Schiefer, Schleifen, Schutz: Wie die Mosel-Umlaufberge zum Naturpark werden sollen
Uni Trier, 11.10.2026 – Zwischen Brauneberg und Lieser liegen Felsen, Weinberge und trockene Täler dicht beieinander. An den Steilhängen der Brauneberger Juffer wachsen neben den Reben Fetthenne und Mauerpfeffer. Beide wurzeln direkt auf dem Schiefer, kommen mit Hitze und nährstoffarmen Böden zurecht. Für die Natur sind die Felsen wichtige Biotope – und trotzdem verschwinden sie langsam unter Brombeerhecken und anderem Gestrüpp.
Im Oktober 2026 eröffnet die Umweltschützerin Hannah Leisch für den BUND ein Büro in Mülheim an der Mosel. Von dort aus will der Verband drei Jahre lang fünf Felsen zwischen Brauneberg und Lieser betreuen. Im Winter sollen die Flächen erstmals freigeschnitten werden. Im Sommer hätten dann unter anderem Mauereidechsen wieder mehr Platz, um sich auf dem warmen Schiefer zu sonnen. Gefördert wird das Projekt von der Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz.
Felsenpflege als Auftakt
Bio-Winzer Markus Fries aus Maring-Noviand unterstützt das Vorhaben. Gleichzeitig verfolgt er seit Jahren die Einrichtung eines Naturparks im Moseltal zwischen Platten und Andel. Zu dem Gebiet gehören neben den Felsen drei Umlaufberge: der Mülheimer Geisberg, der Maringer Berg und der Noviander Hüttenkopf.
Umlaufberge sind Hügel, die früher von der Mosel umflossen wurden und heute trocken liegen, weil sich der Fluss über Millionen Jahre einen kürzeren Lauf gesucht hat. Fries sieht in ihnen ein prägendes Merkmal der Region. Er schlägt vor, die Berge stärker touristisch zu vermarkten. Das könnte Besucher in die bislang weniger beachtete Gegend zwischen Platten und Andel bringen – nicht mit großem Trubel, sondern über Landschaftspflege, Bildung und sanften Tourismus.
Die Initiative „Mosel-Umlaufberge“ ist dabei längst aktiv: Sie organisiert Projekte für Schulklassen, legte einen Wanderweg an und baute Insektenhotels in den Weinbergen. Ihr Ziel ist, Kommunen und das Land zu stärkerem Engagement für die Landschaft zu bewegen. „Die Umsetzung ist schwierig“, sagt Fries, sie könne aber der gesamten Region zugutekommen.
Leisch hält es für möglich, das BUND-Projekt nach Ablauf der dreijährigen Förderung auszuweiten. Für sie ist die Felsenpflege ein Startprojekt, aus dem ein größeres Naturschutzprojekt und möglicherweise ein neuer Naturpark im Moseltal entstehen könnte.
Eine Flussgeschichte aus Schiefer und Schleifen
Das Moseltal zählt zu den bedeutenden Kulturlandschaften Deutschlands. Seine geomorphologische Flussentwicklung trifft auf eine jahrtausendealte Weinkulturlandschaft, die sich an die Mosel angepasst hat. Bewaldete oder vom Steillagen-Weinbau genutzte Prallhänge wechseln mit flachen Gleithängen, auf denen Obstwiesen, Gärten und größere Dörfer liegen. Diese asymmetrische Talform geht auf die ausgeprägte Mäanderbildung der Mosel zurück.
Mäander sind regelmäßig wiederkehrende Flusswindungen. An der Mittelmosel zwischen Trier und Cochem lässt sich ihre Entstehung aus der Talgeschichte erklären. Die Ur-Mosel floss etwa 180 Meter über dem heutigen Flussbett und war mehrere Kilometer breit. Auf ihrem Weg in die Tiefe bildete sie Täler und durchbrach Berge. Hebungen des Rheinischen Schiefergebirges und globale Klimaveränderungen mit mehreren Eiszeiten beeinflussten die Tiefenerosion.
Immer wieder suchte sich der Fluss in weit ausholenden Schleifen neue Wege und schnitt sich dabei tiefer in die Landschaft ein. Enge Kurven weiteten sich durch Ausspülung, an mehreren Stellen kam es zu Durchbrüchen. Frühere Flussläufe blieben als Trockentäler zurück, die dazwischenliegenden Berge als Umlaufberge.
Ein solcher Berg entsteht, wenn ein Fluss eine enge Schleife durchbricht: Zwei gegenüberliegende Prallhänge werden durchbrochen, die alte Schleife wird zum Trockental, und der zwischen altem und neuem Lauf liegende Berg bleibt stehen. Zwischen Veldenz, Mülheim, Lieser, Brauneberg, Maring-Noviand und Siebenborn liegen drei dieser geomorphologischen Erscheinungen auf engem Raum. Vom Maring-Noviander Honigberg aus kann man die seltene Konzentration überblicken.
Zwischen Brauneberg und Lieser sind die Spuren der Flussentwicklung besonders deutlich. Bei Mülheim und Lieser liegen breite, weit geöffnete Täler, die sich von den sonst meist durch mindestens einen Steilhang eingeengten Moseltälern unterscheiden. Es sind ehemalige Flussläufe, die nach dem Erkennen ihrer Funktion als Trockentäler interpretierbar wurden.
Vor Mülheim bog die Mosel früher fast rechtwinklig nach Süden in Richtung Burgen ab und umfloss den schmalen Geisberg bei Veldenz. Bei Mülheim kreuzte sie das heutige Moselbett. Danach floss sie in einer weiten Schleife nordwestlich über Maring, Noviand, Osann und Platten, führte an Noviand vorbei zurück nach Lieser und erreichte dort wieder das heutige Flussbett.
Der erste Durchbruch machte den südlichen Umweg um den Geisberg überflüssig. Die Mosel bog nun bereits vor dem Maringer Berg nach Norden statt nach Süden ab. Ein zweiter Durchbruch bei Maring legte die Nordwestschleife um den Noviander Hüttenkopf trocken. Ein dritter trennte den Maringer Berg vom Johannisberg. So entstand der heutige direkte Mosellauf in einem weiten Bogen von Brauneberg bis Bernkastel-Kues. Trockentäler und Umlaufberge sind davon als Zeugnisse geblieben.
Lebensraum auf heißem Fels
Die heutige Mosellandschaft ist geprägt von Schleifen, Mäandern, Steilhängen, Weinbergen, Felsengärten und einem tief eingeschnittenen Flussbett. Dazu kommen großflächige Schottersedimente der Moselterrassen, hohe Schieferfelsen mit Quarzgängen und Spalten sowie steile, vom Weinbau geprägte Hänge.
Die Lebensgemeinschaften dort müssen mit viel Licht und Wärme, wenig Wasser, geringem Mutterboden und wenigen Nährstoffen klarkommen. Neben Fetthenne und Mauerpfeffer wachsen Weißer Mauerpfeffer, Braunstieliger Streifenfarn, Zimbelkraut und Wimpern-Perlgras. In den Felsen leben drei von fünf in Deutschland streng geschützten Eidechsenarten, außerdem Schlingnattern, Wildbienen, seltene Schmetterlinge wie der Schwalbenschwanz und weitere seltene Insekten. Die vom Aussterben bedrohte Zippammer gehört ebenfalls zur Tierwelt der Region.
Auch drei Arten, für deren weltweites Vorkommen Deutschland eine besondere Verantwortung trägt, sind hier zu finden: Gartenschläfer, Wildkatze und Rotmilan. Die Biotope und ihre Artenvielfalt sollen geschützt und erhalten werden. Das klingt nüchtern, vor Ort ist es eher eine Angelegenheit von scharfkantigem Schiefer, flimmernder Hitze und Brombeerranken, die sich ihren Weg nehmen, wenn niemand sie zurückschneidet.
Ein Naturpark mit Schulklassen, Karten und Weinbergen
Die Naturparkinitiative Umlaufberge e. V. wurde Anfang 2020 gegründet. Ihr Ziel ist die Entwicklung der Region Mosel-Umlaufberge zu einem Naturpark und die Nutzung der damit verbundenen Möglichkeiten für Natur- und Kommunalentwicklung. Die Initiative möchte die Vielfalt, Eigenart und Schönheit der Mittelmosel zwischen Brauneberg und Lieser bewahren und die moseltypische Artenvielfalt mit den erhaltenen Zeugnissen der Flussentwicklung verbinden.
Auf einer zwei- bis dreistündigen Wanderung soll sich die Entwicklung vom Urstromtal bis zum heutigen Flussbett nachvollziehen lassen. Trockentäler, drei Moseldurchbrüche und drei Umlaufberge liegen dabei am Weg. Vorgesehen beziehungsweise vorhanden sind Wander- und Themenwege, Erlebnisführungen, Informationstafeln und geografische Karten. Einwohner und Touristen nutzen die Natur- und Kulturlandschaft zur Erholung und in der Freizeit. Winzer, Landwirte und Gastgeber bieten regionale Produkte an.
Touristische Angebote sollen mit dem Schutz der Natur vereinbar sein und den ländlichen Raum authentisch darstellen. Als mögliche Vorteile eines Naturparks nennt die Initiative umwelt- und klimagerechte Landnutzung, eine nachhaltige Entwicklung des ländlichen Raums, den Erhalt besonderer Lebensräume, die Förderung der Artenvielfalt, Bildungs- und Forschungsangebote, Impulse für sanften Tourismus und einen höheren Erholungswert der Region.
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