An der Universität Konstanz geht es an diesem 4. November 2026 nicht nur um Vorlesungspläne und Prüfungsstress. Für jüdische Studierende ist der Campus für viele ein Ort geworden, an dem sie genauer überlegen, was sie tragen, sagen oder lieber verschweigen. Drei Jahre nach dem Hamas-Terrorangriff auf Israel hat sich die Lage an deutschen Hochschulen laut mehreren Berichten deutlich verändert.

Antisemitische Vorfälle nahmen stark zu. Jüdische Studierende berichten von Ausgrenzung, Beschimpfungen und Bedrohungen; manche verstecken aus Angst ihre Identität. Nach Zahlen der Amadeu-Antonio-Stiftung, die auf einer RIAS-Erhebung beruhen, wurden von 2022 bis 2025 insgesamt 1056 antisemitische Vorfälle an deutschen Hochschulen dokumentiert: 23 im Jahr 2022, 151 im Jahr 2023, 458 im Jahr 2024 und 424 im Jahr 2025.

Wenn der Campus zum Rückzugsort wird

Besonders sichtbar wurden die Spannungen nach dem 7. Oktober 2023. An der Freien Universität Berlin besetzten propalästinensische Aktivisten einen Hörsaal. Es kam zu Auseinandersetzungen, Beschimpfungen und Anzeigen. Der frühere Student Tim Gronert berichtete, von Teilnehmern umringt und als „Zionisten-Schwein“ sowie „dreckiges Arschloch“ beschimpft worden zu sein.

Laut der Amadeu-Antonio-Stiftung verstecken jüdische Studierende teils ihre Davidsternketten, tragen keine Kippa in der Öffentlichkeit und sprechen nicht über familiäre Verbindungen nach Israel. Einige meiden den Campus vollständig, weil sie mit Anfeindungen rechnen. Eine Befragung der Jüdischen Studierendenunion Deutschland und der Anti-Defamation League ergab, dass rund 85 Prozent ihre jüdische Identität auf dem Campus bereits bewusst verborgen hatten. Etwa ein Drittel kennt jüdische Kommilitonen, die verbal oder körperlich bedroht wurden; rund 20 Prozent berichteten von konkreten körperlichen Angriffen im Studienumfeld.

Das passt zu den Eindrücken aus dem Lagebild „Antisemitismus #15 – In feindlicher Umgebung“ der Amadeu Antonio Stiftung, das die Situation seit dem 7. Oktober 2023 untersucht. Genannt werden Schmierereien, Einschüchterungen, Bedrohungen, Angriffe, antisemitische Mobilisierung und hochschulpolitische Aktivitäten. Jüdische Studierende reagieren demnach mit Selbstzensur, sozialem Rückzug, dem Verbergen ihrer Identität und dem Meiden bestimmter Orte und Veranstaltungen. Viele fühlen sich von ihren Hochschulen nicht ausreichend geschützt oder ernst genommen. Unklare Zuständigkeiten, fehlende Anlaufstellen und unzureichende Reaktionen verstärken den Vertrauensverlust. Auch antisemitismuskritische und jüdische Studierende sowie entsprechende Hochschulinitiativen geraten unter Druck.

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Im Lagebericht zu Hochschulen 2025 wird außerdem beschrieben, dass solche Vorfälle an Universitäten in ganz Deutschland vorkommen – auch in kleineren Universitätsstädten mit begrenzteren Unterstützungsangeboten. Jüdische Studierende und Hochschulmitarbeitende berichten seit dem 7. Oktober 2023 von verbalen Anfeindungen, Hörsaalbesetzungen, Einschüchterungen und Angriffen.

Von Flyern bis zu Angriffen

Die RIAS-Meldestellen dokumentierten 2025 bundesweit 8.725 antisemitische Vorfälle, nach 8.627 im Jahr 2024. Davon ereigneten sich 410 an Hochschulen; 2024 waren es 450. Der Jahresbericht wurde am 17. Juni 2026 veröffentlicht. Seit dem 7. Oktober 2023 besteht laut RIAS ein anhaltend hohes Vorfallniveau, gegenüber 2022 hat sich die Zahl mehr als verdreifacht.

Hochschulvorfälle bezogen sich häufig ausdrücklich auf den 7. Oktober 2023 und die folgenden Kriege. Sie wurden bei Veranstaltungen, auf Flyern, durch Schmierereien und Aufkleber sowie in Wahlkämpfen für studentische Gremien sichtbar. Bei 86 Prozent der Hochschulvorfälle stellte RIAS Stereotype des israelbezogenen Antisemitismus fest. Dazu gehörten israelfeindliche Schmierereien in Toiletten, das Abstreiten oder Leugnen sexualisierter Gewalt im Zusammenhang mit dem 7. Oktober 2023 und Schoa-Relativierungen wie „Was denn für sechs Millionen?“

Das Feindbild „Zionismus“ spielte bei den Vorfällen 2025 laut RIAS eine zentrale Rolle. Erfasst wurden 178 Angriffe und 257 Bedrohungen, häufig an alltäglichen Orten. 27 Prozent aller antisemitischen Vorfälle ereigneten sich online. Mit 807 rechtsextremen Vorfällen verzeichnete RIAS den höchsten Wert seit Beginn der bundesweiten Erhebung 2020. Dazu zählten die Verbreitung von Verschwörungsmythen, die Verherrlichung des Nationalsozialismus und Wünsche nach einer Wiederholung der Schoa.

RIAS-Geschäftsführer Benjamin Steinitz erklärte, Antisemitismus werde offen und aggressiv geäußert; Jüdinnen, Juden und politische Gegner würden eingeschüchtert und Gewalt werde legitimiert. RIAS fordert entschlossenes Handeln von Staat, Justiz und Verwaltung sowie eine widerstandsfähige Zivilgesellschaft.

Die Berliner Zahlen geben dem Ganzen einen weiteren, ziemlich schweren Unterton: RIAS Berlin registrierte für 2025 insgesamt 2.197 antisemitische Vorfälle. Der Bericht wurde am 20. Mai 2026 veröffentlicht. Das seit dem 7. Oktober 2023 deutlich erhöhte Niveau blieb bestehen. Angriffe und gezielte Sachbeschädigungen gingen gegenüber dem Vorjahr teilweise zurück, insgesamt lagen die Zahlen aber weiterhin deutlich über dem Niveau vor 2023.

Der 2025 erschienene RIAS-Bericht zu Berlin 2024 hatte 2.521 Vorfälle dokumentiert – nahezu sieben pro Tag. Gegenüber dem Vorjahr wurden fast doppelt so viele Vorfälle registriert. Beschrieben werden eine Zunahme antisemitischer Gewalt und langfristige Veränderungen seit dem 7. Oktober 2023. Für Betroffene bedeutet das zeitliche, emotionale, soziale und finanzielle Belastungen. Besonders zermürbend sind langwierige Gerichtsverfahren sowie Auseinandersetzungen an Hochschulen und Arbeitsplätzen über Schutzräume und die Anerkennung von Antisemitismus.

Wo politische Kritik endet

Die Anthropologin Dani Kranz beobachtet eine zunehmende Verbreitung israelbezogenen Antisemitismus in bestimmten akademischen Disziplinen. Besonders in den Geistes- und Sozialwissenschaften sei er überrepräsentiert. Kranz sieht ideologische Überschneidungen verschiedener Gruppierungen und gemeinsame Feindbilder; die Verbindung von linkem und muslimischem Judenhass bereite ihr besondere Sorgen.

Nicht jeder propalästinensische Protest gilt automatisch als antisemitisch. Kritik am Krieg in Gaza, an der israelischen Regierung oder an deutschen Waffenlieferungen ist eine legitime politische Meinungsäußerung. Eine Grenze wird laut Kranz überschritten, wenn Israel dämonisiert, seine Existenz delegitimiert oder mit Doppelstandards beurteilt wird. Als Beispiele nennt der Artikel Beschimpfungen wie „Kindermörder“ und die pauschale Verantwortlichmachung von Juden für die Politik Israels.

Kranz beschreibt außerdem eine sogenannte „Derealisierung“: Historische Fakten, geopolitische Zusammenhänge und jüdische Perspektiven werden ausgeblendet. RIAS analysiert ebenfalls die zunehmende Verwendung des Begriffs „Zionismus“ als antisemitisches Feindbild. „Zionismus“ werde unter anderem mit Faschismus oder Nationalsozialismus gleichgesetzt und zur politischen Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden sowie anderen Personen eingesetzt. Das Feindbild diene sowohl der Delegitimierung Israels als auch der Markierung politischer Gegner.

Vergleichbare Entwicklungen gibt es laut Artikel auch an Hochschulen in Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden. Die Studie „Gebildeter Antisemitismus an Universitäten in Deutschland – Orte der Toleranz?“, 2025 im Nomos Verlag erschienen, untersucht Antisemitismus im akademischen Milieu. Zwischen 2019 und 2021 dokumentierte RIAS mindestens 31 antisemitische Vorfälle an deutschen Universitäten. Hinzu kamen umstrittene Veranstaltungen, antisemitische Seminarinhalte und antiisraelische Boykottkampagnen wie BDS.

Antisemitismus tritt laut dieser Studie häufig in subtiler Form auf und wird als vermeintliche „Israelkritik“ dargestellt. Rhetorische Strategien und Verschleierungstechniken können antisemitische Inhalte in den öffentlichen Diskurs bringen. Empirische Untersuchungen zu Antisemitismus an Hochschulen gibt es bislang nur wenige. Der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus des Deutschen