Wirtschaft zu verlangen.
Kein Gegenvorschlag aus der Kommission
Bevor es zur Schlussabstimmung kam, scheiterte der Antrag von Marc Scherrer (Mitte), das Geschäft an die Bildungs-, Sport- und Kulturkommission (BKSK) zurückzuweisen. Die Abstimmung endete mit 63 zu 22 Stimmen, Enthaltungen gab es keine. Die BKSK hätte bei einer Rückweisung einen Gegenvorschlag ausarbeiten sollen.
Hinter der Initiative steht ein Problem, das im Baselbiet schon länger Druck macht: Immer weniger Jugendliche entscheiden sich für eine Berufslehre, während Unternehmen dringend Lernende und qualifizierte Fachkräfte suchen. Besonders technische, handwerkliche, industrielle und gesundheitsnahe Berufe sind betroffen. Der Fachkräftemangel gilt laut einem Artikel der Wirtschaftskammer als Realität – und als Gefahr für den Wirtschaftsstandort.
Die Wika hat ihre Forderung im Rahmen des Impulsprogramms «Wirtschaftsstandort Baselland: Zurück in die Erfolgsspur» lanciert. Insgesamt umfasst das Programm drei Initiativen: einen Berufsbildungsfonds, eine Stärkung der beruflichen Orientierung und die stärkere Arbeitsmarktorientierung der Universität Basel. Sie sollen die Berufsbildung stärken, Ausbildungsbetriebe entlasten und das Bildungssystem näher an den Arbeitsmarkt bringen.
Zwischen Hörsaal und Werkstatt
Die Initiativen stammen laut Wirtschaftskammer aus der Baselbieter Wirtschaft beziehungsweise von Ausbildungsbetrieben. Sie reagieren auf fehlenden Nachwuchs, den steigenden Druck auf Ausbildungsbetriebe und eine teilweise fehlende Nähe des Bildungssystems zur Arbeitswelt. Der Blick soll dabei nicht nur in Hörsäle gehen. Die Zukunft des Wirtschaftsstandorts entscheidet sich auch in Werkstätten, Produktionshallen, Praxen und Gewerbebetrieben – gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen.
Der «Bildungsbericht Schweiz 2026» weist laut dem Artikel ebenfalls auf Handlungsbedarf hin. Praktische Kompetenzen werden durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz wichtiger, während immer mehr Jugendliche Gymnasium und Studium anstreben. Gleichzeitig bleiben Lehrstellen unbesetzt. Künstliche Intelligenz ersetzt demnach Standardwissen, nicht aber praktische Fähigkeiten. Das klingt nüchtern, ist für viele Betriebe aber ziemlich konkret: Es fehlen Menschen, die anpacken können.
Der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft empfiehlt zwei der drei Initiativen zur Ablehnung. Für die Initiative zur beruflichen Orientierung hat die Regierung einen Gegenvorschlag vorgelegt, für den Berufsbildungsfonds liegt derzeit noch keine Vorlage vor. Bei der beruflichen Orientierung entsteht laut Artikel der Eindruck, die Wirtschaft wolle Einfluss auf den Unterricht nehmen. Nach Darstellung des Artikels fordert die Initiative stattdessen mehr Praxisnähe und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Schulen und Arbeitswelt.
Die Regierung erkennt laut Artikel selbst den Fachkräftemangel, die Bedeutung der Berufsbildung und den Handlungsbedarf an. Politisch bleibt trotzdem offen, wie viel Einfluss Unternehmen auf Bildungsinhalte und Hochschulpolitik bekommen sollen. Genau an dieser Stelle scheiden sich im Landrat die Geister.
Der Schweizer Arbeitsmarkt entspannt sich – aber nicht überall
Ein Blick über die Grenze des Kantons zeigt zudem ein gemischtes Bild. Am 27. November 2025 lag der Schweizer Fachkräftemangel-Index rund 22 Prozent unter dem Vorjahreswert und näherte sich wieder dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Die offenen Stellen gingen gegenüber 2024 um 8 Prozent zurück, zugleich stieg die Zahl der Stellensuchenden um 17 Prozent. Die Arbeitslosenquote erhöhte sich von 2,3 auf 2,8 Prozent.
Belastet wird der Arbeitsmarkt durch schwache Exportnachfrage, zurückhaltende Investitionen und wirtschaftliche Unsicherheiten. Der private Konsum wirkt stabilisierend. 2025 bestand nur in vier von 32 Berufsgruppen ein Fachkräftemangel: bei Spezialist:innen in Gesundheitsberufen, darunter Ärzt:innen, Pflegefachkräfte und Apotheker:innen; bei Bauführer:innen, Polier:innen und Produktionsleiter:innen, etwa Bauleiter:innen, Malerpolier:innen und Elektrotechniker:innen; bei ingenieurtechnischen und vergleichbaren Fachkräften wie Maschinenbau-, Systemtechnik- und Automationsfachkräften; sowie bei Elektriker:innen und Elektroniker:innen, darunter Elektromonteur:innen und Kundendiensttechniker:innen.
In allen vier Gruppen ging der Mangel gegenüber dem Vorjahr zurück. Gesundheitsberufe stehen allerdings seit 2022 an der Spitze des Rankings. Die alternde Bevölkerung, die steigende Lebenserwartung und der wachsende Bedarf an Gesundheits- und Pflegeleistungen treiben die Nachfrage. Auch Gesundheitsassistenzen bewegen sich weiter in Richtung Fachkräftemangel. In beiden Gesundheitsgruppen sank die Zahl offener Stellen je stellensuchende Person jedoch leicht, unter anderem im Zusammenhang mit dem Kostendruck im Gesundheitswesen.
Deutlich nach unten ging es bei Büro-, Verwaltungs- und kaufmännischen Fachkräften – um sieben Ränge. Informations- und Kommunikationstechniker:innen verloren sechs Ränge. Beide Berufsgruppen gelten als besonders stark von Entwicklungen rund um künstliche Intelligenz betroffen: Die Stellenzahlen gingen zurück, während die Arbeitslosigkeit zunahm.
Stabil blieb das Verhältnis zwischen offenen Stellen und Stellensuchenden bei Bediener:innen stationärer Anlagen und Maschinen sowie Montageberufen, bei Fahrzeugführer:innen und Bediener:innen mobiler Anlagen und bei Bau- und Ausbaufachkräften – etwa Zimmerleuten, Dachdecker:innen sowie Sanitär- und Heizungsinstallateur:innen. Im Baugewerbe bleibt die Nachfrage nach Fachkräften trotz des allgemeinen Rückgangs vergleichsweise stabil.
Deutschschweiz mit anderen Engpässen als die Romandie
Ein Fachkräfteüberangebot gibt es unter anderem bei personenbezogenen Dienstleistungsberufen, allgemeinen Büro- und Sekretariatskräften, Bürokräften mit Kundenkontakt sowie Hilfsarbeitskräften in Reinigung, Transport und Lager. Kaufmännische und Verwaltungsfachkräfte fielen im Ranking von Rang 21 auf Rang 28 zurück.
Regional sank der Fachkräftemangel 2025 in der Deutschschweiz um 23 Prozent, in der lateinischen Schweiz um 17 Prozent. Beide Regionen liegen damit leicht unter dem Niveau von 2019. In der Deutschschweiz bleibt der Mangel vor allem in Gesundheits-, Bau- und technischen Berufen bestehen, während Büro-, ICT- und Finanzberufe eine geringere Nachfrage aufweisen.
In der lateinischen Schweiz ist der Arbeitsmarkt weitgehend entspannt. Ein deutlicher Mangel besteht dort weiterhin vor allem bei Gesundheitsberufen; handwerkliche und Betreuungsberufe verzeichneten mehr offene Stellen je stellensuchende Person.
Für das Baselbiet ergibt sich daraus kein einfacher Befund. Der schweizweite Index sinkt, doch in Kliniken, auf Baustellen, in technischen Betrieben und bei Ausbildungsunternehmen bleibt die Suche nach geeigneten Leuten mühsam. Die Landratsentscheidung zur Wika-Initiative verschiebt diese Frage nicht aus der Welt – sie macht nur sichtbar, wie umstritten der Weg dorthin ist.
