In der Slowakei sind Archäologen auf eine bedeutende Entdeckung gestoßen: An einer über 7.000 Jahre alten Siedlung nahe Vráble wurden seit 2022 zahlreiche menschliche Skelette gefunden. Diese außergewöhnlichen Funde werfen Fragen zu den Bestattungspraktiken der frühen Linearbandkeramiker auf. Laut uni-kiel.de wurden die Überreste in chaotischen Lagen, oftmals ohne Schädel, geborgen. Erste Knochenuntersuchungen legen nahe, dass diese Bestattungen eher sozialen Praktiken als kriegerischen Konflikten geschuldet sind.
Die Ausgrabungen in Vráble, die seit 2010 durchgeführt werden, sind Teil eines umfangreichen Forschungsprojekts der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Furholt. Die Siedlung, ein wichtiger Fundort der Linearbandkeramik, erstreckt sich über ein Areal mit über 300 Hausgrundrissen und datiert auf einen Zeitraum zwischen etwa 5250 und 4950 v. u. Z. Die gefundenen Überreste von mindestens 78 Individuen, davon 77 ohne Kopf, befinden sich am Eingangsbereich dieser Siedlung. Es deutet vieles darauf hin, dass die Körper absichtlich manipuliert, jedoch nicht durch gewaltsame Enthauptung voneinander getrennt wurden.
Rituale und soziale Strukturen
Die Anordnung der Skelette, oft in Paaren oder kleinen Gruppen, lässt darauf schließen, dass diese Beerdigungen nach bestimmten rituellen Vorgaben stattfanden. Untersuchungen zeigen, dass ähnliche Praktiken auch in anderen urgeschichtlichen Gesellschaften belegt sind. Der Fundplatz Vráble scheint eine bedeutende Rolle im Verständnis des Umgangs mit Tod und Körper in der Jungsteinzeit zu spielen. Laut nationalgeographic.de sind massenhafte Grabstätten und Körpermanipulationen häufig gegen Ende der Linearbandkeramik zu beobachten. Diese könnten als Hinweis auf gesellschaftliche Krisen interpretiert werden, jedoch schlagen die Autoren der aktuellen Studie eine differenzierte Perspektive vor. Sie vermuten, dass die Bestattungen Teil bedeutungsvoller sozialer Praktiken waren.
Die Ausgrabungen in Vráble zeigen nicht nur die Komplexität der Bestattungsrituale, sondern auch die sozialen Strukturen der damaligen Zeit. Beispielsweise führten interne Spannungen zur Bildung von drei räumlich getrennten Nachbarschaften innerhalb der Siedlung. Eine Siedlung war durch einen Graben von den anderen abgetrennt, was auf ein großes Bedürfnis nach Ordnung hinweist. Rituale spielten eine zentrale Rolle bei der Definition der Gemeinschaft und dem Schutz vor Außenstehenden.
Forschungsperspektiven
Die Publikation der Studie in den „Proceedings of the Prehistoric Society“ ist der Ausgangspunkt für das zukünftige Forschungsprojekt „Neolithic Bodies“, das ab 2025 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Geplant sind weitere Analysen der Knochen, um Sterbealter, Geschlechterbestimmungen sowie Hinweise auf Herkunft, Ernährung und Verwandtschaft der Menschen zu ermitteln. Isotopen- und DNA-Analysen werden dazu wertvolle Informationen liefern.
Die Entdeckung in Vráble bietet wichtige Einblicke in die sozio-kulturellen Praktiken der frühen Jungsteinzeit. Es bleibt abzuwarten, welche weiteren Informationen die kommenden Forschungen zutage fördern werden. Die faszinierenden Grabfunde ermöglichen es den Wissenschaftlern, die Vergangenheit neu zu interpretieren und das Verständnis über den Umgang mit Tod und sozialen Strukturen in dieser längst vergangenen Epoche zu vertiefen.