Goethe-Universität plant radikale Neuordnung: Aus 16 Fachbereichen sollen sieben werden
Die Goethe-Universität Frankfurt steht vor einem tiefen organisatorischen Einschnitt. Das Präsidium will die derzeit 16 unterschiedlich großen Fachbereiche auf sieben größere Einheiten reduzieren. Grundlage ist ein 59 Seiten umfassendes Zukunftskonzept, das neben der Neugliederung von Fachbereichen und Verwaltung auch einen möglichen Zeitplan beschreibt. Heute, am 21.10.2026, ist allerdings noch nichts entschieden.
Der Universitätssenat soll sich am Mittwoch in einer Klausur mit dem Konzept befassen. Beschlüsse sind dabei noch nicht vorgesehen. Die Hochschulleitung begründet ihren Vorstoß mit dauerhaft deutlich engeren finanziellen Rahmenbedingungen durch den Hochschulpakt 2026–2031, zunehmender Wissenschafts- und Demokratiefeindlichkeit, Fachkräftemangel und demografischem Wandel sowie der schnellen Entwicklung Künstlicher Intelligenz. Die bisherigen Strukturen erschwerten eine angemessene Reaktion auf diese Entwicklungen.
Sieben Fachbereiche, deutlich weniger Professuren
Nach den Vorstellungen der Hochschulleitung sollen Institute künftig jeweils acht bis 16 Professuren umfassen. Geplant sind folgende Fachbereiche:
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Recht, Wirtschaft und Governance: Die bisherigen Fachbereiche Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sollen zusammengehen. Vier Juraprofessuren und sieben Ökonomieprofessuren würden entfallen. Wirtschaftspädagogik soll nicht fortgeführt werden. Außerdem könnte die bisher auf zwei Fachbereiche verteilte Wirtschaftsinformatik zusammengeführt werden.
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Verhaltens-, Erziehungs- und Sozialwissenschaften: Erziehungs- und Politikwissenschaften, Soziologie, Psychologie und Sport sollen gebündelt werden. Humangeographie, Ethnologie und Kulturanthropologie könnten dazukommen. Vorgesehen sind Einsparungen von je drei Professuren in Erziehungswissenschaft und Psychologie, zwei in Sportwissenschaft, je einer in Ethnologie/Kulturanthropologie und Humangeographie sowie sechs Professuren in Sozial- und Politikwissenschaften.
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Geschichte, Kultur und Religion: Dieser Bereich wäre einer von künftig zwei statt bisher fünf geisteswissenschaftlichen Fachbereichen. Geschichtswissenschaft, Philosophie, Religions- und Kulturwissenschaften einschließlich Islamischer Studien und Judaistik, Theologien sowie eine neu zu bildende Einheit Altertumswissenschaften sollen zusammengefasst werden. Die Altertumswissenschaften würden Archäologie, Ethnologie, Klassische Philologie, Alte Geschichte und Antike Philosophie umfassen. Mindestens acht Professuren sollen entfallen. Eine Zusammenführung der katholischen und evangelischen Theologie wird wegen des Staatskirchenrechts als schwierig, aber möglich eingeschätzt.
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Literatur, Sprache und Kunst: Neuere und Ostasiatische Philologien, Empirische Sprachwissenschaft, Afrikanistik, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Kunstpädagogik könnten in einem Fachbereich landen. Mindestens zehn Professuren sollen eingespart werden.
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Informatik, Mathematik, Physik: Die Fachbereiche Physik sowie Mathematik und Informatik sollen zusammengeführt werden. Die Physik soll sechs Professuren verlieren, die Informatik eine. In der Mathematik seien Einsparungen wegen der Altersstruktur erst langfristig möglich. Natur- und Lebenswissenschaften beschreibt das Konzept zugleich als überwiegend forschungsstark und profilprägend; es gibt zahlreiche Kooperationen und einen geförderten Exzellenzverbund. Einige Studiengänge hätten allerdings geringe Studierendenzahlen und niedrige Absolventenquoten.
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Lebenswissenschaften: Biochemie, Chemie und Pharmazie sowie Biowissenschaften sollen zusammenkommen. Auch das Institut für physische Geographie soll dazugehören. Vorgesehen sind Einsparungen von einer Professur in Pharmazie, fünf in Chemie und vier in Biologie. Offen ist noch, wo das Institut für Atmosphäre und Umwelt sowie das Institut für Geowissenschaften künftig angesiedelt werden.
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Medizin: Der Fachbereich soll seinen bisherigen Namen und Zuschnitt behalten. Für das Präsidium ist er bereits ein Beispiel für einen großen Fachbereich mit autonomer Budgetverantwortung. Forschung, Lehre und Innovationstransfer prägen das Profil der Universität. Konkrete Einsparziele nennt das Konzept für die Medizin nicht.
Parallel sollen die Kooperationen zwischen den Rhein-Main-Universitäten Frankfurt, Darmstadt und Mainz verstärkt werden. Die drei Hochschulen werden ab dem kommenden Jahr als Exzellenzuniversitäten geführt und erhalten über sieben Jahre bis zu 155 Millionen Euro von Bund und Ländern.
Der Hochschulpakt setzt den finanziellen Rahmen
Der Druck kommt nicht aus dem Nichts. Am 17. Juli 2025 unterzeichneten die Leitungen der 14 hessischen Hochschulen und das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur den Hochschulpakt 2026–2031. Er regelt die Landesfinanzierung für diesen Zeitraum. Weil die Steuereinnahmen niedriger ausfielen als prognostiziert, sieht der Pakt umfangreiche strukturelle Kürzungen vor. Seit 2002 wird die Hochschulfinanzierung in Hessen über solche zwischen Land und Hochschulen ausgehandelten Pakte geregelt.
Das größte Stück des Geldes ist ein Sockelbudget, dessen Verteilung sich an den Studierendenzahlen von 2020 orientiert. Hinzu kommt ein Erfolgsbudget, das Zielerreichungen in Forschung, Lehre, Gleichstellung und Internationalisierung berücksichtigt. Im neuen Pakt sinkt das Hochschulbudget 2026 um 30 Millionen Euro. Die Erfolgsparameter werden neu geregelt, Tarifsteigerungen von 2025 nicht vollständig finanziert und jene von 2026 nur begrenzt kompensiert. Künftige Personalkostensteigerungen werden bis zu 2,5 Prozent sowie oberhalb von vier Prozent im jeweiligen Folgejahr ausgeglichen; zwischen diesen Grenzen können Eigenanteile der Hochschulen anfallen. Inflationsbedingte Sachkostensteigerungen werden nicht kompensiert.
Die Hochschulen starten nach eigenen Angaben bereits mit einem Defizit in die Laufzeit. Frühere Budgetsteigerungen seien durch höhere Bau- und Energiekosten sowie zusätzliche Aufgaben vollständig aufgebraucht worden. Weitere Tarif- und Inflationssteigerungen dürften das Loch in den kommenden sechs Jahren vergrößern. Insgesamt rechnen die Hochschulen mit einem Defizit von etwa einer Milliarde Euro – rund zehn Prozent des Personalbudgets. Sie müssten schrumpfen und strukturelle Veränderungen vornehmen.
In einer gemeinsamen Erklärung warnten die Präsidentinnen und Präsidenten der TU Darmstadt, der Goethe-Universität Frankfurt, der Frankfurt University of Applied Sciences und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt, Forschung, Lehre und Kunst seien für Fachkräfte, Innovationen und die wirtschaftliche Entwicklung wichtig. Einsparungen von mehr als zehn Prozent gefährdeten die Fachkräftebasis und die Leistungsfähigkeit der Hochschulen. Der angekündigte Schrumpfungsprozess betreffe Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften ebenso wie Natur-, Ingenieur- und Lebenswissenschaften sowie Medizin.
Die Entwicklung der Studierendenzahlen sei bei der Verteilung des Sockelbudgets nicht angemessen berücksichtigt worden. Hochschulen, die ihre Studierendenzahlen in den vergangenen fünf Jahren weitgehend gehalten hätten, würden durch den neuen Schlüssel gegenüber Hochschulen benachteiligt, die weniger Studierende aufgenommen hätten. Die Neuregelung der Erfolgsparameter belaste die Hochschulen zudem unterschiedlich stark. In den kommenden Jahren werde es vor allem darum gehen, Leistungseinschränkungen zu begrenzen.
Goethe-Universitätspräsident Enrico Schleiff sagte, die Hochschulen seien sich ihrer Mitverantwortung für die Haushaltskonsolidierung bewusst. Der Pakt führe jedoch ohne Übergangsphase und ohne Berücksichtigung früherer Leistungen kurzfristig zu starken Einschnitten. Die Goethe-Universität müsse zunächst bremsen, um Veränderungen im Rahmen ihres Hochschulentwicklungsplans zu planen. Eine Verringerung der Studierendenzahl würde wegen ihrer Bedeutung für die Finanzierung zu weiteren Mittelverlusten führen.
Auch aus Darmstadt, Offenbach und dem Frankfurter Musikhochschulbetrieb kommen deutliche Signale. Frankfurt-UAS-Präsident Kai-Oliver Schocke teilte mit, die Nachfrage nach den Studiengängen sei weiterhin hoch. Seine Hochschule habe ihre Studierendenzahl entgegen dem hessischen Trend gehalten, müsse das Studienplatzangebot nun aber deutlich reduzieren. Sie wolle den Transformationsprozess gestalten und attraktiv bleiben.
HfMDK-Präsident Elmar Fulda erklärte, die Zustimmung zum Pakt sei dem Präsidium schwergefallen. Ab 2026 müssten Personal- und Sachkosten gesenkt werden, Stellen würden verzögert oder nicht neu besetzt, Leistungen in Kunst, Forschung, Lehre und Verwaltung eingeschränkt. Die Hochschule sehe den Pakt als langfristige Veränderung und dauerhaften Wettbewerbsnachteil bei der Gewinnung von Talenten. Sie müsse festlegen, welche Aufgaben künftig entfallen und was zum Kerngeschäft gehört.
TU-Darmstadt-Präsidentin Tanja Brühl hätte sich mehr Zeit
