TULIUM: Wie die TU Berlin mit Holz, Schlacke und Schwammstadtprinzipien Kreislaufbauen erlebbar macht
Auf dem Campus Charlottenburg der TU Berlin ist Ende September 2026 das Richtfest für TULIUM gefeiert worden. Das neue Transfer- und Ausstellungsgebäude soll Wissenschaft, Öffentlichkeit und nachhaltiges Bauen zusammenbringen – nicht als abgeschotteter Uni-Ort, sondern als Raum, in den man hineingehen, schauen und mitreden kann.
Geplant sind ressourcenschonende, kreislaufgerechte und öffentlich zugängliche Räume für Ausstellungen zu Nachhaltigkeit, Technologie und Gesellschaft. TULIUM soll Wissenschaft sichtbar und erlebbar machen und den Austausch zwischen Universität und Gesellschaft fördern. Die Eröffnung ist für Herbst 2027 geplant.
Holz, Zisternen und mineralogische Schätze
Das Transferkonzept steckt dabei nicht nur in den späteren Veranstaltungen. Schon Planung und Bau werden genutzt, um Verfahren zur praktischen Wiederverwendung von Baustoffen zu erproben. Vorgesehen sind ein Low-Tech-Konzept, ein kreislaufgerechter Holzbau und wiederverwendete Materialien.
In den Ausstellungsräumen sollen die mineralogischen Sammlungen der TU Berlin in einer modernen Dauerausstellung zu sehen sein. Dazu kommen ein Multifunktionsraum und ein Café. Auch draußen wird umgebaut: Die angrenzende Hertzallee soll saniert werden, außerdem sind Rigolen, Zisternen und weitere Schwammstadt-Infrastrukturen geplant. Interaktive Wissensstationen auf dem Campus sollen zusätzliche Anknüpfungspunkte schaffen.
Wie das aussehen kann, zeigte bereits die Künstlergruppe TRANSFORMA mit einer immersiven audiovisuellen Installation zu grüner Chemie, Abfall, Recycling und Medienkunst. Im Mittelpunkt steht Schlacke aus der Müllverbrennung – ein Material, das meist ziemlich unspektakulär klingt, bei genauerem Hinsehen aber eine Menge Fragen aufwirft: Was bleibt nach der Verbrennung übrig, und was lässt sich daraus noch machen?
Wenn Müll nicht einfach verschwindet
2018 wurden in Europa etwa 96 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle verbrannt. Dabei entstanden rund 19 Millionen Tonnen Schlacke. Weltweit wurden zwischen 2011 und 2017 etwa 2,1 Milliarden Tonnen Siedlungsabfälle produziert. Für Deutschland weist die TU für 2017 rund 5,7 Millionen Tonnen Siedlungsabfallverbrennungsschlacke aus; 34 Prozent davon wurden in technischen Bauwerken verwendet, etwa im Straßenunterbau und im Deichbau. Durch die Verbrennung verringerte sich die Abfallmenge um 90 Prozent.
Während der Langen Nacht der Wissenschaften 2026 wird das UNI_VERSUM zu einem experimentellen multimedialen Erlebnis. Die Installation soll mehrere Sinne ansprechen und Denkanstöße zu aktuellen Herausforderungen geben – ebenso zur Entwicklung nachhaltigerer Verfahren für die Wiederverwendung von Abfallprodukten. Das Projekt ist eine Kooperation von greenChem und TRANSFORMA.
Gerade diese Verbindung passt zum Ansatz von TULIUM: Forschung bleibt nicht hinter Labortüren, sondern bekommt eine Bühne, auf der Materialien, Zahlen und Ideen nebeneinanderliegen. Man darf dabei ruhig ein wenig ratlos werden. Das gehört bei Abfall schließlich oft dazu.
Was Kreislaufbauen praktisch bedeutet
Die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen soll Umweltbelastungen und Ressourcenverbrauch reduzieren. Im Zentrum stehen Recycling und Wiederverwendung von Baustoffen – mit dem möglichen Nebeneffekt, dass Materialkosten und Abfallaufkommen sinken. Materialien und Ressourcen sollen möglichst lange in einem geschlossenen Kreislauf bleiben. Baustoffe werden also nach ihrer Nutzung nicht einfach entsorgt, sondern aufbereitet und erneut verwendet.
Dazu gehört etwa die Reinigung und Wiederverwendung von Ziegeln aus abgerissenen Gebäuden. Beim Downcycling entstehen aus Materialien Produkte mit geringerer Wertigkeit. Fenster, Türen und ganze Wandmodule können häufig ohne größere Änderungen in neuen Projekten eingesetzt werden. Bei Rückbauarbeiten werden Bauteile möglichst vorsichtig demontiert, aufbereitet und anschließend anderswo eingebaut. So bleiben Materialqualität und Ressourcen erhalten, während weniger neu geförderte Rohstoffe gebraucht werden.
Beim mechanischen Recycling werden Beton, Ziegel und andere Baustoffe zerkleinert und für neue Anwendungen aufbereitet. Thermisches Recycling gewinnt aus Abfallmaterialien, beispielsweise alten Holzbaustoffen, durch Verbrennung Wärme oder Strom. Chemisches Recycling zerlegt Baustoffe in ihre chemischen Bestandteile, damit daraus wieder Rohstoffe für neue Materialien werden.
In der Praxis kommen unter anderem Ziegel aus alten Gebäuden und wiederverwendete Betonaggregate zum Einsatz. Recycelter Beton kann in neuen Betonstrukturen die Nachfrage nach Natursteinen verringern. Wiederverwendete Ziegel eignen sich für Sanierungen und Neubauten und können Abfall sowie Transportkosten reduzieren. Altmetall landet wiederum in der Stahlproduktion oder wird für dekorative Elemente verwendet; das senkt den Energieverbrauch der Metallherstellung.
Vom Materialatlas bis zum 3D-Druck
Modulbauweisen machen es leichter, vorgefertigte Bauteile zu demontieren und später erneut einzusetzen. Als Beispiel wird das „Recyclinghaus“ in Amsterdam genannt, das vollständig aus recycelten Materialien bestehen soll. Materialatlanten sammeln Informationen über verfügbare gebrauchte Baustoffe und bringen Anbieter mit Nachfragern zusammen. Das klingt zunächst nach einer etwas trockenen Datenbankidee, kann auf der Baustelle aber entscheidend sein: Wer weiß, wo Türen, Ziegel oder Betonaggregate vorhanden sind, muss sie nicht neu bestellen.
Automatisierte Trennsysteme sortieren verschiedene Materialien effizient und ermöglichen die Rückgewinnung hochwertiger Rohstoffe. Softwarelösungen erfassen vorhandene Materialien und unterstützen die Planung ihrer Wiederverwendung. Mit 3D-Druck lassen sich Bauteile direkt vor Ort und mit geringerem Materialverschnitt herstellen; Ziegel und Betonelemente können teilweise aus recycelten Materialien 3D-gedruckt werden.
Die Vorteile reichen von eingesparten Materialkosten – gerade bei steigenden Rohstoffpreisen – bis zu weniger Bauabfällen und potenziell niedrigeren Entsorgungskosten. Natürliche Ressourcen werden geschont, die Rohstoffförderung nimmt ab. Unternehmen können mit ressourcenschonenden Praktiken ihre Marktposition stärken, und der Austausch gebrauchter Materialien fördert die Zusammenarbeit verschiedener Akteure der Baubranche. Immer mehr Bauunternehmen setzen Wiederverwendung laut dem zugrunde liegenden Artikel ein.
Auch die Regeln ziehen vielerorts nach: Vorschriften fördern in vielen Ländern den Einsatz recycelter Materialien in Neubauten. Abfallgesetze regeln den Umgang mit Baustellenabfällen, sollen Recyclingquoten erhöhen und Wiederverwendung festlegen. Teilweise müssen Bauunternehmen nachweisen, wie viel recyceltes Material sie eingesetzt haben. Förderprogramme schaffen finanzielle Anreize; österreichische Bautechniknormen geben Leitlinien für Qualität und Sicherheit beim Einsatz recycelter Baustoffe vor.
Für die kommenden Jahre werden digitale Planungsmethoden erwartet, die Projekte präziser machen und den Materialverbrauch senken. Intelligente Materialien könnten sich an Umweltbedingungen anpassen und die Lebensdauer von Gebäuden verlängern – genannt werden selbstreparierende Betonmischungen und leistungsfähigere Dämmstoffe. Modulare Bauweisen sollen Demontage, Wiederverwendung und Anpassungen über die gesamte Gebäudelebensdauer erleichtern. Neue Recyclingmethoden könnten die Wiederverwendung bestehender Materialien weiter verbessern. TULIUM bekommt dafür schon jetzt einen ziemlich konkreten Ort: den Campus Charlottenburg, mit Holz über dem Kopf, Schlacke auf dem Bildschirm und einer Hertzallee, die nebenan zur Schwammstadt werden soll.
Quelle: holzmagazin.com
Weitere Informationen: TU Berlin
Kontext: circularculture.eu
