Medea lesen, Fremdheit verstehen: Offener Lesekreis an der CAU begleitet Schimmelpfennigs Theatermarathon
Am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg wird in der Theatersaison 2026 ein „Medea-Marathon“ gezeigt: „FREMDE SONNE (Die Argonauten, Jason, Medea)“, eine sechsteilige Serie von Roland Schimmelpfennig unter der Regie von Karin Beier. Für Studierende und andere Interessierte an der CAU gibt es dazu im Wintersemester 2026/2027 eine Möglichkeit, tiefer einzusteigen – nicht im Zuschauerraum, sondern am Lesetisch.
Nach der Veranstaltung „Jetzt wird’s episch!“ zu Homers Odyssee startet ein offener Lesekreis zu Euripides’ Tragödie Medea. Das Stück entstand 431 v. u. Z. Gelesen wird eine deutsche Übersetzung; Vorkenntnisse braucht niemand. Einstieg, Ausstieg und Wiedereinstieg sind jederzeit möglich – angenehm unbürokratisch, gerade bei einem Semester, das erfahrungsgemäß ohnehin gern dazwischenfunkt.
Auftakt am 28. Oktober
Los geht es am 28. Oktober 2026 mit einer Einführung in das griechische Theater und der Besprechung der Vorszene des Dramas. Danach trifft sich die Gruppe wöchentlich, jeweils zu einer Szene oder einem Aspekt der Tragödie.
Auf dem Programm stehen die gemeinsame Lektüre der deutschen Übersetzung, Einführungen in Figuren, Themen, Motive und antike Dramaturgie sowie Gespräche, Fragen und Diskussionen. Geplant ist außerdem ein interdisziplinärer Austausch über Fachgrenzen hinweg. Der Lesekreis richtet sich an alle, die Euripides’ Medea lesen und gemeinsam verstehen möchten, ebenso an Besucher:innen, die sich auf die Medea-Vorstellungen am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg vorbereiten wollen, an Interessierte an antiker Literatur und an interessierte Leser:innen innerhalb und außerhalb der CAU.
Die Inszenierung am SchauSpielHaus trägt den Titel „FREMDE SONNE – Die Argonauten. Iason. Medea.“ und ist ein Schauspiel von Roland Schimmelpfennig. Folge V der sechsteiligen Serie heißt „Medea in Korinth – Die verlorenen Kinder“. Uraufgeführt wurde die Produktion am 27. September 2026. Sie dauert 1 Stunde 35 Minuten ohne Pause und ist ab 16 Jahren empfohlen.
Eine Fremde in Korinth
Auf dem Spielplan stehen am 25. Oktober 2026 um 20:00 Uhr, am 15. November 2026 um 19:30 Uhr, am 26. November 2026 um 19:30 Uhr und am 19. Dezember 2026 um 20:00 Uhr weitere Aufführungen im SchauSpielHaus.
Euripides’ „Medea“ gilt als eine der bekanntesten und verstörendsten Tragödien der Antike. Mehr als 200 Bearbeitungen haben den Stoff aufgegriffen. Ursprünglich war Medea nur eine Episode der Argonautensage; später wurde sie zu einer bedeutenden Frauenfigur der Weltliteratur.
Schimmelpfennig verbindet Euripides’ Tragödie mit psychologischen Elementen aus Franz Grillparzers Bearbeitung. Im Mittelpunkt steht das Mutterbild in einer von Männern geprägten Gesellschaft. Iason und Medea haben ein rastloses Nomadenleben in Griechenland hinter sich. Medea bleibt eine Fremde, wird misstrauisch beobachtet und gemieden. Den örtlichen Vorstellungen einer „guten“ Ehefrau und Mutter entspricht sie nicht.
Das Paar musste Iolkos verlassen, weil der Verdacht im Raum stand, den Herrscher Pelias ermordet zu haben. Im Asyl in Korinth will Iason die Beziehung beenden: Er plant, Medea zu verlassen, Kreusa, die Tochter des Königs, zu heiraten und dadurch selbst König zu werden. Medea und die gemeinsamen Kinder sollen aus Korinth verbannt werden.
Medea beschließt, ihre beiden Kinder zu töten. Sie versteht die Tat als Vergeltung für die Zurückweisung und das Misstrauen, denen sie ausgesetzt ist – und als Angriff auf Iason, auf sich selbst und auf die Entscheidung, ihm in eine fremde Welt zu folgen.
In der Produktion spielen Lina Beckmann, Wolfram Koch / Felix Knopp, Devid Striesow und Michael Wittenborn. Die Kinderrollen übernehmen Mattis Baumann, Lilli Döbler, Lennox Gunkel, Philipp Kaufmann, Jannis Kölbl und Thiemo Kolbl. Zudem wirken zahlreiche Tänzerinnen und Mitglieder des Frauenchors mit.
Für Bühne, Kostüme, Musik, Licht, Video, Choreografie und Dramaturgie zeichnen Johannes Schütz, Wicke Naujoks, Jörg Gollasch, Annette ter Meulen, Severin Renke, Valentí Rocamora i Torà und Sybille Meier verantwortlich.
In den Pressestimmen tauchen imperialistisches Streben, der Umgang mit Fremdheit und Freiheit, Fluchtbiografien, Integration, Macht, Ausgrenzung und die Suche nach Wahrheit auf. Mehrere Kritiken betonen die Verbindung des antiken Stoffes mit der Gegenwart. Tanz, Gesang, Nebel und Wasser prägen demnach eine groß angelegte Bühnenästhetik. Beschrieben wird die Produktion als Ensemblearbeit mit Lina Beckmann als Medea und Devid Striesow als Iason; mehrfach ist von einer erfolgreichen, ambitionierten und politisch relevanten Inszenierung die Rede. Die genannten Medien berichten außerdem von starkem Publikumszuspruch beziehungsweise stehendem Applaus.
Von Grillparzer bis Christa Wolf
Wie wandelbar diese Figur ist, zeigt schon Franz Grillparzers 1821 in Wien uraufgeführte Trilogie Das goldene Vlies. Der erste Abend, Der Gastfreund und Die Argonauten, erzählt von den Ereignissen in Kolchis und auf der Flucht. Der zweite Abend, Medea, verlegt das Ehedrama nach Korinth.
Ausgangspunkt ist König Aietes’ Ermordung seines Gastes Phryxus, der das Goldene Vlies nach Kolchis gebracht hatte. Aietes eignet sich das Vlies an. Medea verabscheut den Mord und entfremdet sich von ihrem Vater. Jason gewinnt ihre Liebe und nimmt trotz ihrer Warnungen das Vlies an sich. Medeas Bruder Absyrtus unterliegt Jason, gerät in Gefangenschaft und begeht Selbstmord.
In Korinth nehmen Kreon und seine Herrschaft Jason und Medea auf, die aus Iolkos geflohen sind. Medea vergräbt das Vlies, um sich von dessen Unheil zu lösen. Zwischen den Eheleuten wächst durch die belastete Vergangenheit und ihre unterschiedlichen kulturellen Prägungen die Entfremdung; in Korinth wird Medea als Fremde ausgegrenzt.
Kreon will sie von Jason trennen und seine Tochter Kreusa mit ihm verbinden. Medea akzeptiert die Verbannung, verlangt aber, die Kinder mitzunehmen. Die Kinder fliehen vor ihrer als wild wahrgenommenen Mutter und suchen Kreusas Schutz. Medea sieht Kreusa als Verführerin und beschließt aus Zurückweisung und Eifersucht ihre Mordtaten. Am Ende tötet sie Kreusa und die Kinder, bringt das Vlies nach Delphi zurück und unterwirft sich dem Urteil der dortigen Priester.
Grillparzer greift Euripides’ Motiv auf, Medea töte die Kinder zu ihrem vermeintlichen Besten: Bei Euripides sollen sie vor feindlicher Rache bewahrt werden, bei Grillparzer erscheint der Tod zusätzlich als Erlösung vom Leben.
Hans Henny Jahnn veröffentlichte seine Tragödie Medea 1926; eine überarbeitete Fassung erschien 1959. Die Handlung spielt an einem Tag in Jasons Haus in Korinth und ist nicht in Akte gegliedert. Medea wird als schwarze Frau dargestellt. Jahnn führt damit einen Rassengegensatz ein und knüpft an Pindars Bezeichnung der Kolcher als dunkelhäutig an. Medea hat Jason durch Zauberkraft verjüngt, altert selbst jedoch. Jason wendet sich Kreusa zu und empfindet Abscheu vor Medeas gealtertem Körper. Medea tötet die Kinder im Affekt; Sexualität, Eifersucht und Hass bestimmen das Verhalten beider Hauptfiguren.
Jean Anouilhs 1946 entstandenes Stück Médée gehört zu seinen „pièces noires“. Anders als Grillparzers Medea hat Anouilhs Figur tatsächlich Verbrechen begangen und wird verfolgt. Sie flieht mit Jason, den Kindern und ihrer Amme in einem Karren nach Korinth. Kreon spricht Jason von Schuld frei, verurteilt Medea
