Synodalität in der katholischen Kirche: Warum Zuhören zur Machtfrage wird
An der Universität Passau ist am 9. Oktober 2026 viel von Zuhören die Rede – und davon, wie schwierig es sein kann. Bischof Stefan Oster aus Passau hält den Weg zu mehr Mitbestimmung in der katholischen Kirche jedenfalls für unumkehrbar. Ein neuer Bischof könne heute nicht mehr ohne Weiteres die Entscheidungen seines Vorgängers vollständig zurücknehmen.
Oster und die Linzer Pastoraltheologin Klara-Antonia Csiszar äußerten sich bei einer Veranstaltung der Katholischen Akademie in Bayern, des Bistums und der Universität Passau. Beide waren von 2021 bis 2024 an der Weltsynode in Rom beteiligt. Oster sprach dabei auffallend nüchtern über die alltägliche Seite von Synodalität: Ein Bischof sei auf die Zusammenarbeit mit seinem Verwaltungsapparat angewiesen. Er selbst treffe keine Entscheidung mehr ohne intensive Beratung. Angstfreie Gespräche könnten zu unerwarteten Ergebnissen führen – idealerweise entstehe ein Konsens.
Was in Pausen passiert
Eine wichtige Erfahrung gelebter Synodalität sei, dass Wesentliches oft in informellen Gesprächen und Pausen geschehe. Nicht unbedingt am großen Tisch, nicht nur im Protokoll. Das mit „Klerikalismus“ bezeichnete Leitungsproblem hänge eng damit zusammen, ob Beteiligte einander tatsächlich zuhören.
Csiszar formulierte es noch grundsätzlicher: Zuhören sei anstrengend. Synodalität bedeute, gemeinsam einen Weg zu gehen, dessen Ziel noch nicht feststehe. Statt den Weg vorzugeben, gehe es eher darum, Entwicklungen zu ermöglichen und hilfreiche Fragen zu stellen. Synodalität sei Beziehungsarbeit und ein Friedensprojekt in einer auseinanderfallenden Welt.
Wie sich das dauerhaft in Strukturen und Verfahren übertragen lasse, wisse sie noch nicht. Csiszar hoffe allerdings, dass auch viele andere Beteiligte darauf noch keine endgültige Antwort hätten. Trotz des unklaren weiteren Verlaufs sieht sie eine grundsätzliche Zustimmung zu mehr Beteiligung und Mitgestaltung in allen Bereichen der Kirche. Bischöfe müssten lernen, gegenüber dem Volk Gottes Rechenschaft abzulegen.
Die Rolle von Papst Franziskus würdigte Csiszar ausdrücklich. Er habe 2021 mit einer weltweiten Befragung von 114 Bischofskonferenzen den bislang größten Konsultationsprozess der Menschheitsgeschichte gestartet. Zu Beginn hätten manche Bischöfe die Beantwortung der Fragen aus Rom noch allein erledigt. Inzwischen hätten immer mehr Menschen erfahren, dass Katholizität für Weite und nicht für Enge stehe.
Vom Fragebogen bis zur Weltversammlung
Die diözesane Phase lief von Oktober 2021 bis August 2022. Weltweit konnten Gläubige ihre Meinungen zum synodalen Prozess einbringen, allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Das Bistum Basel schloss die Beteiligung früh ab und veröffentlichte die Ergebnisse. Im Erzbistum Köln startete die Kampagne „Sag’s dem Papst“; deren Ergebnisse wurden am 1. Mai 2022 von einer diözesansynodalen Versammlung beschlossen. Andere Diözesen beteiligten hauptsächlich bestehende kirchliche Gremien.
Auf dieser Ebene kamen kirchliche Reformen zur Sprache – erstmals bei einer Weltbischofssynode auch Zölibat, Homosexualität und Frauenordination. Stellungnahmen etwa aus Basel und Köln forderten die Einführung des Frauenpriestertums.
Die nationalen Bischofskonferenzen sollten bis August 2022 zehnseitige Zusammenfassungen für den Vatikan erstellen. Schwester Nathalie Becquart bezeichnete diese Phase als besonders wichtig, weil sie dem Hören auf das Volk Gottes in seiner Vielfalt diene. Anfang August 2022 veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz einen 13-seitigen Bericht. Er fasste Rückmeldungen aus 27 deutschen (Erz-)Diözesen und dem Katholischen Militärbischofsamt zu zehn Fragen des weltweiten synodalen Prozesses zusammen.
Die Antworten lagen weit auseinander: Einige waren enttäuscht und erwarteten nichts mehr, andere lehnten Veränderungen ab. Die Mehrheit wünschte sich eine offene, empathische und authentische „Kultur der Synodalität“. Der Synodale Weg in Deutschland wurde als Versuch dargestellt, systemische Ursachen sexuellen Missbrauchs zu beseitigen und die Kirche zu erneuern. Die Synodalversammlungen erhielten in der kirchlichen und außerkirchlichen Öffentlichkeit breite Aufmerksamkeit, während die Resonanz in den Gemeinden eher gering beschrieben wurde.
In die Weltsynode sollten die Themen des Synodalen Wegs als wichtige deutsche Anliegen eingebracht werden: der gleichberechtigte Zugang aller Getauften, auch von Frauen, zu kirchlichen Ämtern, eine Neubewertung der Sexualmoral, ein diskriminierungsfreier Umgang mit homosexuellen und queeren Menschen, Verantwortungsübernahme für Missbrauch, die Kontrolle kirchlicher Macht und Wiedergutmachung gegenüber Betroffenen.
Ähnliche Reformthemen wurden aus den USA, Australien, der Schweiz, Österreich, Belgien, Irland und Großbritannien berichtet. Genannt wurden die Diskriminierung von Frauen, Homosexuellen und anderen Gruppen, der Ausschluss von Frauen aus Diakonat und Priestertum, der Widerstand von Bischöfen gegen Veränderungen, die fehlende Berücksichtigung der Erfahrungen und Meinungen von Laien sowie die notwendige Verringerung der Distanz zwischen Klerus und Laien. In Irland sprachen sich 96 Prozent der befragten Katholiken für den Zugang von Frauen zum Priesteramt aus.
Beim Synodenbüro gingen etwas mehr als 100 Zusammenfassungen von 114 Bischofskonferenzen ein. Sie enthielten Ergebnisse aus Befragungen von Pfarreien, Verbänden, geistlichen Bewegungen, Universitäten und Ordensgemeinschaften. Auch katholische Ostkirchen und die Internationale Union der Generaloberen übermittelten Zusammenfassungen. Daraus entstand das Arbeitsdokument „Mach den Raum deines Zeltes weit“ für die kontinentale Phase.
Sieben Kontinente, viele offene Fragen
Bis März 2023 berieten sieben kontinentale Versammlungen über dieses Dokument: Afrika, Ozeanien, Asien, der Nahe Osten, Europa, Lateinamerika und die Karibik sowie die USA und Kanada.
An der Versammlung für Lateinamerika und die Karibik nahmen 415 Personen teil: 65 Bischöfe, 70 Priester, 61 Ordensleute, 16 Diakone und 194 Laien. Die europäische Konferenz, häufig „Prager Synode“ genannt, fand vom 5. bis 12. Februar 2023 in zwei Phasen statt. Organisiert wurde sie vom Rat der Europäischen Bischofskonferenzen.
In der ersten Phase nahmen Delegationen der 39 nationalen Bischofskonferenzen mit Klerikern und Laien teil. Deutschland war unter anderem durch Georg Bätzing, Irme Stetter-Karp, Thomas Söding und Beate Gilles vertreten. Österreich und die Schweiz entsandten ebenfalls Delegationen; zusätzlich konnten je zehn weitere Vertreter online teilnehmen. In der zweiten Phase vom 10. bis 12. Februar berieten ausschließlich die 39 Vorsitzenden der europäischen Bischofskonferenzen.
Nach Abschluss veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz eigene „Schlussbemerkungen“ mit acht Punkten für die weitere Beratung. Die Abschlussberichte der kontinentalen Versammlungen, darunter der Bericht der Prager Synode, wurden im März 2023 veröffentlicht.
Nach einer weiteren Beteiligung der Ortskirchen beschloss Papst Franziskus im Oktober 2022, die Weltsynode mit einer zweiten Versammlung im Oktober 2024 abzuschließen. Neben Bischöfen erhielten auch vom Papst bestimmte Priester, Ordensleute und Laien Stimmrecht. Grundlage dafür war die Apostolische Konstitution Episcopalis communio von 2018.
Mehr Stimmen am Tisch
Die erste Weltversammlung im Oktober 2023 hatte 375 stimmberechtigte Mitglieder: 275 Bischöfe, 55 Priester und Ordensleute sowie 45 Laien. Erstmals waren Frauen stimmberechtigte Mitglieder einer Bischofssynode; etwa ein Siebtel der Delegierten war weiblich. Zusätzlich nahmen acht Gäste und 75 nicht stimmberechtigte Experten teil.
Deutschland entsandte Georg Bätzing, Bertram Meier und Franz-Josef Overbeck; Stellvertreter waren Matthäus Karrer und Stefan Zekorn. Österreich wurde durch Franz Lackner, die Schweiz durch Felix Gmür vertreten. Weitere deutschsprachige Teilnehmer kamen aufgrund ihrer Funktionen oder durch päpstliche Ernennung hinzu. Kritiker stellten wegen des Stimmrechts von Nichtbischöfen die bischöfliche Autorität der Versammlung infrage.
