Vier Plakate, vier politische Erzählungen: Wer den Schwalm-Eder-Kreis führen will
Am Sonntag, 8. November 2026, wird im Schwalm-Eder-Kreis ein neuer Landrat oder eine neue Landrätin gewählt. Amtsinhaber Winfried Becker (SPD) tritt nicht erneut an. Zur Wahl stehen Rosalie Bock (Freie Wähler), Anna-Maria Bischof (CDU), Luca Fritsch (SPD) und Sebastian Schackert (unabhängig). Erreicht niemand die absolute Mehrheit, folgt am 29. November eine Stichwahl.
Wie sich die vier Bewerberinnen und Bewerber präsentieren, hat Prof. Norbert Kersting von der Universität Münster untersucht. Der Politikwissenschaftler forscht zur lokalen Politik und ist Professor für vergleichende Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Kommunal- und Regionalpolitik. Seit 2016 führt er den Forschungsausschuss „Comparative studies of local government and politics“ der Internationalen Vereinigung für Politikwissenschaft.
Vier Plakate, vier politische Erzählungen
Rosalie Bocks Plakate setzen auf Rosa, Blau, Orange und Weiß. Das Design orientiere sich an Vorgaben der Freien Wähler auf Bundesebene, sagt Kersting. Rechts oben stehen das Wahldatum und der Slogan „Jetzt gilt‘s“. Der Datums-Hinweis sei allerdings eher ein zusätzlicher, nebensächlicher Bestandteil.
Inhaltlich wirbt Bock für einen anderen Blick auf die Kreisverwaltung. Beim Lesertreff erklärte sie, Prozesse müssten verkürzt und dadurch Kosten gespart werden. Ihre berufliche Erfahrung wolle sie einbringen, um eine weitere Perspektive zu eröffnen.
Die FREIEN WÄHLER Schwalm-Eder hatten Bock einstimmig nominiert. Kommunalpolitisch aktiv ist sie seit 2006 für die FWG Neukirchen. 2012 wurde sie erstmals in die Neukirchener Stadtverordnetenversammlung gewählt, seit 2016 gehört sie dem Magistrat der Stadt Neukirchen an. Seit 2026 sitzt sie außerdem im Kreistag des Schwalm-Eder-Kreises. Dort arbeitet sie in den Ausschüssen für ländlichen Raum, Bürgerbeteiligung und demografischen Wandel sowie für Soziales, Gesundheit, Jugend und Familie.
„Die Menschen im Landkreis sollten gehört und nicht übergangen werden“, erklärte Bock. Die Stärken der Region müssten bewahrt und weiterentwickelt werden, damit alle Generationen dort gut leben könnten. Sie setzt nach eigenen Angaben auf solide Finanzen, nachvollziehbare Entscheidungen, eine bürgerorientierte Verwaltung sowie praktische und lösungsorientierte Politik.
Auch beruflich bringt Bock Verantwortung mit. Nach ihrer Ausbildung zur Floristin legte sie 2008 die Meisterprüfung zur geprüften Floristmeisterin ab und qualifizierte sich zusätzlich als Master-Designerin Flower ART International. Bei der Weiterbildung zur geprüften Floristmeisterin wurde sie als Landesbeste ihres Jahrgangs ausgezeichnet. 2018 übernahm sie den elterlichen Floristik- und Gartenbaubetrieb in Neukirchen und führt ihn seither selbstständig. Zu ihren Aufgaben gehören wirtschaftliche Entscheidungen, Kundenorientierung, Personalverantwortung und der Umgang mit begrenzten Ressourcen.
Ihre politischen Schwerpunkte reichen von einer verlässlichen medizinischen und pflegerischen Versorgung über gute Bedingungen für Familien, Kinder und Jugendliche bis zu einer stärkeren Interessenvertretung der Kommunen. Hinzu kommen bessere Beteiligungsmöglichkeiten, zukunftsfähige Mobilität, digitale Infrastruktur, Unterstützung für regionale Unternehmen, Handwerk und Landwirtschaft, Maßnahmen gegen die Folgen des demografischen Wandels sowie eine leistungsfähige und verlässliche Kreisverwaltung. Mit Kreisfinanzen will sie verantwortungsvoll und transparent umgehen.
Bock möchte die unterschiedlichen Interessen der Städte und Gemeinden zusammenführen und die Bedingungen des ländlichen Raums berücksichtigen. Ehrenamtlich engagiert sie sich in der Tanz- und Trachtengruppe Loshausen sowie in der dortigen Musikgruppe. Als stellvertretende Schriftführerin übernimmt sie organisatorische Verantwortung. Die FREIEN WÄHLER stellen sie als Kandidatin dar, die kommunale Perspektiven und die wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Aufgaben des Landkreises aus eigener Erfahrung kennt.
Anna-Maria Bischofs Plakate bewertet Kersting optisch als die ansprechendsten und auch inhaltlich als überzeugend. Der Slogan „Es ist Zeit“ solle einen politischen Wechsel einleiten. Das sei nachvollziehbar, meint Kersting, weil seit langer Zeit eine andere Partei den Landrat stelle. Die CDU sei zudem die einzige Partei, die ihre Kandidatin auf dem Plakat direkt zur Landrätin erkläre.
Bischof sagte beim Lesertreff, es sei Zeit, an die Zukunft und besonders an die Kinder zu denken. Der Satz solle zum Nachdenken anregen; viele Fragen habe sie dazu bereits erhalten.
Luca Fritschs Plakat ist überwiegend dunkelblau und rot. In der blauen Farbe sieht Kersting eine mögliche Parallele zum Blau der AfD. Fritsch widerspricht: Dunkelblau sei die Lieblingsfarbe seines Sohnes und biete zusammen mit Weiß eine gute Lesbarkeit. Außerdem wolle er sich die Farben Schwarz-Rot-Gold nicht nehmen lassen.
Kersting beschreibt Fritschs Auftritt als eher nüchtern und informativ. Ein QR-Code und Hinweise auf Social-Media-Kanäle führen zu zusätzlichen Informationen. Der Slogan „Erfahren. Kompetent. Mit Herz für Schwalm-Eder“ verweist laut Kersting auf Fritschs berufliche Erfahrung. Fritsch war 14 Jahre in der Industrie tätig und ist seit fünf Jahren Bürgermeister von Willingshausen. Auf die Frage, was er besser könne als seine Mitbewerber, antwortete er, das sollten die Wähler selbst beurteilen.
Sebastian Schackerts Plakat wirkt nach Kerstings Einschätzung wie eine Arbeit in Eigenregie. Schackert habe dabei offenbar auf seine eigene Medienkompetenz gesetzt. Auf der Rückseite ist der gesamte Schwalm-Eder-Kreis abgebildet – vermutlich, um Heimatverbundenheit zu vermitteln. Positiv bewertet Kersting den QR-Code mit zusätzlichen Informationen.
Schackerts Slogan lautet „Gemeinsam für morgen“. Mit wem er etwas bewegen wolle? Mit den Bürgerinnen und Bürgern, antwortete er. Als Verwaltungschef müsse er führen können; das habe er in der Vergangenheit mehrfach gezeigt.
Ein guter Ton im Wahlkampf ist es laut Kersting, sich auf den Plakaten bei den Wählern zu bedanken – unabhängig davon, ob man gewinnt oder verliert. Bei Wahlwerbung zählt ohnehin nicht nur die große Parteifarbe. Gerade auf kommunaler Ebene organisieren Gemeinde-, Stadt- und Kreisverbände ihre Kampagnen häufig eigenständig und konzentrieren sich auf lokale Problemlösungen.
Wahlabend in Homberg, Stichwahl möglich
Die öffentliche Präsentation der Wahlergebnisse beginnt am Wahlabend, 8. November, um 18 Uhr im großen Sitzungssaal des Jugendamtes in der Hans-Scholl-Straße 8 in Homberg.
Der Ablauf entspricht dem üblichen Muster bei Direktwahlen von Landrätinnen und Landräten: Im ersten Wahlgang gewinnt grundsätzlich, wer mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen erhält. Wird diese absolute Mehrheit verfehlt, treten normalerweise die beiden stimmenstärksten Kandidierenden in einer Stichwahl gegeneinander an. Im Schwalm-Eder-Kreis ist dafür der 29. November vorgesehen.
Kommunalwahlen umfassen Wahlen zu Gemeinde- und Stadträten sowie Kreistagen. Hinzu kommen Direktwahlen von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, Oberbürgermeistern sowie – mit Ausnahme von Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein – Landrätinnen und Landräten. Mehrere Gemeinden bilden einen Landkreis; größere Städte sind kreisfreie Städte.
Rechtliche Grundlage ist Artikel 28 Absatz 1 des Grundgesetzes. Vertretungen in Ländern, Kreisen und Gemeinden müssen aus allgemeinen, unmittelbaren, freien, gleichen und geheimen Wahlen hervorgehen. EU-Bürgerinnen und -Bürger mit Wohnsitz in Deutschland besitzen bei Kommunalwahlen das aktive und passive Wahlrecht. In kleinen Gemeinden kann eine Gemeindeversammlung an die Stelle einer gewählten Vertretung treten.
Die Kommunalwahlgesetze werden von den Ländern geregelt. Deshalb unterscheiden sich die Wahlsysteme erheblich. Neben Parteien treten Freie Wählergemeinschaften und Rathausparteien an; von der kommunalen politischen Willensbildung dürfen sie nicht ausgeschlossen werden.
Historisch entstanden vier kommunale Verfassungssysteme, die sich vor allem bei der Konstruktion der Gemeindespitze und bei der Machtverteilung zwischen Rat und Verwaltung unterscheiden. Heute dominiert die Süddeutsche Ratsverfassung. In nahezu allen Ländern werden Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sowie Landrätinnen und Landräte direkt gewählt. Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein bilden die Ausnahme: Dort bestimmen die Kreistage die Landrätinnen und Landräte.
Die kommunalen Wahlsysteme reichen von der Verhältniswahl mit starren Listen, etwa im Saarland, bis zu freien Listen mit Kumulieren und Panaschieren, etwa in Bayern und Baden-Württemberg. Beim Kumulieren können mehrere Stimmen auf eine Person konzentriert werden, beim Panaschieren Stimmen auf Kandidierende verschiedener Listen verteilt werden
