Rheinisches Revier: Europas unbekannter Standort für grüne Technologien
Am Standort der RWTH Aachen zeigt sich ein widersprüchliches Bild: Viele Unternehmen in Europa wollen in grüne Technologien investieren, doch das Rheinische Revier kennt bislang kaum jemand als möglichen Investitionsstandort. Eine aktuelle YouGov-Umfrage im Auftrag von NRW.Global Business untersucht genau dieses Spannungsfeld bei Fach- und Führungskräften in der Schweiz, den Niederlanden und im Vereinigten Königreich.
Für die kommenden fünf Jahre planen 57 Prozent der Befragten in der Schweiz Investitionen in grüne Technologien. In den Niederlanden sind es 45 Prozent, im Vereinigten Königreich 35 Prozent. Das Rheinische Revier soll dabei helfen, aus Europas größtem Braunkohlerevier eine klimaneutrale Industrieregion zu machen. Der Ausstieg aus dem Braunkohletagebau ist bis 2030 vorgesehen. Für den Wandel stehen 14,8 Milliarden Euro zur Verfügung; Ziel ist Europas erster klimaneutraler Industriestandort.
Net-Zero-Pläne, die noch kaum jemand kennt
Ein wichtiger Baustein ist der EU Net-Zero Industry Act, kurz NZIA. Er soll Ansiedlungen bestimmter Netto-Null-Technologien durch beschleunigte Genehmigungen unterstützen, etwa bei Wasserstoff, Batterien und klimaneutralen Antriebstechnologien. Bekannt ist das Regelwerk allerdings nur wenigen: In der Schweiz kennen es 53 Prozent der Befragten kaum oder gar nicht, im Vereinigten Königreich 57 Prozent und in den Niederlanden sogar 71 Prozent.
Ähnlich dünn sieht es beim Konzept der „Net Zero Valleys“ aus. Selbst in der Schweiz, dem Land mit der höchsten Bekanntheit, kennen es lediglich 18 Prozent. Das Rheinische Revier ist als „Net Zero Valley“ ausgewiesen – eine Bezeichnung, die international offenbar noch nicht richtig angekommen ist.
Auch der Standort selbst bleibt vielen unbekannt. In den Niederlanden wissen 63 Prozent der Befragten wenig oder nichts über das Rheinische Revier als Wirtschafts- und Investitionsstandort. Im Vereinigten Königreich sind es 61 Prozent, in der Schweiz 38 Prozent. Dabei liegt die Region im Westen Nordrhein-Westfalens, ist Europas größtes Braunkohleabbaugebiet und zugleich ein Zentrum energieintensiver Industrie.
Infrastruktur, Köpfe und Genehmigungen
Bei der Wahl eines Standorts zählen für die befragten Unternehmen vor allem leistungsfähige Infrastruktur mit bis zu 74 Prozent, qualifizierte Arbeitskräfte mit bis zu 72 Prozent und einfache Genehmigungsverfahren mit bis zu 70 Prozent. Der Zugang zu Fördermitteln erreicht bis zu 65 Prozent.
Das Rheinische Revier bringt dafür einiges mit: Spitzenforschung und Nachwuchskräfte durch die RWTH Aachen, Fraunhofer-Institute und das Forschungszentrum Jülich, eine starke Logistikanbindung sowie verfügbare Flächen und Netzanschlüsse. Geplant ist außerdem der Anschluss an das Wasserstoff-Kernnetz. Europäische Datenkorridore kreuzen sich in der Region ebenfalls. Auf dem Papier klingt das ziemlich ordentlich; außerhalb der Region scheint es trotzdem noch Erklärungsbedarf zu geben.
Für Investitionen in strukturschwachen Regionen bietet das Regionale Wirtschaftsförderungsprogramm, kurz GRW, Unterstützung in C- und D-Gebieten. Gefördert werden gewerbliche Investitionen einschließlich Investitionen im Tourismusgewerbe. Dahinter stehen die Schaffung und Sicherung von Dauerarbeitsplätzen sowie der Ausgleich regionaler Standortnachteile. Förderfähig sind unter anderem die Errichtung und Erweiterung von Betriebsstätten in ausgewiesenen Fördergebieten.
Ab einem Investitionsvolumen von 150.000 Euro sind Zuschüsse von bis zu 50 Prozent möglich. Wie hoch die Förderung tatsächlich ausfällt, hängt unter anderem von der Unternehmensgröße und der Einstufung des Fördergebiets als C- oder D-Region ab. Voraussetzung sind unter anderem eine gesicherte Gesamtfinanzierung und die Antragstellung vor Beginn des Vorhabens. Der GRW-Zuschuss wird über das Kundenportal der NRW.BANK beantragt; weitere Informationen stellt die NRW.BANK zur „Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ bereit.
Förderung für Netto-Null-Technologien
Ergänzend können strategisch wichtige Netto-Null-Technologien nach der CISAF-Bundesregelung gefördert werden. Im Mittelpunkt steht der Ausbau europäischer Fertigungskapazitäten für klimaneutrale Schlüsseltechnologien. Dazu gehören Solartechnologien, Batteriezellen, Windturbinen, Wärmepumpen und Elektrolyseure ebenso wie die Verarbeitung kritischer Rohstoffe.
Gerade für eine Region im industriellen Umbau können solche Angebote den Unterschied machen – sofern sie draußen auch bekannt sind. Die Umfrage sieht weiteres Potenzial für internationale Investitionen in das Rheinische Revier. NRW.Global Business will deshalb seine internationalen Standortaktivitäten ausbauen und Investoren für die Transformation der Region gewinnen.
Die Untersuchung basiert auf Online-Interviews mit Mitgliedern des YouGov-Panels. Befragt wurden vom 12. bis 30. Juli 2026 insgesamt 746 Fach- und Führungskräfte: 256 in den Niederlanden, 234 in der Schweiz und 256 im Vereinigten Königreich. Die Befragung war nicht quotiert und nicht gewichtet, die Ergebnisse sind daher nicht repräsentativ. Für den Standort im Westen Nordrhein-Westfalens bleibt damit ein ziemlich konkreter Auftrag: Forschung, Flächen, Netze und Förderprogramme sind vorhanden – jetzt muss diese Nachricht nur noch über die Region hinaus gehört werden.
