Live-In-Betreuung in Deutschland: Studie zeigt prekäre Arbeitsbedingungen osteuropäischer Pflegekräfte
Hamburg, 5.11.2026. Hinter vielen Türen privater Haushalte wird Pflege organisiert, die sonst kaum zu stemmen wäre. Eine neue Studie von Francesca Barp vom Hamburger Institut für Sozialforschung und Nikolai Huke von der Universität Hamburg zeigt, unter welchen Bedingungen Live-In-Betreuerinnen in Deutschland arbeiten. Grundlage sind 24 qualitative Interviews mit Live-In-Betreuerinnen und Rechtsberatungsstellen.
Die Betreuerinnen halten die häusliche Pflege demnach oft unter erheblicher körperlicher und psychischer Belastung aufrecht. Das deutsche Pflegesystem ist in privaten Haushalten stark auf die Arbeit osteuropäischer Migrantinnen angewiesen. Gleichzeitig werden gesetzliche Vorgaben wie das Arbeitszeitgesetz und der Mindestlohn in der Praxis regelmäßig umgangen.
Eine Versorgungslücke, die in den Wohnungen landet
Der Bedarf an Pflege und häuslicher Betreuung nimmt zu. Viele Familien haben jedoch nicht genügend Zeit oder Geld, um die notwendige Unterstützung selbst zu organisieren. Staatliche Hilfe reicht laut Studie ebenfalls nicht aus. Also zieht eine Betreuerin ein, ist rund um die Uhr greifbar, hilft beim Aufstehen, Waschen, Essen und bei den vielen kleinen Handgriffen, die sich über den Tag verteilen. Die Grenze zwischen Arbeitszeit und Bereitschaft? In der Realität oft kaum sichtbar.
Gerade diese Konstruktion macht die Lage so heikel. Der Zugang zum Arbeitsrecht wird laut Studie durch Scheinselbstständigkeit, Sprachbarrieren, Machtungleichgewichte und die Isolation in den Privathaushalten erschwert. Wer allein in einer Wohnung arbeitet, hat nicht eben Kolleginnen am Nebentisch, mit denen sich ein Problem besprechen lässt. Und wer die eigenen Rechte nicht kennt oder Angst vor dem Verlust der Beschäftigung hat, protestiert nicht unbedingt.
Die Beratungsstelle „Faire Mobilität“ berichtet, dass formal bestehende Rechte für migrantische Beschäftigte in der Praxis nur eingeschränkt zugänglich seien. Auf dem Papier kann vieles geregelt sein. Im Alltag bleibt davon mitunter wenig übrig.
Vorschläge für einen anderen Weg
Langfristig empfiehlt die Studie einen Umbau hin zu einer bedarfsdeckend finanzierten Pflege. Kurzfristig nennen die Autorin und der Autor mehrere Maßnahmen: ein Direktanstellungsgebot, staatliche Kontrollen und Musterprozesse gegen Scheinselbstständigkeit. Außerdem brauche es eine verbindliche rechtliche Tätigkeitskategorie für Live-In-Betreuung.
Vorgeschlagen werden ebenso der Ausbau niedrigschwelliger Rechtsberatung und Rechtsaufklärung sowie Schutzkonzepte für einen sicheren Ausstieg aus Ausbeutungsverhältnissen. Hinzu kommen eine gesetzliche Beweislastumkehr bei Verstößen gegen Arbeitszeitregelungen und digitale Gerichtsverfahren aus den Herkunftsländern der Beschäftigten. Gerade dieser letzte Punkt könnte wichtig sein, wenn Betroffene Deutschland bereits verlassen haben oder den Weg zu einem Gericht hier nicht schaffen.
Die Studie trägt den Titel „Live-in-Betreuung und Arbeitsrecht. Formalisierte Entrechtung und informelle Barrieren des Zugangs zum Recht in Deutschland“. Erschienen ist sie als kostenlos verfügbares Arbeitspapier der Hans-Böckler-Stiftung.
Was die Quellen hergeben
Ein ergänzend bereitgestellter Abschlussbericht des Bundesgesundheitsministeriums zur Live-In-Betreuung enthält in der vorliegenden Fassung keine lesbaren Nachrichteninhalte, sondern ausschließlich komprimierte und technische PDF-Daten. Zusätzliche auswertbare Fakten lassen sich daraus daher nicht entnehmen.
Die Untersuchung aus Hamburg rückt damit eine Pflegeform ins Licht, die im Alltag vieler Familien längst dazugehört, rechtlich aber zwischen privaten Haushalten, Vermittlung, Selbstständigkeit und Beschäftigung festhängt. In Küchen, Fluren und Schlafzimmern wird weitergearbeitet – häufig dort, wo Arbeitszeit eigentlich längst vorbei sein müsste.
Quelle 1: Informationsdienst Wissenschaft
Quelle 2: Bundesgesundheitsministerium
