Leipzig erinnert an Erich Haenisch und die Anfänge der deutsch-mongolischen Mongolistik
An der Universität Leipzig hat der mongolische Staatspräsident Khurelsukh Ukhnaa die enge Verbindung zwischen der Mongolei und Deutschland bekräftigt. Anlass seines Besuchs am 23. Oktober 2026 war die Enthüllung einer Gedenktafel für den Leipziger Forscher Erich Haenisch und seinen mongolischen Schüler Natsagdorj Dashdorj.
Beide arbeiteten ab 1926 in Leipzig an der ersten deutschen Übersetzung der „Geheimen Geschichte der Mongolen“. Khurelsukh sagte, die strategische Partnerschaft solle weiterentwickelt, das historische Erbe bewahrt und an jüngere Generationen weitergegeben werden. Staatliche Beziehungen würden durch Verträge gefestigt, echte Freundschaft zwischen Völkern entstehe aber durch Vertrauen und gegenseitiges Verständnis.
Leipzig und die Mongolistik
Universitätsrektorin Eva Inés Obergfell verwies auf die lange Leipziger Tradition. Bereits 1882 wurde erstmals eine Lehrveranstaltung in Mongolisch angeboten. Seit dem späten 19. Jahrhundert entwickelte sich Leipzig zu einem Zentrum der deutschen und europäischen Mongolistik. Zu DDR-Zeiten kamen mongolische Studierende hierher, um Deutsch zu lernen und sich auf ihr weiteres Studium vorzubereiten.
Mit Beginn des Wintersemesters nahmen 13 weitere Studierende aus der Mongolei ein Studium in Leipzig auf. Bei dem Besuch wurden außerdem Kooperationsverträge zwischen sächsischen und mongolischen Hochschulen ausgetauscht.
Etwa ein Prozent der mongolischen Bevölkerung beherrscht Deutsch und kennt sich laut Khurelsukh sehr gut mit Deutschland aus. Damit sei die Mongolei in diesem Bereich gewissermaßen „Asienmeister“. Nach Angaben des Auswärtigen Amts sprechen rund 30.000 Mongolinnen und Mongolen Deutsch.
Ein Gelehrter zwischen China, Mongolei und Deutschland
Erich Haenisch wurde am 27. August 1880 in Berlin geboren und starb am 21. Dezember 1966 in Stuttgart. Der deutsche Sinologe, Mongolist und Experte für die mandschurische Sprache war Schüler des Sinologen Wilhelm Grube und stammte aus der Familie eines anerkannten Leipziger Rechtsanwalts.
Nach dem Schulabschluss an einem Berliner Gymnasium studierte Haenisch Sinologie an der Universität Berlin und promovierte dort 1904. Danach arbeitete er als Deutschlehrer an einer neu gegründeten staatlichen Militärschule in Wuchang, später in Changsha. Während seines Aufenthalts in China reiste er durch das Land, beschäftigte sich mit traditionellen chinesischen Gelehrtentexten und gelangte bis nach Osttibet und in die mongolische Steppe.
Nach dem Wuhan-Aufstand von 1911 verließ Haenisch China und kehrte mit seiner Familie nach Deutschland zurück. 1912 wurde er wissenschaftlicher Assistent am Museum für Völkerkunde in Berlin. Ein Jahr später wechselte er an die Universität Berlin, zunächst als Privatdozent, ab 1920 als außerordentlicher Professor.
1925 lehrte er kurzzeitig an der Universität Göttingen und wechselte noch im selben Jahr an die Universität Leipzig. 1932 kehrte er als Professor für Sinologie an die Universität Berlin zurück. Zusätzlich war er von 1927 bis 1951 Professor für ostasiatische Kultur und Sprachwissenschaften in München.
Haenisch unterhielt internationale Kontakte und war akademischer Lehrer ausländischer Sinologen, darunter des US-Amerikaners George A. Kennedy. Sein „Lehrgang der klassischen chinesischen Schriftsprache“ galt lange als maßgebendes Lehrwerk im deutschsprachigen Raum.
Seine Bearbeitung der „Geheimen Geschichte der Mongolen“ war eine Pionierarbeit: 1937 edierte er den mongolischen Originaltext „Manghol un niuca tobca’an“, 1939 veröffentlichte er dazu ein Wörterbuch, 1940 erschien seine erste Übersetzung. Zu seinen genannten Veröffentlichungen zählen außerdem Die Geheime Geschichte der Mongolen (Leipzig 1948), Die viersprachige Gründungsinschrift des Tempels An-yüan-miao in Jehol vom Jahre 1765 (1950), Sino-mongolische Dokumente vom Ende des 14. Jahrhunderts (Berlin 1952), Mongolica der Berliner Turfan-Sammlung (Berlin 1955) und Mandschu-Grammatik. Mit Lesestücken und 23 Texttafeln (Leipzig 1961). Die Studienausgaben der Teile I–IV des Lehrgangs der klassischen chinesischen Schriftsprache erschienen in Leipzig 1988.
Ein ausführliches Schriftenverzeichnis findet sich in Herbert Frankes Festschrift Studia sino-altaica von 1961 auf den Seiten 3–11.
Auch politisch und menschlich geriet Haenisch in schwierige Lagen. Er war der einzige deutsche Sinologe, der sich bei Behörden für die Freilassung des französischen Sinologen Henri Maspero aus dem Konzentrationslager Buchenwald einsetzte. Maspero war am 26. Juli 1944 mit seiner Frau von der Gestapo verhaftet worden, weil sein Sohn in der Résistance aktiv war. Haenischs Gesuche blieben erfolglos, da seine Kollegen ihn nicht unterstützten. Maspero starb am 17. März 1945 in Buchenwald an Entkräftung; seine Frau wurde in Pommern von der sowjetischen Armee befreit.
Seit 1930 war Haenisch Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, 1942 wurde er ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte er bis 1966 der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin an, 1955 wurde er korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.
Privat war Haenisch mit einer Enkelin des altmärkischen Heimatforschers Theodor Zechlin verheiratet. Er war Cousin des preußischen Kultusministers und Wiesbadener Regierungspräsidenten Konrad Haenisch. Sein Sohn Wolf Haenisch, 1908 in China geboren, wurde Japanologe und Bibliotheksdirektor.
Von der Gedenktafel nach Dresden
Nach dem Termin in Leipzig reiste Khurelsukh nach Dresden weiter. Geplant waren Gespräche mit Ministerpräsident Michael Kretschmer und Landtagspräsident Alexander Dierks, außerdem ein Besuch der Gemäldegalerie Alte Meister und ein Treffen mit mongolischen Studierenden.
Andreas Handschuh, Chef der sächsischen Staatskanzlei, sieht weiteres Potenzial für die Zusammenarbeit. Sachsen eröffnete 2024 ein Verbindungsbüro in Ulaanbaatar. Darauf aufbauend sollen die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen vertieft werden. Als mögliche Felder gelten der Bergbau, insbesondere mit Blick auf Seltene Erden, sowie die Ernährungs- und Nahrungsmittelindustrie.
Eine Partnerschaft mit langer Vorgeschichte
Die Mongolei, mongolisch Mongol Uls, ist eine parlamentarische Demokratie. Die Bundesrepublik Deutschland nahm am 31. Januar 1974 diplomatische Beziehungen auf, die Deutsche Demokratische Republik bereits am 13. April 1950. Die engen Verbindungen reichen bis in die 1920er Jahre zurück und wurden auch durch die Beziehungen der DDR zur Mongolischen Volksrepublik geprägt.
Anlässlich des 50. Jubiläums der diplomatischen Beziehungen vereinbarten Deutschland und die Mongolei am 7. Februar 2024 während des Staatsbesuchs von Bundespräsident Steinmeier eine Strategische Partnerschaft. Weitere Grundlagen sind die Gemeinsame Erklärung über umfassende Partnerschaftsbeziehungen vom 5. September 2008 und das Abkommen über die Zusammenarbeit im Rohstoff-, Industrie- und Technologiebereich vom 13. Oktober 2011.
Seit dem demokratischen Neuanfang der Mongolei 1990 wurde die Partnerschaft im wiedervereinigten Deutschland weiterentwickelt. Sie umfasst alle Bereiche des politischen und kulturellen Lebens. Die Mongolei betrachtet Deutschland als einen ihrer „Drittnachbarn“ und als wichtigen Partner innerhalb der Europäischen Union.
Beide Staaten setzen sich international, insbesondere im Rahmen der Vereinten Nationen, für Demokratie und Menschenrechte ein. Die militärpolitische Zusammenarbeit wird auch nach dem Ende des langjährigen gemeinsamen sicherheitspolitischen Engagements in Afghanistan fortgesetzt; Schwerpunkt ist insbesondere die militärische Ausbildung.
Deutschland war 2024 der viertgrößte Geber in der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit mit der Mongolei. Im Mittelpunkt stehen Energieeffizienz, Biodiversität, nachhaltige Wirtschaftsförderung sowie berufliche Ausbildung im Handwerks- und Hochschulbereich. Neben deutschen staatlichen Akteuren wie GIZ und Kf
