An der Uni Saarland geht heute, am 1.10.2026, eine Nachricht herum, die zunächst nach tropischer Reisemedizin klingt: Erstmals ist in Deutschland eine hierzulande erworbene Sindbis-Virus-Erkrankung bei einem Menschen bestätigt worden. Betroffen ist ein 60-jähriger Mann aus Baden-Württemberg, wie das Robert Koch-Institut (RKI) mitteilte.

Der Mann erkrankte nach RKI-Angaben am 12. Juli. Weil er in einem Stadtbezirk mit etablierten Populationen der Asiatischen Tigermücke lebt, wurde zunächst auf Chikungunya getestet. Danach weiteten die Ärzte die Diagnostik unter anderem auf das Sindbis-Virus aus. Im September gelang schließlich der Nachweis.

Erster direkter Zusammenhang in Deutschland

In der Umgebung von Weinheim waren bereits vor Jahren Antikörper gegen das Virus bei Blutspendern festgestellt worden. Auch in Stechmücken war das Sindbis-Virus dort zuvor nachgewiesen worden. Der aktuelle Fall ist nun der erste direkte Nachweis eines Zusammenhangs zwischen einer Infektion und einer Erkrankung in Deutschland.

Das RKI rechnet damit, dass bei bekanntem Virusvorkommen in Stechmücken und Wildvögeln auch menschliche Erkrankungen auftreten können. Ärzte sollen deshalb während der Stechmückensaison bei Fieber, Hautausschlag und starken Gelenkschmerzen eine Sindbis-Infektion mitbedenken. Das ist wichtig, weil die Beschwerden einer Chikungunya-Infektion ähneln können.

Das Sindbis-Virus, kurz SINV, zirkuliert hauptsächlich unter Vögeln und wird durch Stechmücken übertragen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht bekannt. Das Virus kommt unter anderem in Teilen Nordeuropas, Afrikas, Asiens und Australiens vor; die bekannte Verbreitung umfasst außerdem den östlichen Mittelmeerraum, Sizilien, Südamerika sowie Süd- und Südostasien.

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Fieber, Ausschlag, monatelange Gelenkschmerzen

Eine Infektion führt nur selten zu einer Erkrankung. Nach einer Inkubationszeit von etwa drei bis vier Tagen können plötzliches Fieber, ein juckender Hautausschlag beziehungsweise ein Exanthem und starke Gelenkbeschwerden auftreten. Wegen der ausgeprägten Gelenkentzündung wird das Krankheitsbild auch „epidemische Polyarthritis“ genannt. Es ähnelt einer Dengue-Infektion und wird deshalb als Dengue-ähnliches Syndrom bezeichnet.

Sindbis-Fieber gilt nicht als lebensbedrohlich. Fieber und Hautausschlag klingen meist innerhalb von ein bis zwei Wochen ab. Gelenkschmerzen können allerdings noch mehrere Wochen oder Monate anhalten und den Alltag ordentlich ausbremsen. In wenigen Fällen wurden neurotrope Sindbis-Viren mit nachfolgender Enzephalitis beschrieben.

Eine spezielle Therapie gegen das Virus gibt es nicht. Behandelt werden die Beschwerden mit schmerzstillenden und entzündungshemmenden Medikamenten. Die Infektion heilt meist ohne spezifische Therapie und überwiegend folgenlos aus. Eine Impfung steht derzeit nicht zur Verfügung.

Wer draußen unterwegs ist, kann sich mit langer Kleidung, Mückenspray und Mückennetzen schützen. Klingt banal, ist bei surrenden Stechmücken am Fenster aber manchmal der Unterschied zwischen ruhiger Nacht und einer sehr langen Nacht.

Ein Virus mit langer Forschungsgeschichte

Das Sindbis-Virus ist eine Virusspezies der Gattung Alphavirus und gehört zu den Arboviren, also zu Viren, die durch blutsaugende Vektoren übertragen werden. Beim SINV sind das vor allem Stechmücken der Gattung Culex. Vögel bilden das natürliche Reservoir.

Entdeckt wurde das Virus 1952. Forscher untersuchten damals Culex pipiens und Culex univittatus aus einem Teich nahe Sindbis beziehungsweise Sindibis in Ägypten, etwa 30 Kilometer nördlich von Kairo. Anlass war der Ausbruch einer fieberhaften Erkrankung.

Innerhalb der Alphaviren wird SINV der WEEV-Gruppe zugeordnet, dem „Western equine encephalitis virus complex“. Zu dieser Gruppe zählen außerdem das Fort-Morgan- beziehungsweise Buggy-Creek-Virus, das Highlands-J-Virus, das Westliches-Equine-Enzephalomyelitis-Virus und das Whataroa-Virus.

Die Spezies wird in sechs Subtypen mit historisch eigenen Namen unterteilt: Babanki-Virus, Kyzylagach-Virus, Sindbis-like Virus, Sindbis-like Virus YN87448, Karelisches-Fieber-Virus und Ockelbo-Virus. Das Kyzylagach-Virus stammt aus Aserbaidschan, das Karelisches-Fieber-Virus aus Karelien und das Ockelbo-Virus aus Schweden. Einige Subtypen verursachen das Karelische Fieber beziehungsweise das Ockelbo-Fieber.

Warum Deutschland trotzdem im Blick bleibt

In Mitteleuropa galten Infektionen bislang überwiegend als importierte Reiseinfektionen nach Aufenthalten in gefährdeten Regionen. Eine Verbreitung wurde wegen des Vogelzugs allerdings schon lange angenommen. In Deutschland war bislang kein natürliches Reservoir nachgewiesen; zugleich legten Virusfunde in Mücken und die Nachweise bei Vögeln nahe, dass die Geschichte komplizierter sein könnte.

Bereits 2010 wurde erstmals virale RNA eines Sindbis-Subtyps in Süddeutschland nachgewiesen – in Anopheles maculipennis, Culex torrentium und Culex pipiens. Der deutsche Subtyp ist mit dem schwedischen Ockelbo-Subtyp verwandt. Die häufige heimische Stechmückenart Aedes vexans kann das Virus dagegen nicht vermehren: Aufgenommene Viruspartikel werden durch die Verdauung der Virushülle proteolytisch zerstört. Eine Studie aus dem Jahr 2002 untersuchte genau diese Übertragung europäischer Sindbis-Viren durch Aedes vexans.

Das Ockelbo-Virus wurde in Schweden nachgewiesen, das Virus des Karelischen Fiebers in Osteuropa, unter anderem in Tschechien und Karelien. Die Subtypen gelten insgesamt als weniger pathogen. Untersuchungen von 1991 beschrieben die Struktur des Ockelbo-Virusgenoms und seine Beziehung zu anderen Sindbis-Viren. Weitere Arbeiten berichteten über die Isolierung des Erregers des Karelischen Fiebers aus Aedes communis in Karelien sowie über die erstmalige Beschreibung des Kyzylagach-Virus aus Culex modestus im damaligen Aserbaidschan.

Und noch ein eher unerwarteter Seitenweg: Gentechnologisch veränderte, nicht infektiöse Sindbis-Viren werden als Positivkontrollen eingesetzt, unter anderem bei Tests auf SARS-CoV-2. Sie prüfen, ob ein Testverfahren korrekt funktioniert und durchgeführt wurde. Im Labor also nützlich – draußen bleibt das kleine, von Mücken und Vögeln getragene Virus eine Sache, bei der Ärztinnen und Ärzte in der Saison genauer hinschauen sollten.