Am 7. Oktober 2026 liegen an der Uni Magdeburg Zahlen auf dem Tisch, die zugleich Mut machen und unangenehm nachhaken lassen: Die Gesundheit von Mädchen hat sich zwischen 2000 und 2023 in 178 von 192 untersuchten Ländern verbessert. Das zeigt der erstmals vorgestellte Weltmädchenindex von Plan International Deutschland und der Ruhr-Universität Bochum.

Erfasst wurden rund 971 Millionen Mädchen im Alter von fünf bis 19 Jahren. Weltweit hat sich ihre Sterblichkeit mehr als halbiert: Im Jahr 2000 starb durchschnittlich fast jedes 800. Mädchen, 2023 noch etwa jedes 1.700. Mädchen. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass Mädchen ein Kind bekommen, sank innerhalb von 23 Jahren um ein Drittel.

Fortschritte, aber nicht für alle

Besonders stark verbesserte sich die Mädchengesundheit im regionalen Durchschnitt in Subsahara-Afrika und Südasien. Weniger als zehn Prozent der Mädchen wachsen allerdings in Ländern mit sehr hoher Mädchengesundheit auf, darunter Australien und die meisten europäischen Länder. Fast jedes dritte Mädchen lebt in Staaten mit niedrigen oder sehr niedrigen Gesundheitswerten, die überwiegend in Afrika liegen. Im Jahr 2000 war es noch fast die Hälfte.

Die Risiken bleiben gravierend. Weltweit sterben durchschnittlich fast fünf Mädchen pro Stunde infolge von Schwangerschaft oder Geburt. Schwangerschaften und Geburten sind gerade für sehr junge Mädchen mit hohen gesundheitlichen Gefahren verbunden. Krisen und Konflikte können diese Lage durch sexualisierte Gewalt und einen eingeschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung weiter verschärfen.

Seit der Coronapandemie nimmt laut Index die gesundheitliche Ungleichheit zwischen den Ländern wieder zu. Der Index bildet langfristige Entwicklungen ab, kann akute humanitäre Notlagen aber nicht tagesaktuell erfassen. Für einige Bereiche fehlen außerdem noch ausreichend differenzierte Daten. Ein kleiner, aber entscheidender Haken.

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Der Weltmädchenindex misst bislang fünf Bereiche: die Sterblichkeit von Mädchen, adoleszente Fertilität, Müttersterblichkeit, Anämie und sexuell übertragbare Infektionen. Für 2028 sind vollständige Ergebnisse geplant. Dann sollen zusätzlich Bildung, Schutz sowie Chancen und Teilhabe einbezogen werden.

Ein Index für mehr als Gesundheitsdaten

Plan International Deutschland entwickelt den „Weltmädchenindex“ gemeinsam mit dem Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der Ruhr-Universität Bochum. Er soll weltweit die Lebensbedingungen von Mädchen und jungen Frauen erfassen – unter anderem in den Bereichen Armut, Gesundheit, Bildung, Gewalt und Teilhabe. Der erste Bericht soll 2027 veröffentlicht werden.

Der Index führt Daten zusammen, die bislang getrennt und nicht flächendeckend erhoben wurden, und macht Unterschiede messbar. Dabei sollen die besonderen Bedürfnisse von Mädchen berücksichtigt werden. Die unterscheiden sich gerade bei Gesundheitsversorgung, Teilhabe und Bildung von denen erwachsener Frauen.

Das IFHV bringt Erfahrung mit entwicklungspolitischen und humanitären Indizes mit. Das Institut verantwortet bereits Datensammlung und Auswertung des WeltRisikoBerichts und des Welthunger-Index. Nach Aussage von IFHV-Direktor Pierre Thielbörger soll der Index Informationen über die Lebensrealität von Mädchen liefern und Politik und Gesellschaft fundierte Entscheidungen ermöglichen.

Plan International will die Ergebnisse nutzen, um Mädchen gezielter durch Projekte zu unterstützen und Forderungen an Regierungen sowie die Zivilgesellschaft zu formulieren. Die bisherigen Ergebnisse zeigen nach Angaben der Herausgeber, dass Investitionen gesundheitliche Fortschritte bewirken können – und dass Entwicklungen auch wieder rückläufig werden. Erreichbare, gut ausgestattete Gesundheitseinrichtungen sowie Zugang zu Information und Bildung gelten als besonders wichtig.

Der Blick reicht dabei über medizinische Versorgung hinaus. Nach Angaben von Plan verschlechtern sich die Lebensbedingungen von Mädchen und jungen Frauen derzeit: Politische Entwicklungen gefährden bisherige Fortschritte, Konflikte, Kriege und der Klimawandel verschärfen die Lage. Obwohl Mädchen die gleichen Rechte haben, verfügen sie oft über schlechteren Zugang zu Bildung und Gesundheitsdienstleistungen und sind besonders häufig von sexualisierter Gewalt betroffen.

Vom Mädchenbericht zum Weltmädchenindex

Plan International veröffentlicht bereits seit 2007 Mädchenberichte. Die Reihe gilt als erste umfassende wissenschaftliche Serie, die sich ausschließlich mit der Diskriminierung von Mädchen befasst. Jeder Bericht behandelt ein anderes Schwerpunktthema. Ursprünglich waren neun Ausgaben vorgesehen, inzwischen erscheint jährlich eine Studie in verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Themen.

Die aktuelle Ausgabe von 2026 trägt den Titel „Change Her Forecast“. Sie untersucht die Auswirkungen des Klimawandels auf die sexuelle und reproduktive Gesundheit sowie die Rechte von Mädchen und jungen Frauen und bezieht die Erfahrungen und Ideen jugendlicher Mädchen und junger Frauen ein. Analysiert werden unter anderem die Folgen von Klimaschocks für den Zugang zu Verhütungsmitteln, geschlechtsspezifische Gewalt, Kinderheirat und Partnerschaften sowie ungewollte Schwangerschaften.

Dafür wurden 5.000 Mädchen und junge Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren in Bangladesch, Kenia, Peru, Senegal und Simbabwe befragt. Zusätzlich führte Plan persönliche Gespräche mit 139 Mädchen und jungen Frauen aus diesen Ländern.

Ebenfalls 2026 läuft „Real Choices, Real Lives“, eine 18-jährige globale Langzeitstudie unter Leitung von Plan International. Sie begleitet 142 Mädchen von der Geburt bis zum Erwachsenenalter. Die Mädchen und ihre Bezugspersonen dokumentierten ihre Lebensverläufe direkt. Untersucht wird, wie Armut, Geschlechternormen und globaler Wandel das Leben der Mädchen prägen.

Ein Jahr zuvor befasste sich „Let Me Be a Child, Not a Wife“ mit den Erfahrungen von Mädchen mit Kinderheirat. Die Studie basiert auf persönlichen Berichten von Überlebenden der Kinderheirat. Befragt wurden 251 Mädchen und junge Frauen aus 15 Ländern, die verheiratet sind oder waren oder in einer Partnerschaft leben: Bangladesch, Kambodscha, Indonesien, Nepal, Äthiopien, Mosambik, Uganda, Sambia, Kolumbien, die Dominikanische Republik, Guatemala, Ecuador, Nigeria, Niger und Togo. Hinzu kam eine Online-Umfrage mit 244 jungen Aktivistinnen gegen Kinderheirat aus denselben Ländern.

„Still We Dream“ von 2024 untersuchte die Erfahrungen junger Menschen, deren Leben von Konflikten geprägt ist. Der Bericht verglich geschlechtsspezifische Auswirkungen von Gewalt, Bildungsunterbrechungen, dem Verlust der Lebensgrundlage und emotionalen Belastungen. Berücksichtigt wurden Mädchen und junge Frauen ebenso wie Jungen und junge Männer; insgesamt nahmen 9.995 Menschen aus zehn Ländern teil. Im Mittelpunkt standen die Bedürfnisse und Rechte von Mädchen und jungen Frauen in Konflikt- und Friedenszeiten.

„Turning the World Around“ gab 2023 Einblicke in die Erfahrungen von mehr als 1.000 Teilnehmerinnen. Es ging darum, wie es ist, 2023 ein heranwachsendes Mädchen oder eine junge Aktivistin zu sein, unter anderem mit Blick auf Behandlung, Sicherheit und persönliche Einschränkungen.

2022 untersuchte „Equal Power Now“ die politische Beteiligung junger Frauen. Rund 29.000 Mädchen aus 29 Ländern wurden befragt, darunter 500 Mädchen und junge Frauen aus der Schweiz im Alter von 15 bis 24 Jahren.

„Free to Be Online“ nahm 2020 in 22 Ländern Belästigung und Missbrauch von Mädchen und jungen Frauen in sozialen Medien unter die Lupe. Mehr als die Hälfte der Befragten hatte Online-Gewalt erlebt. „Rewrite Her Story“ analysierte 2019 die Darstellung von Mädchen und Frauen in den 56 umsatzstärksten Filmen des Jahres 2018. „Unsafe in the City“ erschien 2018.

Der Bericht „Mädchen bleiben machtlos aufgrund von Gewalt und Diskriminierung“ von 2017 thematisierte Gewalt und Diskriminierung als Hindernisse für ein selbstbestimmtes Leben von Mädchen weltweit. „Counting the Invisible – Die Unsichtbaren zählen“ untersuchte 2016 fehlende Daten über das Leben von Mädchen und zeigte, wie bessere Daten zu mehr Gleichberechtigung beitragen können.

2014 ging es in „Mädchen auf dem Weg zur Mitbestimmung – Nachhaltigen Wandel schaffen“ um Mitbestimmung. „Bedroht, bedrängt, benachteiligt – Mädchen und Katastrophen“ erschien 2013. Der Bericht „Fürs Leben lernen“ von 2012 befasste sich mit der Bildungssituation von Mädchen: 39 Millionen Mädchen im Alter von 11 bis 15 Jahren besuchten keine Schule. Obwohl Mädchen und Jungen weltweit gleich häufig mit der Grundschule beginnen, schließen weniger Mädchen ihre Schulbildung ab. Armut und Diskriminierung führen insbesondere im Jugendalter zum Schulabbruch.

„Und was ist mit den Jungs?“ untersuchte 2011 die Rolle von Männern und Jungen im Kampf für Geschlechtergleichstellung