Northwest Alliance kämpft mit Marsforschung und Hör-KI um Bremens Exzellenzstatus
Heute entscheidet sich an der Uni Bremen, ob die Universität Bremen gemeinsam mit der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg erneut den Exzellenzstatus erhält. Die Entscheidung soll am Nachmittag des 2. Oktober 2026 fallen. Beide Hochschulen treten als Verbund „Northwest Alliance“ an.
Für Bremen geht es um mehr als einen Titel. Der Status verspricht Prestige und in den kommenden sieben Jahren fast 150 Millionen Euro aus Bundes- und Landesmitteln. Bremen war bereits einmal Exzellenzuniversität, verlor die Auszeichnung aber im Wettbewerb 2019. Nun könnte die Universität wieder zu den 15 deutschen Exzellenzuniversitäten gehören – etwa neben der TU München und der Universität Hamburg.
Fünf Plätze, elf Bewerber
Insgesamt konkurrieren elf Universitäten und Verbünde um fünf Plätze. Zu den Bewerbern zählen unter anderem die Medizinische Hochschule Hannover und die Universität zu Köln. Ein internationales Expertengremium hat die Hochschulen bei Vor-Ort-Terminen unter die Lupe genommen. Bewertet wurden dabei unter anderem Infrastruktur, Lehr- und Forschungsqualität sowie die Effizienz der Verwaltung. Rechnerisch liegen die Chancen angesichts des Bewerberfelds ungefähr bei 50 Prozent.
Die „Northwest Alliance“ bewirbt sich mit zwei Forschungsclustern: Im ersten geht es um die Herausforderungen einer möglichen Besiedlung des Mars, im zweiten um die Erforschung des Meeresbodens. Als besonderes Merkmal führt der Verbund die Zusammenarbeit mit der niederländischen Universität Groningen an. Mit ihr arbeitet Oldenburg bereits seit 1980 zusammen.
Damit ist die „Northwest Alliance“ der einzige Bewerberverbund, der zugleich länderübergreifend – Bremen und Niedersachsen – und staatenübergreifend – Deutschland und die Niederlande – organisiert ist. Sollte der Antrag Erfolg haben, sollen die Gelder unter anderem in den Ausbau der Zusammenarbeit, gemeinsame Professuren mit Lehrstühlen an beiden Standorten und die Weiterentwicklung bestehender Forschungsprojekte fließen. Gemeinsame, hochschulübergreifende Professuren wären nach Angaben der Universitäten ein Novum.
Hören mit Genen, Daten und künstlicher Intelligenz
Zu den Forschungsprojekten der Allianz gehört auch Hearing4all, kurz H4a. Das Cluster vereint die Universität Oldenburg, die Medizinische Hochschule Hannover und die Leibniz Universität Hannover. Ziel ist, Prognose, Diagnostik und Behandlung von Hörverlust zu verbessern. In zwei Förderperioden seit 2012 hat H4a bereits bedeutende Forschungsergebnisse erzielt.
In der neuen Förderphase kommen zusätzliche Forschungsdisziplinen hinzu, damit Hörverlust umfassender untersucht werden kann. Forschende setzen unter anderem neue genetische Methoden ein. Außerdem prüfen sie, wie Künstliche Intelligenz Hörgeräten und Hörimplantaten helfen kann, wichtige von unwichtigen Klangquellen zu unterscheiden. Gemeinsame Datenstandards sollen das Training KI-basierter Systeme ermöglichen. Diese Systeme könnten individuell vorhersagen, wie wahrscheinlich ein Hörverlust eintreten kann.
Ein weiteres Forschungsfeld klingt fast nach Science-Fiction, sitzt aber direkt am Ohr: Hörgeräte sollen sich zu einer „Gesundheitszentrale am Ohr“ weiterentwickeln. Sensoren könnten langfristige medizinische Daten liefern und dabei helfen, gesundheitliche Risiken frühzeitig zu erkennen. Dabei berücksichtigen die Forschenden auch die Lebensrealität der Betroffenen – etwa den Einfluss von Mehrsprachigkeit auf das Hören und die Bedeutung des Hörens für soziale Interaktionen. Eine enge Zusammenarbeit mit außeruniversitären Partnern soll dafür sorgen, dass die Ergebnisse möglichst schnell in der Praxis ankommen.
Entscheidung durch Wissenschaft und Politik
Über Antragsskizzen und Anträge der Exzellenzstrategie entscheiden das Committee of Experts und die Exzellenzkommission. Das Committee besteht aus 39 ausgewiesenen Forschenden aus verschiedenen Wissenschaftsgebieten und deckt das gesamte Disziplinenspektrum ab. Die Mitglieder bringen außerdem langjährige Erfahrungen mit, unter anderem im Ausland, im Hochschulmanagement, in der Lehre oder in der Wirtschaft.
Dem Committee gehören der oder die Vorsitzende des Wissenschaftsrats sowie der Präsident oder die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ohne Stimmrecht an. Gemeinsam führen sie den Vorsitz. Das Gremium legt Förderbedingungen fest, bewertet Skizzen und Anträge auf Grundlage fachwissenschaftlicher Begutachtungen, gibt Förderempfehlungen an die Exzellenzkommission und entscheidet, welche Skizzen zur Antragstellung berechtigen. Auch die Ergebnisse der Evaluation von Exzellenzuniversitäten gehören zu seinen Aufgaben.
Die Exzellenzkommission setzt sich aus dem Committee of Experts sowie den für Wissenschaft zuständigen Ministerinnen und Ministern des Bundes und der Länder zusammen. Sie entscheidet auf Grundlage der Empfehlungen des Committees über die Förderung von Exzellenzclustern und Exzellenzuniversitäten. Am Nachmittag wird sich zeigen, ob die Northwest Alliance dazugehört.
Kritik am Wettbewerb
Nicht alle fiebern der Entscheidung entgegen. Der Bremer AStA kritisiert, die Exzellenzstrategie sei vor allem auf Prestige ausgerichtet. Statt einzelner Wettbewerbe solle die Grundfinanzierung aller Universitäten erhöht werden. Hochschulen müssten sich derzeit immer wieder über Antragsverfahren finanzieren – ein Dauerlauf mit Aktenordnern statt verlässlicher Basis.
Auch das „Netzwerk Nachhaltige Wissenschaft“, dem mehrere Professorinnen und Professoren angehören, beanstandet die Kosten und den Aufwand des Exzellenzverfahrens. Die Spannung bleibt also: Hier die Hoffnung auf fast 150 Millionen Euro und neue gemeinsame Strukturen, dort die grundsätzliche Frage, ob Hochschulen ihre Zukunft tatsächlich in immer neuen Wettbewerben beantragen sollten.
