Der wachsende globale Handel hat zwar zu einer wirtschaftlichen Verflechtung geführt, doch birgt er auch erhebliche Risiken im Hinblick auf Menschenrechte und Arbeitsbedingungen. Professor Stefan Gold von der Technischen Universität München untersucht die sozialen Dimensionen von Nachhaltigkeit in der Forschung. Sein Fokus liegt darauf, wie Unternehmen ihre Geschäftsmodelle und Lieferketten ressourcenschonend gestalten und menschenwürdige Arbeit sicherstellen können. Insbesondere die Komplexität moderner Lieferketten, vor allem in den Agrar-, Elektronik- und Textilbranchen, erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema.
Gold hebt hervor, dass die Auslagerung von Produktionsschritten sowohl neue Arbeitsplätze schaffen als auch Probleme in Bezug auf Menschen- und Arbeitsrechte mit sich bringen kann. Das führt dazu, dass mehr als 50 Millionen Menschen weltweit unter Bedingungen moderner Sklaverei leben müssen. Um dieser Herausforderung zu begegnen, hat Gold zusammen mit seinem Team ein Tool zur Aufdeckung moderner Sklaverei entwickelt, das auf einer umfassenden Datenbank basiert. Diese Datenbank enthält nachgewiesene Fälle aus Presseberichten, Forschungsartikeln und Gerichtsurteilen.
Die Risiken in Lieferketten
In der globalisierten Wirtschaft besteht ein hoher Handlungsbedarf, um Menschenhandel und moderne Sklaverei zu bekämpfen. Der leitende Berater für nachhaltige Lieferketten bei BSI Group, Fred Waelter, stellt fest, dass Unternehmen oft unwissentlich in solche Praktiken verwickelt sind. Trotz gestiegener Sensibilisierung bleibt das Problem bestehen, da viele Menschen als Waren behandelt und zur Zwangsarbeit gezwungen werden.
Die Vereinten Nationen haben die Bekämpfung von Zwangsarbeit in ihren Nachhaltigkeitszielen (SDGs) verankert, die besonders das Ziel 5 (Gleichstellung der Geschlechter) und das Ziel 8 (menschenwürdige Arbeit) betonen. Für Unternehmen ist es essenziell, ihre Lieferketten regelmäßig zu überprüfen und präventive Maßnahmen zu ergreifen. Dazu zählen die Bewertung des eigenen Standes bezüglich Menschenhandel, Sensibilisierung durch Schulungen und eine gründliche Überprüfung der Lieferketten.
Gesetzliche Rahmenbedingungen und Verpflichtungen
Eine tragische Erinnerung an die Notwendigkeit solcher Maßnahmen ist der Einsturz des Rana Plaza-Gebäudes in Bangladesch im Jahr 2013, bei dem über 1100 Menschen starben. Diese Katastrophe hat eine internationale Debatte über die Verantwortung von Unternehmen für menschenwürdige Arbeitsbedingungen angestoßen. In Deutschland trat am 1. Januar 2023 das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz in Kraft. Dieses Gesetz regelt die unternehmerische Verantwortung für Menschenrechte und Umweltschutz in globalen Lieferketten und ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Trotz dieser Fortschritte arbeiten weltweit immer noch 1,4 Milliarden Arbeitnehmer unter menschenunwürdigen Bedingungen. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt, dass 28 Millionen Menschen in Zwangsarbeit leben, und pandemisch ist die Anzahl der betroffenen Kinder in der Arbeitswelt alarmierend hoch: Rund 160 Millionen Kinder müssen arbeiten, häufig in gefährlichen Branchen wie der Textilindustrie oder Goldminen. Diese Missstände drücken die Notwendigkeit aus, dass Unternehmen über ihre rechtlichen Verpflichtungen hinaus Verantwortung übernehmen müssen, um grundlegende Menschenrechte zu gewährleisten.
Die Diskussion um Menschenrechte in globalen Lieferketten ist aktueller denn je. Die Geberländer haben sich in den letzten Jahren mehrfach verpflichtet, rechtlich verbindliche Standards zu schaffen. Dieses Bekenntnis beruht auf den VN-Leitprinzipien und findet Unterstützung bei den G7-Staaten. Ein rechtlich verbindliches Instrument könnte die Bemühungen um faire Arbeitsbedingungen und gegen moderne Sklaverei entscheidend voranbringen.