Am 13. und 14. Oktober 2026 wird in Augsburg und München über eine Zeit gesprochen, die in der Stadtgeschichte lange etwas unter dem Radar lag: München nach den Olympischen Spielen von 1972. Das Forschungsprojekt von Institut für Zeitgeschichte München–Berlin, Universität Augsburg und Stadtarchiv München untersucht die Entwicklung unter den Oberbürgermeistern Georg Kronawitter und Erich Kiesl von 1972 bis 1993. Erste Ergebnisse werden bei der Tagung „Planung, Protest, Partizipation. München nach Olympia 1972 – Stadtgeschichte im Vergleich“ vorgestellt.

1972 stand München weltweit im Rampenlicht. Neben den Olympischen Sommerspielen prägte der tödliche Anschlag palästinensischer Terroristen auf die israelische Olympiamannschaft das Jahr. Danach flaute der Boom ab. Das Ende des „Wirtschaftswunders“, der Ölpreisschock und die Krise im Bausektor brachten wirtschaftliche Stagnation, politische Umbrüche und eine tiefgreifende urbane Transformation. Die Zeit bis in die frühen 1990er-Jahre ist bislang deutlich weniger erforscht.

Wohnungsbau zwischen Sozialpolitik und Bauland

Eine Ausgangsthese der Historiker lautet: München erlebte nach starkem Wachstum und dem Olympia-Boom erstmals eine Phase, in der die alten Rezepte nicht mehr recht griffen. 1978 gewann mit Erich Kiesl erstmals ein CSU-Kandidat die Oberbürgermeisterwahl. Abgesehen von Karl Scharnagl, der von 1945 bis 1948 amtierte, blieb Kiesl der einzige CSU-Oberbürgermeister der Stadt. Das Projekt fragt unter anderem, was sich mit seinem Amtsantritt veränderte. Kiesls Amtszeit endete im Zusammenhang mit dem Bauland-Skandal um die Bayerische Hausbau von Josef Schörghuber. Das Unternehmen hatte Grundstücke zu günstigen Preisen erhalten; damals machte der Begriff „Bauland-Geschenk“ die Runde. Die Vorgänge sollen nun wissenschaftlich untersucht werden.

Anders als sein SPD-Vorgänger Georg Kronawitter hinterließ Kiesl dem Stadtarchiv bislang keinen persönlichen Nachlass. Das Forschungsteam steht nach eigenen Angaben mit Kiesls Familie in Kontakt. Der Wohnungsbau ist dabei kein Nebenschauplatz: Laut Projektleiter Thomas Schlemmer gehört er in München seit Jahrzehnten zu den zentralen kommunalpolitischen Themen. Die SPD setzte auf Sozialwohnungsbau und kommunal geförderte Projekte, Kiesl wollte mit privaten Investoren schneller bauen.

Kronawitter hatte 1972 seine erste Amtszeit begonnen. Soziale Gerechtigkeit, bezahlbare Mieten und frühzeitig auch Umweltschutz gehörten zu seinen politischen Schwerpunkten. Nach dem Ende des Baubooms wurden die Probleme sichtbarer: Der Wohnungsbestand war veraltet und zu klein, für einkommensschwache Wohnungssuchende reichte er ebenso wenig wie für die gestiegenen Wohnbedürfnisse vieler Münchnerinnen und Münchner. Wachstum und Verdichtung trieben Mieten und Wohnungsknappheit weiter an.

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Der Stadtentwicklungsplan von 1975 setzte deshalb auf „Qualität vor Quantität“. Das bisherige Wachstumsparadigma wurde ersetzt durch Stadterneuerung und Modernisierung, Städtebauförderung, den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, Eigentumsförderung zum Halten von Familien im Stadtgebiet und sozialen Wohnungsneubau, der ab Mitte der 1970er-Jahre wieder wichtiger wurde. Zugleich sollte eine polyzentrische Stadtstruktur mit neuen Zentren im inneren und äußeren Stadtgebiet die City entlasten, die Innenstadt als Wohnstandort attraktiver machen und die Lebensqualität erhöhen.

In den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren trieb die CSU eine verstärkte, möglichst kostengünstige Ausweisung von Bauland voran. Die Folge: zunehmende bauliche Verdichtung. Sie galt als notwendig, kollidierte aber mit der sozialdemokratischen Leitidee des Freiflächenerhalts. Kronawitters Entlastungsstrategie setzte seit den frühen 1970er-Jahren auf den strategischen Ausbau von Grünflächen im gesamten Stadtgebiet. Sie sollten Freizeit ermöglichen, das Stadtklima verbessern, das Zentrenkonzept unterstützen und die Wohnqualität in bereits verdichteten Vierteln erhöhen.

Von der Entlastungsstadt zum „Seelen-Silo“

Neuperlach, Germering und Ottobrunn wuchsen stark. Aus der sogenannten Entlastungsstadt wurde, wie Schlemmer es beschreibt, eine „Belastungsstadt“. Einige Hochhaussiedlungen bekamen später den wenig schmeichelhaften Namen „Seelen-Silos“. Die Stadteilsanierung in Haidhausen zeigt, wie sich die Planung von einer wachstumsorientierten zu einer sozial, qualitätsorientiert und ökologisch sensibel ausgerichteten Stadtentwicklung wandelte. Gleichzeitig untersucht das Projekt Konflikte, die durch die Verdichtung von Wohnraum und Infrastruktur entstanden – besonders im Münchner Norden.

Eine wichtige Rolle spielte die 1972 gestartete S-Bahn. Sie veränderte das Verhältnis zwischen Stadt und Umland, Gemeinden wie Oberhaching wandelten sich durch die Anbindung grundlegend. Zunächst galt die S-Bahn als moderne Technologie, später wurde sie jedoch vernachlässigt. München selbst setzte laut Schlemmer ohnehin nicht vollständig auf das Leitbild der „autogerechten Stadt“: Der U-Bahn-Bau begann, die erste Fußgängerzone entstand, und der geplante Südring der A99 wurde gestrichen. Gleichzeitig stellte die Stadt zahlreiche Straßenbahnlinien ein. Ein ziemlich widersprüchliches Verkehrskapitel also.

Marc Schmidt untersucht in seiner Dissertation „Stadtgestaltung und urbane Transformation“ die urbane Entwicklung Münchens im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum steht die Frage, ob die Ziele und Instrumente des Stadtentwicklungsplans die Stadt trotz Wachstumsschwäche, Bodenknappheit und Umwandlungsspekulation im Gleichgewicht halten und die Lebensqualität verbessern konnten. Politische Maßnahmen sollten bezahlbare Mieten für breite Bevölkerungsschichten sichern und Verdrängungsprozesse begrenzen.

Schmidt forscht seit November 2025 im Projekt. Zuvor war er von Oktober 2021 bis Oktober 2025 Historiker bei Neumann & Kamp Historische Projekte GbR in München. Sein Masterstudium Geschichte an der Universität Regensburg absolvierte er 2022 bis 2025, den Bachelor Kultur und Wirtschaft mit Geschichte und Volkswirtschaftslehre 2018 bis 2021 an der Universität Mannheim. Betreut wird seine Dissertation von Marita Krauss an der Universität Augsburg.

Migration, Protest und neue Stimmen

Zur Stadtgeschichte gehören auch jene, die in klassischen Erzählungen gern am Rand stehen: sogenannte Gastarbeiter, Familien im Nachzug, Studierende, Obdachlose, Punks und das Aufkommen der Grünen. Migration und gesellschaftliche Pluralisierung veränderten die Anforderungen an Wohnraum, Infrastruktur und Kulturangebote. Marginalisierte Gruppen verlangten politische Teilhabe und Einfluss auf die Gestaltung ihrer Stadt.

1974 entstand in München der erste Ausländerbeirat. Er sollte nicht nur politische Repräsentation ermöglichen, sondern ausländische Zuwanderer auch konkret beraten. Julia Mertens untersucht in ihrer Dissertation „Wer gestaltet die Stadt? Partizipation, Prekarität und Politik“ unter anderem die Gründung des Ausländerbeirats und des Münchner Mietervereins, Bürgerinitiativen, Aktionsgruppen aus der Subkultur sowie weitere Zusammenschlüsse marginalisierter Gruppen. Als Kategorien dienen Migration, Generation und Geschlecht. Im Mittelpunkt stehen Reaktionen, Konzepte und Erfolge von Stadtpolitik und Verwaltung sowie Partizipations- und Autonomiebestrebungen unter sozialdemokratischer und christlich-sozialer Führung.

Die Stadtverwaltung musste auf gesellschaftliche Diversität, individualisierte Lebensentwürfe, soziale Bewegungen und neue Forderungen nach Beteiligung reagieren. Mertens fragt, wie politische Steuerung mit Prekarität, Wohnungsnot und sozialer Infrastruktur umging. Seit Mai 2026 ist sie Doktorandin im Forschungsprojekt. Davor arbeitete sie von August 2023 bis Mai 2026 als Teamassistenz der Forschungsstelle zum Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft von 1972, 2022/23 als wissenschaftliche Volontärin in der Öffentlichkeitsarbeit der Bayerischen Schlösserverwaltung und 2019 bis 2021 als wissenschaftliche und studentische Hilfskraft in Köln. Im März 2022 schloss sie ihr Masterstudium der Kunstgeschichte an der Universität zu Köln und der Keio University Tokyo ab. Betreut wird sie von Thomas Schlemmer am Institut für Zeitgeschichte.

Tagung mit Stadtarchiv, Livestream und Abendempfang

Das Projekt geht auf einen Stadtratsantrag von SPD/Volt, Grünen/Rosa Liste und CSU/Freien Wählern aus dem Jahr 2023 zurück und wird von der Landeshauptstadt München finanziert. Beteiligt sind das Stadtarchiv München, das Institut für Zeitgeschichte München–Berlin und die Universität Augsburg. Mertens und Schmidt forschen